Der seit dem Massaker der Hamas in der Bundesrepublik aufflammende Antisemitismus, meist mit einem linken, antikapitalistischen Gesicht, wird gerade in drei neuen Publikationen diskutiert, die sich mit dem deutschen Linksterrorismus beschäftigen.
Von Martin Jander
Annette Vowinckel, Jan Gerber und Wolfgang Kraushaar haben ihre Themen gut gewählt, denn es waren ja die Gründer linksterroristischer Gruppen – Rote-Armee-Fraktion (RAF), Bewegung 2. Juni und Revolutionäre Zellen (RZ) –, die sich in der Bundesrepublik erneut der Gewalt gegen Juden und den Staat Israel verschworen hatten. Aber gehen die Autoren dem Phänomen des linken Antisemitismus auch wirklich auf den Grund?
Deutscher Linksterrorismus und „Landshut“
Die preiswerte neue Publikation der Historikerin Annette Vowinckel mit dem Titel „Landshut 1977“, sie erscheint in einer Reihe der Bundeszentrale für politische Bildung, trägt zur Auseinandersetzung mit dem linken Antisemitismus nur wenig bei. Die linksterroristischen Gruppen werden hier vorwiegend als ein Phänomen der Auseinandersetzung innerhalb der Bundesrepublik Deutschland betrachtet. Zwar wird das Thema des linken Antisemitismus und seiner palästinensisch/arabischen Förderer in dem Sammelband durch Beiträge von Martin Kloke[1], Zarin Aschafri[2] und Thomas Skelton Robinson[3] abgehandelt, es steht aber nicht im Mittelpunkt.
Im Mittelpunkt dagegen steht die Entführung eines Flugzeugs mit dem Namen „Landshut“ am 13. Oktober 1977 durch Mitglieder der PFLP (SC), um inhaftierte RAF-Mitglieder – Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Irmgard Möller – aus der Haft freizupressen. Die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hans Martin Schleyer allein hatte Bundeskanzler Helmut Schmidt noch nicht zur Freilassung der inhaftierten RAF-Spitze bewegen können, also bat man Wadi Haddad, den Chef der PFLP (SC), weiteren Druck aufzubauen. Haddad bot u. a. die Entführung eines Flugzeugs mit hauptsächlich deutschen Touristen auf dem Flug von Mallorca nach Frankfurt an. Mit dem Leid deutscher Urlauber glaubten RAF und PFLP (SC) Helmut Schmidt zur Freilassung der inhaftierten RAF-Spitze zwingen zu können.
Die PFLP (SC) motivierte zu dieser Geiselnahme außerdem die Freipressung von in der Türkei inhaftierten Genossen und die Aussicht, ihre eigene Kasse durch erpresstes Lösegeld von Familie Schleyer, aufbessern zu können.
