Die Frage, ob und wie Ultraorthodoxe (Haredim) in die Armee integriert werden sollten, bestimmt seit Monaten die Schlagzeilen in Israel und rüttelt an den Grundfesten der Koalition. Während die Politik über Quoten, Sanktionen und Gesetzesentwürfe streitet, zeigt die Praxis an der Basis längst, dass es durchaus möglich ist, eine religiöse Lebensweise mit dem Militärdienst zu vereinen. Mittlerweile sind von den ca. 200.000 Soldaten im aktiven Militärdienst etwa 60.000 religiös.
Dass beides gut miteinander vereinbar ist, beweist auch die Arbeit der NGO Tzalash, die seit mittlerweile 13 Jahren religiöse Soldaten vor, während und nach ihrem Dienst begleitet. Kurz vor einer symbolischen „Bar Mitzwa“-Feier der Organisation sprachen wir mit Ronny Gast, dem Direktor für Tzalash Europa, über die Arbeit der Organisation, den enormen Wandel seit dem 7. Oktober und die Herausforderung, unterschiedliche Welten zu verbinden.
Wortspiel mit tiefer Bedeutung
Gegründet wurde Tzalash von Rabbiner Peretz Einhoren. Ihm selbst wurde gesagt, dass er während seines Militärdienstes sicher die Kippa abnehmen würde. Das Gegenteil war der Fall und nach seinem Dienst begann er, junge Männer in einem religiösen Vorbereitungsprogramm für den Militärdienst zu betreuen. In den ersten Jahren war er dabei allein, doch bald zeigte sich, dass der Bedarf sehr viel größer war, als er alleine abdecken konnte. Damit war Tzalash geboren.
Der Name ist ein cleveres Wortspiel. Die Abkürzung „Tzalash“ steht eigentlich für „Tziun leSchevach“ und meint „Auszeichnung“. In der NGO ist es das Akronym für „Tzava L’shem Shamayim“, was so viel wie „Armee um des Himmels willen“ bedeutet. Die Kernphilosophie: Militärdienst ist auch eine Mitzwa (religiöse Pflicht) und es ist möglich, in der einen Hand die Waffe, in der anderen die Thora zu halten.
Umfassende Begleitung
Tzalash hat in den vergangenen 13 Jahren mehr als 120.000 Soldaten begleitet, berichtet Ronny. Bereits vor der Rekrutierung besuchen Teams von Tzalash die Jugendlichen in den vormilitärischen Akademien (Mechinot) und Religionsschulen (Jeschiwot) und bereiten sie spirituell und mental auf das vor, was sie erwartet. Ronny betont, dass das bereits ein wichtiger Schritt sei, denn so wissen die Rekruten, dass sie nicht allein gelassen werden.
Während des Dienstes besuchen Koordinatoren die Soldaten fast täglich direkt an der Front oder auf den Stützpunkten. Nach dem Dienst hilft Tzalash bei der Rückkehr ins zivile Leben, um den Übergang zu erleichtern. Soldaten im Dienst werden von Tzalash auch mit religiösen Büchern versorgt. Nach dem 7. Oktober bestand ein sehr großer Bedarf an Ziziot (Schaufäden). Tzalash verteilte in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen gut 500.000 solcher Ziziot“, und sogar drusische und andere nichtjüdische Soldaten nutzten sie, berichtet Ronny.

Die Mehrheit der betreuten Soldaten stammt aus dem traditionellen und nationalreligiösen Lager. Da diese fast ausnahmslos in kämpfenden Fronteinheiten dienen, ist die NGO seit dem 7. Oktober 2023 auch massiv von Trauer und Verlust betroffen. Um das Andenken an die Gefallenen zu wahren, initiiert Tzalash auch Gedenkprojekte, etwa die Verteilung von Tfilin (Gebetsriemen) im Namen der Gefallenen.
Zwischen den Fronten: Ultraorthodoxe „Lone Soldiers“
Auf die Betreuung von ultraorthodoxen Soldaten angesprochen, erzählt Ronny, dass es in diesem Bereich große Veränderungen gebe. Mittlerweile gibt es eine rein ultraorthodoxe Einheit, die Haschmonaim-Einheit.
