US-Präsident Donald Trump will den Deal mit den Mullahs um jeden Preis. Israels Sicherheit scheint in seinen Überlegungen deswegen nur noch eine untergeordnete Rolle zu spielen. Für die aktuelle und die nächste Regierung in Jerusalem könnte das sehr unangenehme Folgen mit sich bringen.
Von Ralf Balke
Das „F-Wort“ fiel auffällig oft in jüngster Zeit, wenn er über oder mit Premier Benjamin Netanyahu sprach. So soll Donald Trump bei einem Telefongespräch mit ihm gesagt haben: „You’re fucking crazy“. Überhaupt sei der US-Präsident recht ausfallend gegenüber dem Israeli geworden. „Ohne mich würdest du im Knast sitzen. Ich rette dir den Arsch. Jetzt hassen dich alle.“ Thema dieses „produktiven Telefonats“, wie es Donald Trump danach bezeichnen sollte, war das israelische Vorgehen im Libanon. Denn nachdem die Hisbollah beschlossen hatte, in dem Ende Februar begonnenen Krieg der Vereinigten Staaten und Israels gegen den Iran auf Seiten Teherans mit einzusteigen und den Norden des jüdischen Staates mit Raketen und Drohnen zu überziehen, ist die israelische Armee erneut im Süden des Libanons aktiv geworden, um die Schiiten-Miliz von dort zu vertreiben. Aber auch Hisbollah-Einrichtungen in Beirut und anderen Landesteilen gerieten ins Visier, weshalb eine im April ausgehandelte Waffenruhe längst hinfällig geworden ist. Das wiederum passt dem US-Präsidenten im Moment überhaupt nicht. Er würde viel lieber heute als morgen aus dem Konflikt mit den Mullahs aussteigen und einen Deal unter Dach und Fach bringen. Das will aber nicht so richtig klappen. Auch deshalb nicht, weil der Iran darauf besteht, den Libanon in ein entsprechendes Abkommen miteinzubeziehen. Teheran will auf diese Weise, dass sein Schützling, also die Hisbollah, immun vor israelischen Vergeltungsschlägen gemacht wird. Das aber würde Jerusalems Handlungsspielraum massiv einschränken.
Um zu demonstrieren, wie ernst es Teheran damit ist, geschah dieser Tage etwas völlig Neues: Der Iran reagierte auf einen israelischen Luftangriff auf Dahiyeh, eine Hisbollah-Hochburg in Beirut, mit Raketen auf Israel. Es war das erste Mal, dass so etwas geschah. Viel brisanter aber ist die Botschaft dahinter, und die lautet: Wer unsere Proxies angreift, bekommt eine Antwort aus dem Iran. Das ist für Israel ein Worst-Case-Szenario. Bis dato konnte man Raketen- oder Drohnen-Angriffe der Hisbollah, der Houthis oder früher auch der Hamas direkt begegnen, indem man mit voller Wucht zurückschlug, um zu verdeutlichen, dass jede Attacke auf den jüdischen Staat einen hohen Preis hat. Genau das war stets ein zentrales Element der israelischen Abschreckungsstrategie. Wenn nun aber der Iran es zu seinem Prinzip erklärt, darauf mit direkten Luftschlägen auf israelische Städte zu reagieren, bekommt das Ganze eine völlig neue Dimension, auf die Israel noch keine Antwort hat.
Was für Jerusalem jedoch weitaus problematischer macht, ist die Tatsache, dass eine US-Administration diese neue Haltung Teherans akzeptieren könnte und Israel künftig allein dasteht, wenn es mit Terror aus der Luft oder anderen Attacken der Proxies konfrontiert wird. Einen kleinen Vorgeschmack gab es vergangene Woche, als die israelische Luftwaffe ihren Gegenangriff auf den Iran flog und dann von Washington quasi „zurückgepfiffen“ wurde. „Ich werde Bibi jetzt anrufen und ihm sagen, dass er nicht zurückschlagen soll“, hatte Donald Trump am Montag verkündet. „Israel hatte seinen Angriff, der Iran hatte seinen Angriff, wir brauchen keinen zusätzlichen.“ Benjamin Netanyahu gehorchte und cancelte eine größere Militäroperation gegen die Mullahs. Für ihn, der sich in wenigen Monaten den israelischen Wählern stellen muss, ein herber Imageverlust – schließlich ist der Eindruck entstanden, dass die Entscheidungen, ob und wie man auf Aggressionen reagiert, letztendlich in Washington getroffen werden.