Kommando Erklärung
Zur Rechtfertigung der Geiselname verbreiteten die Geiselnehmer eine Erklärung, die die „Frankfurter Rundschau“ damals dokumentierte. In dem Band „Landshut 1977“ ist sie leider nicht enthalten. Die Erklärung selbst ist jedoch ein gutes Beispiel für die antisemitische Rechtfertigung der Politik deutscher Linksterroristen und ihrer palästinensischen Förderer, sie behauptet, der Zionismus sei eine Fortsetzung des Nazismus:
„an alle revolutionäre in der welt. an alle freien araber. an unsere palästinensischen massen. am heutigen donnerstag, dem 13. okt. 1977, hat unser kommando (…) die lufthansa-maschine, flugnr. 181, (…) unter ihre vollständige kontrolle gebracht. diese operation hat zum ziel, unsere genossen aus den gefängnissen der imperialistisch-reaktionär-zionistischen allianz zu befreien.“ Revolutionäre und Freiheitskämpfer seien mit dem „ungeheuer des welt-imperialismus“ konfrontiert, einem „barbarischen krieg unter der hegemonie der usa gegen die völker der welt.“ Imperialistische Subzentren „wie israel und die brd“ erfüllten in diesem Krieg „die exekutiv-funktion der unterdrückung und liquidation jedweder revolutionären bewegung“. Die „expansionistische und rassistische natur israels“ sei „klarer als je zuvor.“ Westdeutschland sei „auf den gleichen imperialistischen interessen (…) 1945 als us-basis aufgebaut.“ Zwischen Israel und Westdeutschland gäbe es „eine enge und spezielle zusammenarbeit auf militärischem und ökonomischem gebiet, sowie eine weitgehende übereinstimmung in politischen positionen. die beiden feindseligen regime stehen geschlossen den patriotischen und revolutionären befreiungsbewegungen der welt im allgemeinen und der arabischen welt, afrikas und lateinamerikas gegenüber.“ Ein signifikantes Beispiel sei „die enge zusammenarbeit von mossad mit den deutschen geheimdiensten“. Tatsächlich werde „der ähnliche charakter des neo-nazismus in west-deutschland und des zionismus in israel immer klarer.“ In beiden Ländern herrsche eine reaktionäre Ideologie vor. Während „das zionistische regime die höchst eigenständige und praktische fortführung des nazismus ist, tun die bonner regierung und die parteien ihres parlaments ihr bestes, nazismus und expansionistischen rassismus in westdeutschland zu erneuern, besonders im militärischen establishment und anderen staatlichen institutionen.“ Der von der RAF entführte Hans Martin Schleyer sei ein bloßes Beispiel vieler Personen, „die dem alten nazismus gut gedient haben und die heute wieder die ziele der neonazis in bonn und der zionisten in tel aviv praktisch ausführen.“ Die Politik Westdeutschlands und Israels werde nicht erfolgreich sein: „wir werden den feind zwingen, unsere gefangenen freizugeben, die ihn täglich herausfordern, indem sie selbst im gefängnis nicht aufhören, gegen unterdrückung zu kämpfen.“[4]
Die „Landshut“ wird ausgestellt
Die Geiselnehmer und die Planer der Flugzeugentführung täuschten sich. Eine Spezialeinheit des deutschen Grenzschutzes (GSG 9), befreite am 18. Oktober 1977 alle Geiseln auf dem Flugplatz von Mogadischu (Somalia) lebend und tötete drei der vier Geiselnehmer. Die Entführer Hans Martin Schleyers ermordeten ihre Geisel. Gudrun Ensslin, Jan Carl Raspe und Andreas Baader töteten sich selbst.
In dem Band der Historikerin Anette Vowinckel geht es hauptsächlich um die Schäden, die linker Terrorismus in der Bundesrepublik hervorrief. Ein großer Teil der Beiträge von „Landshut 1977“ handelt von dem Leid der deutschen Geiseln bei der Entführung des Flugzeugs. Ein weiterer großer Teil des Bandes handelt von medialen, künstlerischen und filmischen Darstellungen des Linksterrorismus. Die Bundeszentrale für politische Bildung wurde vom Haushaltausschuss des Deutschen Bundestages beauftragt, um das Wrack der „Landshut“ herum, in Friedrichshafen eine Ausstellung zu konzipieren.[5] Viele Beiträge der verschiedenen Unterkapitel des Bandes – Vorgeschichte, Entführung, Zeitzeugeninterviews, Erinnerung – bereiten die Entstehung dieses Lernorts offenbar vor.
Im Kontext eines solchen Zugangs zur Geschichte der Flugzeugentführung und Geiselnahme im Oktober 1977 werden der linke Antisemitismus aus Deutschland, die Zusammenarbeit von linken deutschen Antisemiten mit palästinensischen und arabischen Judenhassern sowie die Verbrechen an jüdischen Opfern und Israel, zu einem Randphänomen.
