Nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs kehrt Falk Neft nach Deutschland zurück – körperlich unversehrt, doch innerlich zerrissen. Entfremdet von seinem Glauben und entwurzelt, sucht er nach Sinn, Wahrheit und seiner geistigen Heimat. Autor Isaac Breuer (1883–1946) war ein prägender Denker der deutsch-jüdischen Orthodoxie, Rechtsgelehrter und Aktivist der Agudat Israel. Als Enkel von Samson Raphael Hirsch verband er traditionelle Tora-Treue mit moderner Bildung. Breuer emigrierte 1936 nach Jerusalem, wo er für einen auf der Tora gegründeten jüdischen Staat eintrat. Sein Werk bleibt ein Schlüsseltext orthodox-jüdischen Denkens, das nun im Morascha Verlag neu aufgelegt wurde.
Rezension von Yizhak Ahren
Der langjährige Einsatz von Professor Matthias Morgenstern (Universität Tübingen) für das vielseitige Werk des deutsch-jüdischen Philosophen Isaac Breuer (1883-1946) verdient Bewunderung. Kürzlich ist eine Neuauflage von Breuers Roman „Falk Nefts Heimkehr“ aus dem Jahre 1923 erschienen, zu der Morgenstern ein kurzes Vorwort sowie ein längeres instruktives Nachwort geschrieben hat. Außerordentlich hilfreich sind seine anschaulichen Erläuterungen zu Breuers Text; die Fußnoten enthalten zahlreiche Literaturhinweise, die dem interessierten Leser eine Vertiefung ermöglichen. Auch wer die Originalausgabe besitzt, wird sicher von der neuen Auflage profitieren.
Im Ersten Weltkrieg diente Isaac Breuer als deutscher Soldat. Aber sein Roman ist kein autobiographisches Buch; erzählt wird die dramatische Lebensgeschichte des Unteroffiziers Falk Neft, dessen fromme Eltern Mitglieder der orthodoxen Gemeinde in Frankfurt am Main sind. Schreckliche Kriegserlebnisse haben die religiöse Einstellung des Soldaten erschüttert, während seines Militärdienstes hat Falk Neft sich dem Judentum entfremdet. Bei seiner Rückkehr beichtet er seiner Mutter: „Durch und durch bin ich entweiht!“
Der Titel des Romans ist übrigens doppelsinnig. Einerseits ist von der Heimkehr eines Soldaten die Rede; die verheerenden Folgen des Krieges werden geschildert. Andererseits lässt sich der Titel auf Nefts Heimkehr ins Judentum beziehen, die im letzten Teil des Romans sehr schön beschrieben wird.
In den heftigen Dialogen zwischen Vater Neft, einem erfolgreichen Geschäftsmann, und seinem heimkehrenden Sohn kommen weltanschauliche Konflikte zur Sprache. Nicht zu übersehen ist zwischen den Zeilen Breuers scharfe Kritik am Zustand des jüdischen Bürgertums! Aufgrund seiner Bibellektüre meint der eine Beziehung zu Gott suchende Sohn, die Jüdischkeit seines Vaters sei mangelhaft und gar nicht im Sinne der Tora.
Der Sohn wünscht sich eine fundierte Stärkung seiner jüdischen Identität. Dieses Ziel erreicht er nach einer ungewöhnlichen Begebenheit durch eine fünfjährige Lehre bei einem ostjüdischen Talmudisten. Morgenstern merkt an, Breuer selbst habe sechs Jahre auf der Jeschiwa seines Vaters in Frankfurt Tora studiert. Der Roman vertritt ganz offen die bekannte Auffassung der Orthodoxie, dass derjenige, der ein wirklicher und echter Ben Tora werden möchte, jahrelang Tora lernen muss.
Breuers spannend geschriebener Prosatext behandelt grundsätzliche Fragen des jüdisch-religiösen Lebens in der modernen Welt. Er ist deshalb heute noch lesenswert, auch wenn sich die Gesamtsituation des jüdischen Volkes im letzten Jahrhundert zweifellos enorm gewandelt hat.
Isaac Breuer, Falk Nefts Heimkehr. Ein Heimkehr Roman nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, Morascha Verlag 2026, 216 S., Euro 19,90. Bestellen?