Aber es sollte noch viel ungemütlicher werden für Israels Premier. „Ich weiß nicht, er hat eine beeindruckende Karriere hinter sich“, soll laut einem Beitrag, den der ABC-Korrespondent Jonathan Karl am Dienstag auf X veröffentlicht hatte, Donald Trump gesagt haben. „Will er weitermachen? Denn, wissen Sie, er ist ein Kriegsministerpräsident. Wir werden den Krieg sehr bald auf die eine oder andere Weise gewinnen, und Sie wissen, dass er ein Kriegsministerpräsident ist.“ Was sich hinter diesen Sätzen verbirgt, darüber wird in den israelischen Medien munter spekuliert. „Das könnte ein Seitenhieb auf Netanyahus Gesundheitszustand gewesen sein; der 76-jährige Ministerpräsident hatte in letzter Zeit mit einer Reihe von gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, darunter Krebs, und Trump könnte damit angedeutet haben, dass sein israelischer Amtskollege nach Jahrzehnten in der Politik und fast drei Jahren Krieg müde ist“, schreibt Ben Sales in der „Times of Israel. „Oder vielleicht wollte Trump damit sagen, dass er Netanjahu langsam überdrüssig wird. Falls das der Fall ist, zeigen Umfragen, dass er damit nicht allein ist.“
Der US-Präsident ist nicht der einzige, der gerade die Demontage eines israelischen Ministerpräsidenten mitten in einem Wahljahr betreibt. So erklärte auch US-Vizepräsident JD Vance am Mittwoch, dass die Trump-Regierung sich stets auf die Seite des amerikanischen Volkes stellen werde, wenn israelische und amerikanische Interessen nicht länger konform gehen. Er äußerte sich zudem kritisch über Benjamin Netanyahu und sagte: „Er hat sicherlich einige Fehler gemacht. Manche Gespräche sollten besser unter vier Augen geführt werden. Ich würde sagen, er war ein guter Partner.“ Bemerkenswerterweise benutzte er hier die Vergangenheitsform. JD Vance fügte ferner hinzu, dass Israel „in vielerlei Hinsicht ein großartiger Partner gewesen ist, aber wir müssen uns auch auf das konzentrieren, was im besten Interesse Amerikas liegt. Und wo sich das unterscheidet, müssen wir – leider für die Israelis – die Seite des amerikanischen Volkes wählen, was wir immer tun.“
Für die Mullahs dürften solche Worte Musik in den Ohren sein. Sie haben endlich einen Hebel gefunden, wie die Allianz zwischen Washington und Jerusalem auseinanderbringen können, und das dank ihrer Marionetten im Libanon. Aber der Reihe nach: „Ende Mai und Anfang Juni trugen zwei Hauptfaktoren zur Intensivierung der Angriffe der Hisbollah auf Nordisrael bei“, heißt in einer brandneuen Analyse von Eldad Shavit und Orna Mizrahi. „Erstens die von US-Präsident Donald Trump auferlegte Zurückhaltung bei den israelischen Militäraktionen – insbesondere hinsichtlich der Luftangriffe auf den Stadtteil Dahiyeh in Beirut –, die darauf abzielte, den Waffenstillstand zu stabilisieren und Fortschritte bei den Verhandlungen über ein Abkommen mit dem Iran zu ermöglichen“, schreiben die beiden Analysten des Institute for National Security Studies, einem Thinktank an der Universität Tel Aviv. „Zweitens eine Reihe taktischer Erfolge der Hisbollah durch den Einsatz von FPV-Drohnen, die den IDF-Soldaten tödliche Verluste zufügten. Diese Situation wurde aus israelischer Sicht unerträglich und führte am 1. Juni zu israelischen Erklärungen, dass Israel den Stadtteil Dahiyeh angreifen werde, sollten die Angriffe der Hisbollah andauern. Trump schaltete sich rasch ein, um dies zu verhindern, nachdem der Iran gedroht hatte, ein solcher Angriff würde zur Aussetzung der Gespräche führen.“ Israel hielt sich mit Angriffen auf Dahiyeh zurück, solange die Hisbollah keine Ziele in Israel angreifen würde, so die kurzzeitige Hoffnung. Doch die Terrororganisation überzog Israel Norden weiter mit Drohnen und Raketen.