Deutscher Linksterrorismus und „Entebbe“
Das kann man von dem neuen Buch des Historikers und Politikwissenschaftlers Jan Gerber „Fluchtpunkt Entebbe“ nicht sagen. Bereits in der Unterüberschrift des Bandes heißt es „Der Linke Terrorismus und Israel“. Der linksdeutsche Antisemitismus steht im Mittelpunkt dieses Bandes.
Eigentlich handelt es sich bei „Fluchtpunkt Entebbe“ um eine Sammlung von schon älteren Aufsätzen des Autors aus zwei Jahrzehnten. Sie wurden auf den neuesten Forschungsstand gebracht. Ihre Neupublikation ist sehr zu begrüßen, da sie den Lernprozess der deutschen Linken und ihres Autors, der selbst in linken politischen Zusammenhängen der Bundesrepublik aktiv war, widerspiegeln.
Bereits im Vorwort erläutert Gerber, die intensiven Debatten, die insbesondere die Entführung eines Flugzeugs auf dem Weg von Tel Aviv nach Paris am 27. Juni 1976 auslöste. Das Kommando Ché Guevara der Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP), wie sich die vier Hijacker unter der Führung des ehemaligen Frankfurter Soziologie-Studenten Wilfried Böse bezeichneten, forderte die Entlassung von 53 Inhaftierten, die sich für die palästinensische Sache eingesetzt hätten, 40 davon in israelischen Gefängnissen, sechs in bundesdeutschen, fünf in kenianischen und jeweils einen bzw. eine in Frankreich und in der Schweiz.
Das Büro der PFLP in Aden (Jemen) erklärte am 29. Juni 1976, man habe ein französisches Flugzeug in seine Gewalt gebracht, um der ganzen Welt zu zeigen, dass Frankreich „ein historischer Feind unserer arabischen Nation“ sei und Israel unterstütze. Das Ziel der PFLP sei es, palästinensischen Grund „vollständig“ zu befreien, die „Zionisten“ zu vertreiben und einen demokratischen, sozialistischen und säkularen Staat aufzubauen. Die Geschichte werde dem „Nazismus“, ob in Deutschland oder in Israel, seine Verbrechen, die er gegen arabische Kämpfer verübt habe, nicht vergeben. Man werde Waffen gegen den „imperialistisch-zionistischen Feind, den Feind der Menschheit, der Zivilisation und des Fortschritts“ erheben, um die Welt von den „Ketten“ und „Handschellen“ zu befreien, die ihr von „Kapitalismus, Imperialismus, Reaktion und Zionismus“ angelegt worden seien.[6]
Die intensiven Debatten in der deutschen Linken begannen, als bekannt wurde, dass Wilfried Böse, ein Mitglied der Revolutionären Zellen (RZ), auf dem Flughafen von Entebbe (Uganda) jüdische von nicht-jüdischen Passagieren trennte. Die jüdischen Passagiere blieben in der Hand der Geiselnehmer, die von Ugandas Präsident Idi Amin und seiner Armee unterstützt wurden. Die nicht-jüdischen Passagiere gaben die Geiselnehmer frei.
Aber auch in diesem Fall verschätzten sich die Geiselnehmer und ihre Planer. Es gelang einer Eliteeinheit der Armee Israels fast alle Geiseln auf dem Flugplatz von Entebbe lebend zu befreien. Lediglich drei der Geiseln kamen bei dem Feuergefecht zwischen israelischen Soldaten und Geiselnehmern am 4. Juli 1976 ums Leben. Alle Geiselnehmer hingegen wurden getötet.
In den intensiven Debatten der deutschen Linken zum Thema links-deutscher Antisemitismus spielten damals, und bis heute, insbesondere Dan Diner, Micha Brumlik, Daniel Cohn-Bendit, Andrei Markovits und Jeffry Herf eine wegweisende Rolle. Für Jan Gerber war es insbesondere der 2019 verstorbene Verleger und Publizist Joachim Bruhn. Gerber würdigt ihn in seinem Buch „Das letzte Gefecht. Die Linke und der Kalte Krieg.“[7]
Auf die damals gewonnenen Erkenntnisse, dass auch deutsche Linke antisemitisch handeln können, verweist Gerber in den Beiträgen des sehr guten Sammelbandes „Fluchtpunkt Entebbe“. Die Explosion des Antisemitismus mit linkem Gesicht nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 sieht er als einen Rückfall hinter die in den 1970er und 1980er Jahren längst erworbene Selbstreflexionsfähigkeit deutscher Linker.
