
Das Hamburger Nachrichten-Magazin Der Spiegel wartete mit einer reißerischen Titelgeschichte auf: „Der Mossad, Israels Geheimdienst/Methoden, Erfolge – und sein Versagen in Iran“.
Von Detlef zum Winkel
Eine leicht gekürzte Version erschien zuvor in: Jungle World, 2026/30.
Schon im Vorspann wird die Botschaft ausgegeben: „Für die einen ist der Mossad der beste, für die anderen der kriminellste Geheimdienst. Doch nun haben Israels Spione die Welt in die Irankrise geführt.“ Bei Spiegel-online klingt es so: „Der Geheimdienst, der die Welt in die Iran-Krise geführt hat.“ Es sei, so heißt es, „ein Krieg, der seither zu einer Weltkrise geführt hat“. „Wie konnte es dazu kommen?“ fragt der Spiegel. „Die Suche nach einer Antwort führt in die Geschichte des Mossad, die auch die Geschichte Israels ist; eines Davids, der zum Goliat wird.“
Der knapp 6000 Wörter umfassende Text enthält keine substantiell neuen Informationen, auch keine Gerüchte, die nicht schon vorher verbreitet worden wären. Bekanntes wird neu gemischt, mit exklusiven Details gewürzt und unmerklich für die Intentionen des Spiegel zurechtgebogen.
Der Artikel beginnt mit dem Pager-Angriff Israels auf Kämpfer der libanesischen Hisbollah im September 2024. Weil Handys leicht überwacht und geortet werden können, hatte die Miliz, eine Stellvertreterorganisation der Islamischen Republik Iran, nach anderen Kommunikationsgeräten gesucht, ohne zu bemerken, dass diese von einer Tarnfirma des Mossad angeboten wurden und mit Sprengstoff präpariert waren. Dann wurden sie ferngesteuert gezündet, töteten Dutzende von Personen und verletzten 3000 weitere. Der Leser lernt: raffiniert, brutal, unmenschlich. Die fähigsten Kader der Hisbollah, Ingenieure beispielsweise, seien nun Pflegefälle. Freilich: was bedeutet „fähig“ bei Hisbollah-Kämpfern, was der Superlativ? Wofür nutzen sie ihr ingenieurtechnisches Knowhow? Bitter: Die Pflegefälle belasten die Finanzen der Hizbollah. Da regt sich doch gleich Mitleid.
Auf diese Einstimmung, im Fachjargon Framing genannt, folgt eine Auflistung der bekanntesten Aktionen des Mossad. Da heißt es z.B.: „1972 bis 1979: Operation Zorn Gottes. Ermordung der Verantwortlichen für den Angriff auf das israelische Team bei den Olympischen Spielen in München.“ Demnach war die Geiselnahme im olympischen Dorf der bayrischen Landeshauptstadt, in deren Zuge elf israelische Olympiateilnehmer massakriert wurden, ein „Angriff“, die Verfolgung der palästinensischen Terroristen hingegen „Mord“. Wer hat folglich das größere Verbrechen begangen? Dass die deutschen Behörden eine Mitverantwortung trugen, weil sie den israelischen Sportlern nicht den Schutz boten, der erforderlich gewesen wäre, geht dabei komplett unter.
Weiter: 2010 habe der Mossad die Schadsoftware Stuxnet „entdeckt“, womit mehr als tausend iranische Zentrifugen zerstörten wurden. Leider kennt Der Spiegel den Unterschied zwischen Entdecken und Erfinden nicht. Entdeckt wurde Stuxnet nach seinem Einsatz vom Hersteller einer bekannten russischen Antiviren-Software. Erfunden wurde diese Art von Cyber-Sabotage gegen Industrieanlagen von US-amerikanischen Geheimdiensten, die schon lange mit solchen Trojanern experimentierten. War es der Mossad, der die Software dann programmiert hat? Dazu brauchte man Leute, die mit proprietären Siemens-Programmen umgehen konnten und die gab es eigentlich nur beim deutschen Technologie- und Elektrokonzern. Aber wer wird denn glauben wollen, dass es noch andere Leute waren, die diesen Coup bewerkstelligt haben?
