Der Einflussgewinn der islamistischen Muslimbruderschaft folgt einer bestimmten Strategie. Heiko Heinisch, Nina Scholz und Gustav E. Gustenau haben sie in ihrer Monographie „Politischer Islam – eine hybride Bedrohung Europas“ systematisch aufgearbeitet. Bei aller gelegentlichen Abstraktheit der Darstellung wird das gemeinte Gefahrenpotential – auch aus gefundenen Strategiepapieren – überzeugend abgeleitet.
Von Armin Pfahl-Traughber
„Civilization Jihad“ – was soll mit dem Terminus gemeint sein? Antworten auf diese Frage geben Gustav E. Gustenau, Heiko Heinisch und Nina Scholz. Die letztgenannten Autoren sind durch diverse Bücher zum Islamismus bekannt geworden. Ihnen gesellt sich nun „Politischer Islam – eine hybride Bedrohung Europas. Der ‚Civilization Jihad‘ der Muslimbruderschaft“ als weitere Monographie hinzu. Gustenau, der ein Terrorismusforschungsinstitut in Wien leitet, ist der dritte Verfasser. Die besondere Aufmerksamkeit der Genannten gilt der „Muslimbruderschaft“ (MB), die für den Islamismus eine „Mutterorganisation“ war und ist. Ihre Akteure agieren meist nicht gewalttätig, repräsentieren sie doch den legalistischen Islamismus. Blickt man indessen in Adressverzeichnisse europäischer Länder, so lässt sich ebendort keine „Muslimbruderschaft“ finden. Denn es handelt sich um ein Beziehungsgeflecht aus Netzwerken einschlägiger Protagonisten, die sich mit Bekundungen von ihren Kontakten und Organisationszugehörigkeiten öffentlich stark zurückhalten.
Bei ihrem Agieren ist ihnen gleichwohl eine bestimmte Ideologie und Strategie eigen. Erstere lässt sich den Ausführungen ihrer Vordenker entnehmen. Dabei geht es um die Ablehnung liberaler Demokratie und allgemeiner Menschenrechte, aber auch um eine theokratische Herrschaft mit islamischem Suprematismus Bezogen auf die konkreten Handlungen ist eine besondere Orientierung wichtig, welche auf einen schrittweisen Einflussgewinn meist ohne Gewalttaten setzt. Die Autoren wollen die damit gemeinten strategischen Elemente veranschaulichen, wobei sie sich auch auf öffentliche Bekundungen und interne Strategiepapiere stützen. Letztere fand man etwa bei Hausdurchsuchungen, die von den Sicherheitsbehörden durchgeführt wurden. Das entsprechende Agieren wird als „Civilization Jihadist Process“ bezeichnet, übrigens auch von den Kadern der MB selbst. Genau dieses Agieren bildet den Gegenstand der Monographie, welche die Ausrichtung und Funktionsweise des damit geschürten hybriden Konfliktes herausarbeiten will.
Dabei gehen die Autoren in abstrahierender Form vor, was eine klare Systematisierung und Zielsetzung erkennen lässt. Nach Ausführungen zur Geschichte der MB erläutern sie zunächst die Quellen für ihre Untersuchung. Dem folgen dann Ausführungen zu elf Handlungsfeldern: Kultur/Civilization und Ideologie, Organisation, muslimische Bevölkerung, Gesamtgesellschaft, Bildung, Staat und staatliche Institutionen, Kommunikation, Wirtschaft, Kooperation und Allianzen, Gegner des Islamismus, Mittel der Kriegsführung. Bezogen auf die jeweilige strategische Entwicklungsphase werden dann die Handlungen in diesen Kontexten in unterschiedlichen Phasen veranschaulicht: Vorbereitung, Einflussnahme, Destabilisierung, Konfrontation und Machtübernahme. So entsteht in der Gesamtschau ein systematisches Modell, was das Agieren als „Civilization Jihad“ veranschaulicht. Das jeweils Angesprochene wird dann auch an Fallbeispielen veranschaulicht, indessen häufig etwas zu knapp und kursorisch bezogen auf die gemeinte Strategie und das konkrete Vorgehen.
Denn in der abstrakte Darstellung wirkt das Ganze wie ein Masterplan, der in systematischer Form mit großer Konsequenz zur Verwirklichung gebracht werden soll. Dies ist auch für das Agieren der MB das gut nachgewiesene Ziel. Gleichwohl funktioniert so etwas in der Realität nicht, was mit externen Wirkungsfaktoren zusammenhängt. Hierauf hätten die Autoren noch problemorientiert stärker eingehen können, damit ihnen nicht konspirationsideologische Vorstellungen unterstellt werden. Genau ein solcher Fehlschluss dürfte mitunter bei der Lektüre aufkommen, was aber eine unangemessene Kritik an der Monographie wäre. Interessant hätten darüber hinaus noch vergleichende Betrachtungen mit anderen ideologisch geprägten Netzwerken sein können. So ist in der Diskussion gelegentlich von einer „islamistischen Internationale“ die Rede, womit auf Ähnlichkeiten mit der früheren „kommunistischen Internationale“ verwiesen wird. Bilanzierend beeindruckt das Buch aber, weil so eine strategische Bedrohung gegen die politische Moderne aufgezeigt wird.
Heiko Heinisch/Nina Scholz/Gustav E. Gustenau, Politischer Islam – eine hybride Bedrohung Europas. Der „Civilization Jihad“ der Muslimbruderschaft, Baden-Baden 2026 (Nomos-Verlag), 235 S.
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