Aussteigender Linksterrorist: Hans Joachim Klein
Eigentümlicherweise hat der Politikwissenschaftler, dem die zeitgeschichtliche Forschung zwei ausgezeichnete detaillierte Darstellungen des links-deutschen, antisemitischen Terrors verdankt, Wolfgang Kraushaar[8], auf die neue Eskalation links-deutschen Antisemitismus, nur sehr zurückhaltend reagiert. Auch für ihn steht der linke Antisemitismus nicht im Zentrum seiner aktuellen Reflektionen zum deutsch-links-antisemitischen Linksterrorismus.
In einer Sammlung von Aufsätzen für die Zeitschrift „Lettre International“, die mit der Überschrift „Humanismus und Terror“ erschien, referiert er die Geschichte des deutschen Linksterrorismus und seiner palästinensisch-arabischen Bündnispartner, vor der Folie der Geschichten von Hans Joachim Klein[9], Mitglied der Revolutionären Zellen (RZ) und Illich Ramirez Sanchez[10], der die Zusammenarbeit deutscher Linksterroristen mit der PFLP, die 1968 der PLO beitrat, organisierte.
Hans Joachim Klein, der sich 1975 mit seiner Ehefrau unter dem Kommando von Illich Ramirez Sanchez am Überfall eines deutsch-palästinensischen Kommandos auf eine Sitzung der OPEC in Wien beteiligte, hat für die Debatten der deutschen Linken zum Thema eines eigenen Antisemitismus eine besondere Bedeutung. Seine Wortmeldung verstärkte die selbstkritische Reflektion vieler deutscher Linker. Im Mai 1977 schickte er seinen Revolver an das Büro des „Spiegel“ in Rom. Der Waffe lag ein Brief bei, in dem Klein seinen Ausstieg aus den Revolutionären Zellen (RZ) begründete und außerdem zwei gerade vorbereitete, antisemitische Mordanschläge der RZ verriet:
„Die zwei, die umgebracht werden sollen damit die Logistik der »Revolutionären« Zelle wieder stimmt, sind zum einen: der Gallinsy* von der jüdischen Gemeinde in West-Berlin; wo es (vor zwei Monaten) nur noch um das Problem der Beschaffung zweier Fluchtwagen geht. Alles andere ist »klar«. Der geht nach dem was die RZ** mir erzählte immer zu Fuß zur Arbeit. Der andere ist der Leiter der jüdischen Gemeinde in Ffm. Ich bin mir da nicht ganz sicher. Der heißt Schmitz, Schmiedke oder so ähnlich***. In den zugänglichen Zeitungen würde so gut wie nichts über ihn stehen, dafür um so mehr in den jüdischen. Die sollen beide erschossen werden und zwar in allernächster Zeit. Die Vorbereitungen laufen dazu auf Hochtouren. Viele werden mich bestimmt als Verräter beschimpfen. Ich kann es nicht ändern. Ich habe niemanden verraten sondern nur was verhindert von ·dem ich meine das es ne Wahnsinnstat ist.“[11]
Kleins Brief wurde im „Spiegel“ vom 8. Mai 1977 veröffentlicht und schlug nicht nur bei seinen jetzt ehemaligen Genossen, sondern auch in der deutschen Linken wie eine Bombe ein. Bereiteten linke Aktivisten die Ermordung von zwei Repräsentanten jüdischer Gemeinden in Deutschland vor? Einige Zeit später veröffentlichte Klein ein ganzes Buch zu seiner Radikalisierung, seiner Zeit im internationalen Terrorismus und die Gründe für seinen Ausstieg.[12]
Statt sich aber im Detail um diese Biografie, die Revolutionären Zellen und den Antisemitismus der PFLP zu bemühen, hat Wolfgang Kraushaar ein Interview mit Klein geführt, in dem dessen Ausstieg und die wesentlichen Gründe, die Vorbereitung zweier antisemitischer Mordanschläge, so gut wie nicht vorkommen.
