Während der Proteste gegen die sog. Justizreform in Israel waren es vor allem Frauen, die auffielen, als sie mit roten Umhängen und weißen Hauben durch die Straßen zogen. Es war ein Bild, das der Verfilmung von „The Handmaid’s Tale“ entlehnt war, jener düsteren Zukunftsvision einer Gesellschaft, in der Frauen entrechtet werden. Die Botschaft war damals, vor drei Jahren, dass Israel immer mehr in eine Gesellschaft abdriftet, die Frauen ausgrenzt, an den Rand drängt. Wie berechtigt diese Sorge war, zeigt sich jetzt erneut deutlich.
Kurz vor der Auflösung hat die Knesset mit 52 gegen 43 Stimmen ein Gesetz verabschiedet, das die Geschlechtertrennung in der akademischen Ausbildung ausweitet. Initiiert von Limor Son Har-Melech (Otzma Jehudit), erlaubt die Novelle künftig getrennte Studiengänge auch für den Master und das Doktorat. Bislang gab es das bereits, allerdings nur im Bachelor-Bereich, und vor allem an Colleges für für Ultraorthodoxe.
Formal soll die Trennung nur in Hörsälen gelten, nicht in öffentlichen Bereichen der Hochschulen. Die Teilnahme sei freiwillig, jede Hochschule brauche eine Genehmigung des Hochschulrats. Befürworter argumentieren, das Gesetz senke Hürden für religiöse Studierende und erhöhe die Erwerbschancen charedischer Frauen. Kritiker sehen das ganz anders und warnen vor „Abschlüssen zweiter Klasse“ und einem Rückschritt bei der Gleichstellung. Anders als im Bachelor, wo fehlende Grundlagenfächer nachgeholt werden müssen, gebe es in forschungs- und laborintensiven Aufbaustudien keinen sachlichen Grund für Trennung.
Besonders alarmiert sind die Dekane der medizinischen Fakultäten Israels. In einem gemeinsamen Brief warnten sie, das Gesetz gefährde die Qualität der medizinischen Ausbildung, die öffentliche Gesundheit und die internationale Anerkennung des israelischen Medizinstudiums. Wenn Studiengänge nach Geschlecht statt nach Qualifikation organisiert werden, drohen Ausbildungslücken in praktischen, patientennahen Fächern. Die Dekane fragten pointiert, ob man bei der Operation eines Angehörigen den bestqualifizierten Chirurgen wolle – oder einen mit dem „richtigen“ Geschlecht.
Auch außerhalb der Hochschulen wächst die Sorge vor einem Dammbruch. Na’amat-Chefin Hagit Pe’er nannte das Gesetz einen weiteren Sargnagel für die Frauenrechte. Sie verwies auf bereits bestehende Initiativen zur Trennung im öffentlichen Raum, etwa getrennte Gehwege in Bnei Brak, und warnte, als Nächstes folgten Busse und Einkaufszentren.