Die INSS-Sicherheitsexperten verweisen auf die Tatsache, dass die US-Administration sich trotzdem in Gesprächen mit der Terrororganisation befindet, was gleichfalls ein Novum ist. „Dies spiegelt den für Trump typischen Pragmatismus wider: Wenn die Hisbollah der Akteur ist, der die Kämpfe beenden kann, dann muss man mit ihr zusammenarbeiten – wenn auch nur indirekt. Dieser Schritt offenbart jedoch einen inneren Widerspruch: Washington ist bestrebt, die libanesische Souveränität zu stärken und die Hisbollah aus dem Südlibanon zu verdrängen, doch in Krisenzeiten wendet es sich genau an jenen nichtstaatlichen Akteur, der diese Souveränität untergräbt.“ Der US-Präsident will scheinbar die Quadratur des Kreises: Auf der einen Seite bringt man Israel und den Libanon am Verhandlungstisch zusammen, um sich auf einen Waffenstillstand zu einigen, woraufhin die libanesische Armee verstärkt die Kontrolle in der Region südlich des Litani-Flusses übernehmen soll. Gleichzeitig aber spricht man mit der Hisbollah, die weder eine Entwaffnung noch das staatliche Gewaltmonopol Beiruts im Südlibanon akzeptieren wird. Und die Schiiten-Miliz kann sich jetzt noch sicherer fühlen, sollte es Teheran wirklich gelingen, den Libanon zum Bestandteil eines Abkommens mit den USA zu machen.
Laut den Analysten des INSS könnte dann Folgendes eintreten: „Sollte die Hisbollah weiterhin Angriffe auf Israel verüben können, wohl wissend, dass jede israelische Reaktion amerikanischen Druck auslösen würde, weil man eine iranische Eskalation befürchtet, wird das die derzeitige Ordnung im Libanon zusammenbrechen lassen und die Hisbollah faktisch Straffreiheit erlangen.“ Für Israel ergibt sich daraus womöglich die Wahl zwischen Pest und Cholera. Geht man gegen die Hisbollah vor, wenn sie wieder den israelischen Norden terrorisiert, geht das auf Kosten des israelisch-amerikanischen Verhältnisses. Hält sich Jerusalem aber mit Reaktionen zurück, ist das ein Sieg nach Punkten sowohl für die Hisbollah und letztendlich den Iran. Und der Norden Israels hat ein Problem, weil das Leben der Menschen dort immer schwieriger wird, Israels Sicherheitskräften womöglich die Hände gebunden sein könnten. Oder um es mit den Worten von Donald Trump zu sagen: „Fuck them!“ Ihm kann es egal sein.




Danke für diese sorgfältige Deklination des für Israel und jüdisches Leben allerorten – ebenso wie für friedfertige Menschen in ME – extrem bedrohlichen Dilemmas. – Passend hierzu: The View From Under the Bus
https://blogs.timesofisrael.com/the-view-from-under-the-bus/
Mir fällt im übrigen dazu ein, dass man statt des Busses im bösen Spiel auch den 2nd-hand-Flieger anmerken könnte, der dem US-Präsidenten von Qatar ziemlich genau vor einem Jahr geschenkt wurde.
Einige Publikationen hierzu bzw. über den erweiterten Einfluss des Doha-Regimes nicht zuletzt in den USA sind in diesen Kapitel-Abschnitten verlinkt:
Teil 1
https://docs.google.com/document/d/1LI3h1EUuhKgeaO8OZo3oxvTZlEG5w6uxb5MAjsuBg8M/edit
Teil 2
https://docs.google.com/document/d/1I1eAhbLyIdCHS-q94PoEWUaQQbOV7snMETEnbX6_fKg/edit
Kommentarfunktion ist geschlossen.