Stattdessen interessiert sich Kraushaar in diesem Interview und auch in den anderen von Lettre International publizierten Texten dafür, wie verlässlich die Angaben Kleins über seine Beteiligungen an Verbrechen des internationalen Terrorismus waren und ob Illich Ramirez Sanchez nicht doch vor allem als sowjetischer KGB-Agent und nicht nur als wichtiger Organisator im Netz palästinensischen Terrors anzusehen sei. Auch die antisemitische Orientierung von Carlos, interessiert Kraushaar nicht.[13]
Anders als Jan Gerber, trägt Kraushaar offenbar die von vielen deutschen Linken mühsam erworbene Selbstreflektion zum Thema linker Antisemitismus nicht in die Gegenwart weiter.[14]
Eine Leerstelle: Die DDR, der Antisemitismus und Israel
Alle drei hier nur kurz vorgestellten Publikationen diskutieren die Überschneidungen des linken Antisemitismus in der politischen Linken Westdeutschlands mit der links-antisemitischen Staats- und Regierungspolitik der DDR nur am Rande. Diese Leerstelle ist kaum verständlich. Längst ist erforscht, dass die linksterroristischen Gruppen der Bundesrepublik, ohne die Unterstützung der DDR nicht so effektiv hätten agieren können.
In den 50er Jahren bereits vertrieb die DDR die große Mehrzahl der auf ihrem Territorium lebenden Holocaustüberlebenden. Sie wurden beschuldigt, Agenten des amerikanischen Imperialismus zu sein, den Sozialismus zerstören zu wollen, außerdem einer nicht humanistischen Ideologie, dem Zionismus zu folgen und eine Entschädigung für die Verbrechen des Nationalsozialismus zu verlangen, obwohl sie ihr Eigentum doch deutschen Arbeitern als Profit abgepresst hätten.[15]
Nach dem 6-Tage-Krieg ging die Führung der DDR noch einen Schritt weiter. Sie setzte Israels Politik gegenüber den Palästinensern mit der Politik der Nazis gegenüber Juden gleich[16] und lieferte Waffen für die PLO, arabische Staaten, die Israel vernichten wollten und beteiligten sich an der internationalen Propaganda gegen Israel, zum Beispiel der Gleichsetzung von Rassismus und Zionismus in der UNO-Resolution 3379 vom 10. November 1975.[17]
Die Unterstützung der linksterroristischen Gruppen aus Westdeutschland, war für die ostdeutsche SED-Führung also kein Zufall. Man verstand sich als Genossen, die einen gemeinsamen Kampf führten.
Wer diese Zusammenhänge umfassend erkennen möchte, sollte die beiden ausgezeichneten Bücher „Divided Memory“ und „Undeclared Wars against Israel“ lesen, die der Historiker Jeffrey Herf verfasst hat.[18] Der große Vorzug seiner Bücher, im Unterschied zu den oben vorgestellten, ist es, dass sie sich auch mit der Ideengeschichte, besser den Projektionen der deutsch-linken Antisemiten beschäftigen.
Genozid-Anschuldigung
Die Beteiligung westdeutscher Linksterroristen am palästinensischen Terror gegen Juden und Israel, hat in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts eine selbstkritische, öffentliche Debatte ausgelöst. Bei einigen Autoren, wie zum Beispiel Martin Kloke und Jan Gerber, ist dieser Selbstreflexionsprozess bis heute erkennbar. Wolfgang Kraushaar aber hat sich offenbar von dieser Selbstreflektion abgewendet. Annette Vowinckel wendet sich dem Thema in ihrem Sammelband für die Bundeszentrale für politische Bildung nur am Rande zu. Das ist ein schlechtes Vorzeichen für den von der Bundeszentrale für politische Bildung geplanten Lernort um das Wrack der „Landshut“ herum, in Friedrichshafen.
