Eine Gewalttat gegen den „jüdischsten Ort Europas“

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Blick auf Schongau, Foto: Thomas Springer

Der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (RIAS Bayern) liegt ein Dokument vor, welches als ‚Manifest‘ des mutmaßlichen Täters von Schongau in einem einschlägigen Internetforum veröffentlicht wurde und von RIAS Bayern als authentisch eingestuft wird. Ein 16-jähriger Schüler soll Anfang Juli auf dem Gelände eines Gymnasiums im oberbayerischen Schongau zwei 13-jährige Mädchen mit einem Messer schwer verletzt haben.

„Das Dokument gibt einen Einblick in eine verstörende Gedanken- und Gefühlswelt voller Gewalt- und Vernichtungsfantasien. Antisemitismus fungiert in dem Text als umfassende Welterklärung und gibt allen als negativ wahrgenommenen Ereignissen im Leben des Autors einen großen Rahmen“, sagte RIAS-Bayern-Leiterin Annette Seidel-Arpacı.

Der Autor des Textes geht von einer „verjudeten“ Gesellschaft aus, die von einem. „Zionist occupied government“ (ZOG) kontrolliert werde, wobei Deutschland als besonders ‚betroffen‘ dargestellt wird. ‚Die Juden‘ erscheinen als ungemein mächtige, im Hintergrund agierende Gruppe.

In dem 19-seitigen Schriftstück finden sich zahlreiche antisemitische Begriffe und Motive. Der englischsprachige Text nutzt Schmähwörter und Slang wie „kikes“, „jewrope“, „jewsus“ (für Jesus) oder „jewrocuckland“. Es finden sich Vorstellungen von einer jüdisch wahrgenommenen Macht („ZOG“), die Menschen mit Medikamenten, staatlichen Institutionen, Religion oder Nahrungsmitteln für finstere Zwecke gefügig mache. Politische Parteien werden alle als „von Juden finanziert“ abgelehnt.

Mit „Zero day“ bezeichnet der Autor den Tag des Attentats. Dieser solle „den mit Abstand jüdischsten Ort in Europa treffen“. Zwar werde der Attentäter keine direkten „ZOG-Institutionen“ angreifen, jedoch „die Schafe schlachten, die helfen, sie aufrechtzuerhalten“ – Lehrerinnen und Lehrer.

„Der ideologische Hintergrund des Autors ist schwer in Kategorien zu fassen. Seine Fantasien, auch durchzogen von sexualisierten Foltervorstellungen, gegen – wie er selbst sagt – alle Menschen, erinnern an den nihilistischen, gewaltbereiten Extremismus. Eine transnationale Online-Szene, in der Gewalt Selbstzweck ist. Das Dokument steht in der Tradition vorangegangener ‚Manifeste‘ von Attentätern, bei denen Antisemitismus als grundlegende Welterklärung diente“, sagte Seidel-Arpacı.

Einen besonders hasserfüllten Fokus legt der Autor auf das Leben und die Menschen auf dem Land. Die dörfliche ‚Jeder kennt hier jeden‘-Dynamik wird als besonders ausgeprägt wahrgenommen. Jeder, der gegen die „jüdische Norm“ verstoße, werde schwer bestraft.

Der Verfasser bezeichnet sich als Person, die insbesondere die abrahamitischen Religionen hasse. Nach abwertenden Äußerungen zu Christen und Muslimen schließt er einen Abschnitt zu diesem Thema mit der Aussage: „Und ich glaube nicht, dass ich überhaupt über die Juden (im Original englisches Schmähwort „kikes“) reden muss – deren Art lutscht buchstäblich die Vorhaut von Babies, verdammt noch mal.“

Über den alles rahmenden und ‚begründenden‘ Antisemitismus des Dokuments hinaus sind weitere Analysen etwa zu den Gewaltfantasien des Autors gegen Frauen vonnöten.