Ein besonders sensibles Kapitel seien die sogenannten „Lone Soldiers“ (einsame Soldaten). Gemeint sind damit junge wehrpflichtige Israelis, deren Familie im Ausland lebt und die ihren Militärdienst ohne das familiäre Netzwerk vor Ort absolvieren. Doch es gibt auch unter den Haredim Soldaten, die als „Lone Soldier“ behandelt werden, da ihre Familien den Kontakt mit ihnen abbrechen, weil sie sich für den Dienst in der Armee entschieden haben. Ronny erzählt von so einem Fall, den Tzalash betreute. Die Eltern kamen schließlich doch zur Abschlusszeremonie der Einheit. Sie waren fest davon überzeugt, ihr Kind komplett an die säkulare Welt verloren zu haben – ohne Schläfenlocken und religiöse Identität. Vor Ort erlebten sie einen positiven Schock: Der junge Mann hatte seinen Glauben trotz des harten Dienstes vollkommen bewahrt. Die Familie versöhnte sich und nahm ihn wieder zu Hause auf.
Der 7. Oktober und der Blick in die Zukunft
Ronny ist seit August 2023 bei Tzalash tätig. Seit dem 7. Oktober hat sich das Budget der Organisation von 3 Millionen auf fast 12 Millionen Schekel vervierfacht. Ein Drittel der Spenden stammt aus Israel, zwei Drittel werden im Ausland gesammelt. Fast die Hälfte des Budgets fließt inzwischen in die Kooperation „Tzalash leHadar“, die in Partnerschaft mit der Organisation „Hadar“ (benannt nach dem im Gazastreifen gefallenen und entführten Soldaten Hadar Goldin) betrieben wird. Dieses Programm ermöglicht eine enge persönliche Betreuung von Soldaten durch Rabbiner verschiedener Institutionen. In jedem Einberufungszyklus übernimmt der jeweilige Rabbiner die Verantwortung für sieben seiner Schüler und begleitet sie bei Gesprächen, Treffen in der Armee, gemeinsamen Schabbat-Feiern und anderen wichtigen Anlässen. So haben die Schüler das Privileg, während ihrer gesamten Militärzeit ihren Rabbiner und das Lehrhaus nicht verlassen zu müssen.
Seit dem 7. Oktober und den wiederkehrenden Pflichten des Reservedienstes ist auch das Projekt „Eschet Chayl“ („starke/tugendhafte Frau“) stark angewachsen, das die Ehefrauen der Soldaten auffängt, die wochenlang mit dem Haushalt und den Kindern auf sich allein gestellt sind. Im Resilienz-Zentrum von Tzalash in der Siedlung Barkan erhalten sie psychologische Betreuung, Thora-Unterricht, aber auch ganz pragmatische Wellness- und Entlastungsangebote. Das Credo: Eine starke Ehefrau stärkt den Soldaten an der Front.
Der Umbruch seit dem 7. Oktober erfasst aber Frauen auch in anderer Weise: Immer mehr religiöse Mädchen drängen in den Nationaldienst und auch in den Armeedienst. Tzalash reagiert auf diesen Wandel: Ab dem kommenden Jahr wird die NGO ihre Strukturen erweitern und offizielle Programme für Frauen anbieten, die den Weg in die Streitkräfte wählen.
Der Erfolg von Tzalash drückt sich in den Zahlen aus, die für das Hadar-Programm vorliegen. Früher legten über 25 Prozent der Soldaten während ihrer Dienstzeit die Kippa ab. Heute, so Ronny, liegt dieser Wert bei gerade einmal 6 Prozent. Die anstehende Bar-Mitzwa-Feier von Tzalash soll daher nicht nur ein großes Dankeschön an ihre Unterstützer sein, sondern vor allem auch zeigen, dass es möglich ist, beides zu vereinbaren. Tzalash ist eine unpolitische Organisation und will niemandem vorschreiben, was er tun sollte. Aber im Hinblick auf die gegenwärtigen Grabenkämpfe und die politischen Auseinandersetzungen um ein Gesetz, das die Wehrpflicht der Ultraorthodoxen regelt, ist die Arbeit der NGO ein Hoffnungsschimmer. (al)