Im Unterschied zum antisemitischen Terror von RAF, RZ und Bewegung 2. Juni, findet sich in der Bundesrepublik zum antisemitischen Terror der DDR kaum eine Publikation. Die wichtigsten stammen von der Amadeu Antonio Stiftung[19] und dem bereits erwähnten Jeffrey Herf. Der Untergang der DDR, die seit ihrer Gründung Terror gegen Juden und Israel verübte, sind zwar von der letzten DDR-Volkskammer laut kritisiert worden.[20] Eine selbstkritische, öffentliche Debatte hat diese Erkenntnis jedoch zu keiner Zeit ausgelöst.
Da wundert es nicht, dass die vehementen Angriffe auf Juden und Israel seit dem 7. Oktober 2023 so wenig Kritik in der Bundesrepublik erfahren. Die Schlagworte aus den Propagandakampagnen der Hamas sind in Deutschland über lange Jahre von linksradikalen Terroristen und DDR-Staatsfunktionären verbreitet worden. Insbesondere durch die Gleichsetzung israelischer Politik mit dem deutschen Nationalsozialismus rechtfertigten westdeutsche Linkradikale und ostdeutsche Tyrannen ihr antisemitisches Handeln. Die Behauptung Israel verübe bei seiner Verteidigung gegen den Terror des Iran, der Hamas, der Hisbollah und anderer einen Genozid, hat in der vereinigten Bundesrepublik eine lange, linke, ost- und westdeutsche Vorgeschichte.
Rezension zu:
Annette Vowinckel (Hg.), Landshut 1977. Linksterrorismus in der Bundesrepublik, Bundeszentrale für politische Bildung (Reihe Zeitbilder), Bonn 2026, ISBN 978-3-8389-7284-8, 295 S., 7.50 €uro
Jan Gerber, Das letzte Gefecht. Die Linke im Kalten Krieg, XS-Verlag, Berlin 2025, 220 S., ISBN 978-3944503189, 22 €uro.
Jan Gerber, Fluchtpunkt Entebbe. Der linke Terrorismus und Israel, Edition Tiamat, Berlin 2026, ISBN 978-3-89320-338-3, 160 S., 20 €uro.
Lettre International 151, Humanismus und Terror, Winter 2025, 138 S., 15.70 €uro (Darin: Hans Joachim Klein/Wolfgang Kraushaar, Terroristische Illusionen. „My fight name is Angie“ – Selbstportrait eines Aussteigers, S. 23 – 37; Wolfgang Kraushaar, Geschichte und Gewalt. Tableau zu den politisch-historischen Hintergründen des Geschehens, S. 44 – 65; Wolfgang Kraushaar, „Klein-Klein“. Ein Frankfurter Sponti wird zum Akteur auf der Weltbühne des Terrors, S. 66 – 69; Illich Ramirez Sanchez, Carlos – Eine Kolumne. „Danny der Rote/Klein – Klein“ (13. Februar 200), S. 70.)
Anmerkungen:
[1] Martin Kloke, Antisemitismus in der radikalen Linken, in: Annette Vowinckel (Hg.), Landshut 1977. Linksterrorismus in der Bundesrepublik, Bundeszentrale für politische Bildung (Reihe Zeitbilder), Bonn 2026, S. 52 – 63.
[2] Zarin Aschrafi, Jüdische Reaktionen auf antisemitische Gewalt in der Bundesrepublik, in: Ebenda., S. 64 – 75.
[3] Thomas Skelton Robinson, Die RAF, Wadi Haddads PFLP-SC und die Entführung der Landshut, in: Ebenda., S. 102 – 115.