In der Auflistung der Mossad-Taten sticht eine aus der Sicht der Autoren besonders heraus. 2018 entführten israelische Agenten „das Atomarchiv“ aus Teheran, archivierte Dokumente des iranischen Atomprogramms. Danach zeigte Premierminister Benjamin Netanyahu die Beute im Fernsehen und lieferte Donald Trump in dessen erster Amtszeit als US-Präsident einen Anlass, das Wiener Abkommen (JCPOA) seitens der USA zu kündigen. Durch seinen Schattenkrieg habe der Mossad den JCPOA zum Scheitern gebracht. „In gewisser Weise habe der israelische Auslandsgeheimdienst mit dem Diebstahl des Atomarchivs sogar dazu beigetragen, Israel unsicherer zu machen“, zitiert Der Spiegel den früheren stellvertretenden Direktor des Mossad, Ram Ben-Barak. Dass der Coup der Öffentlichkeit präsentiert wurde, sei „ein riesiger Fehler“ gewesen, sagt er.
Die Autoren des Nachrichtenmagazins machen keinen Hehl daraus, dass sie diese Meinung teilen und lassen damit ein merkwürdiges Berufsethos erkennen. Hätte man verschweigen sollen, dass der Iran ein Atomwaffenprogramm unterhält? Dann wäre es diplomatisch sicherlich auch klüger zu schweigen, wenn dieses Programm sein Ziel erreicht hat. »Democracy dies in darkness«, heißt es doch. Auch an Vergesslichkeit: Die wesentlichen Inhalte des Atomarchivs waren dem BND schon 15 Jahre vorher zugespielt worden. Der deutsche Dienst bezweifelte damals ihre Echtheit.
Doch der Mossad sei damit nicht zufrieden gewesen. Jahrelang habe er auf den Ausbruch eines offenen Krieges mit dem Iran hingearbeitet und 2025 Erfolg gehabt. 2026 habe Netanyahu Trump zu einem weiteren Krieg überredet, weil der Mossad in Aussicht gestellt haben soll, der ehemalige iranische Präsident Ahmadinejad werde bei einem Regimewechsel mitmachen. Trump sei „regelrecht verliebt“ in die Ahmadinejad-Idee gewesen und habe grünes Licht gegeben, obwohl seine Berater davor gewarnt hätten, behauptet der Geheimdienstexperte Ronen Bergman, der die New York Times regelmäßig mit vermeintlichen Insider-Informationen aus Israel versorgt und nun auch den Spiegel bedient.
An dieser Stelle soll nicht der Mossad verteidigt werden, der wie jeder Geheimdienst eine verderbliche Einrichtung ist. Er operiert jenseits gesetzlicher Schranken und demokratischer Kontrolle und wurde wie jeder Geheimdienst zu eben diesem Zweck geschaffen. Doch Der Spiegel versucht, eine Legende über die Kriegsschuld zu konstruieren, die nicht nur falsch, sondern auch hinterhältig ist. Nicht der Mossad hat diesen Krieg verursacht, auch nicht Trump oder Netanyahu, sondern die finstere Entschlossenheit der Teheraner Machthaber, den Iran zu einer Atommacht zu machen.
Nicht einmal den Anlass zum Krieg hat der Mossad geliefert. Den gab die Hamas am 7. Oktober 2023 mit ihrem barbarischen Überfall auf israelische Gemeinden, der von den damals ranghöchsten Repräsentanten der Islamischen Republik unverhohlen bejubelt wurde. Die Lesart des Spiegel rückt diese Fakten zugunsten einer höchst zweifelhaften Agentenstory in den Hintergrund. Ihre Autoren warten wahrscheinlich darauf, dass man sie des Antisemitismus bezichtigt, damit sie sich dann lauthals auf die Meinungsfreiheit berufen und die verfolgte Unschuld spielen können. Machen wir es mal anders: Diese Frage sollten sie sich selbst stellen.