[4] Siehe: Kommunique Kofr Kaddum, Frankfurter Rundschau vom 15. Oktober 1977.
[5] BPB-Projektteam: Christian Gieseke, Dominique Hipp, Steffen Krautzig, Lisa Philippen Budrich, Entstehung und Konzeption eines Lernortes – das Landshut Projekt der bpb, in: Ebenda., S. 276 – 289.
[6] Zitate aus: Political Statement about the Operation for the Hijacking of the French Aircraft, Aden (June 29, 1976), Archiv des Auswärtigen Amtes B 83, 1422, 510 – 530.36 UGA Flugzeugentführung Terrorismus, I.. Hier zitiert nach: Jeffrey Herf, Undeclared Wars with Israel, Cambridge: Cambridge University Press 2016, S. 317-318. (Das Originalstatement ist in englischer Sprache, es wurde hier ins Deutsche übertragen – d. Verf.)
[7] Jan Gerber, Kritik als Leidenschaft. Ein Nachruf auf Joachim Bruhn, in: Jan Gerber, Das letzte Gefecht, Berlin 2022, S. 187 – 204.
[8] Wolfgang Kraushaar, Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus, Hamburg 2005. Wolfgang Kraushaar, „Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?“, Reinbek 2013.
[9] Hans Joachim Klein, Rückkehr in die Menschlichkeit, Reinbek 1979.
[10] Oliver Schröm, Im Schatten des Schakals. Carlos und die Wegbereiter des Internationalen Terrorismus, Berlin 2002.
[11] Zitiert nach: Hans Joachim Klein, Ich habe genug angestellt, in: Der Spiegel 20/1977 vom 8. Mai 1977 (https://www.spiegel.de/politik/ich-habe-genug-angestellt-a-67145022-0002-0001-0000-000040915611?context=issue).
[12] Hans Joachim Klein, Rückkehr in die Menschlichkeit, Reinbek 1979.
[13] Siehe dazu: Alexander Häusler, Ein selbst-erklärter Revolutionär. Carlos und der sich links gebende Antiimperialismus, in: lotta-magazin, 22. Februar 2024 (https://www.lotta-magazin.de/ausgabe/93/ein-selbst-erklarter-revolutionar/).
[14] Siehe dazu auch: Wolfgang Kraushaar, Israel: Hamas, Gaza, Palästina. Über einen scheinbar unlösbaren Konflikt, Hamburg 2024.
[15] Siehe dazu: Lehren aus dem Prozeß gegen das Verschwörerzentrum Slánsky. Beschluss des ZK der SED vom 20. Dezember 1952 (Auszüge), in: Mario Keßler, Die SED und die Juden – zwischen Repression und Toleranz, Berlin 1995, S. 153 – 155.
[16] Siehe dazu: Rede Walter Ulbrichts auf der Wählerversammlung am 15. Juni 1967 in Leipzig (Auszüge), in: Mario Keßler, Die SED und die Juden – zwischen Repression und Toleranz, Berlin 1995, S. 173 – 174.
[17] Der Text der Erklärung der UNO-Generalversammlung 3379 findet sich hier: https://www.securitycouncilreport.org/atf/cf/%7B65BFCF9B-6D27-4E9C-8CD3-CF6E4FF96FF9%7D/IP%20A%20RES%203379.pdf
[18] Martin Jander, Jeffrey Herf und das 11. Gebot deutscher Politik nach der Shoah, in: haGalil vom 25. März 2024 (https://www.hagalil.com/2024/03/jeffrey-herf/).
[19] Amadeu Antonio Stiftung, „Das hats bei uns nicht gegeben“, Berlin 2010. Amadeu Antonio Stiftung, Germany after 1945: A Society confronts Antisemitism, Racism, and Neo-Nazism, Berlin 2018.
[20] Die wichtigsten Dokumente dazu finden sich in: Anetta Kahane, Martin Jander (Hrsg.), Juden in der DDR, Leipzig Berlin 2021, S. 202 – 208.



