Spuren im Leben jüdischer Intellektueller – Zu Ingeborg Bachmanns 100. Geburtstag

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Das Leben und Werk der heute vor 100 Jahren geborenen, gefeierten Lyrikerin Ingeborg Bachmann erzielte eine nachhaltige Wirkung auf jüdische Intellektuelle wie Paul Celan, Hannah Arendt und Marcel Reich-Ranicki.

Von Thomas Tews

Paul Celan

Die am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geborene Ingeborg Bachmann studierte ab Herbst 1946 Philosophie, Germanistik und Psychologie in Wien, wo sie im Mai/Juni 1948 eine Liebesbeziehung mit dem jüdischen Dichter Paul Celan begann, bis dieser nach Paris weiterreiste. Ihre Liebe fand nach einem Wiedertreffen im Winter 1950/51 ein vorläufiges Ende, flammte jedoch sieben Jahre später, 1957/58, wieder auf, ehe sich Bachmann nach mehreren ab dem 25. Juni 1958 in Paris ereigneten Treffen am 2. Juli 1958 endgültig von dem durch die Schrecken der Schoah traumatisierten Celan, „ihrer großen, unlebbaren Liebe“[1], wie es die Literaturkritikerin Iris Radisch formuliert, trennte.

Dennoch kam es zu weiteren Begegnungen Bachmanns mit Celan im Mai 1960 in Zürich sowie im Oktober 1960 in Paris. Im November 1960 traf sich Bachmann mehrmals mit Celan in Zürich, um ihn gegen Plagiatsvorwürfe in der ‚Goll-Affäre‘ zu unterstützen. In dieser Causa bat Bachmann den Schweizer Schriftsteller Max Frisch, der 1958 den Georg-Büchner-Preis in Darmstadt erhalten hatte, eine Erklärung der Georg-Büchner-Preisträger für Celan zu veranlassen. Ein paar Jahre später, im März 1967, beendete Bachmann aus Protest gegen die Entscheidung des Verlegers Klaus Piper, an Stelle Celans den früheren NS-Dichter Hans Baumann mit einer Übersetzung der russischen Dichterin Anna Achmatova zu betrauen, die Zusammenarbeit mit dem Piper-Verlag.

Hannah Arendt

Im Juni/Juli 1962 unternahm Bachmann eine Schiffsreise nach New York, wo sie Lesungen im Goethe House und in Princeton durchführte. Dort lernte sie am 17. Juni 1962 die jüdische Philosophin Hannah Arendt, die gerade ihren zur Erstveröffentlichung im New Yorker vorgesehenen Bericht über den im Vorjahr in Jerusalem stattgefunden Prozess gegen den NS-Verbrecher Adolf Eichmann verfasste, kennen. Diese Begegnung beeindruckte Arendt so nachhaltig, dass sie Mitte September 1962 dem Piper-Verlag die „wilde Idee“[2], Bachmann mit der Übersetzung ihres Berichtes über den Eichmann-Prozess aus dem amerikanischen Englisch zu beauftragen, unterbreitete. Sie brauche eine Person, die schreiben könne und der es gelinge, „für diese Art der Reportage den geeigneten Ton zu finden“[3]. Arendts Vorschlag fand die Unterstützung des Verlages, doch Bachmann sagte gegen Ende 1962 ab, woraufhin schließlich die Heidelberger Historikerin Brigitte Granzow die Übersetzung übernahm.

Marcel Reich-Ranicki

Vom 23. bis 25. Oktober 1959 nahm Bachmann an der Tagung der literarischen ‚Gruppe 47‘ in Elmau teil und las dort die Erzählung Alles. An ihre Teilnahme erinnert sich der jüdische Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki in seiner Autobiographie Mein Leben wie folgt:

„Ich habe Ingeborg Bachmann zum ersten Mal 1959 gesehen, auf der Tagung in Schloß Elmau. Sie war längst berühmt, sie hatte 1953, damals 27 Jahre alt, den Preis der ‚Gruppe 47‘ erhalten. War man sich schon bewußt, daß man es mit der vielleicht bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerin unseres Jahrhunderts zu tun hatte? Jedenfalls wurde sie mit besonderem Respekt behandelt. Sicher ist ferner, daß sie viele Menschen faszinierte, zumal Intellektuelle unterschiedlichen Alters. In manchen Zeitungen konnte man lesen, sie sei die ‚First Lady‘ der ‚Gruppe 47‘.“[4]

Als im März 1971, nach einer zehnjährigen Publikationspause, Bachmanns erster und einziger zu Lebzeiten erschienener Roman Malina vom Suhrkamp-Verlag veröffentlicht wurde, beschäftigte sich Reich-Ranicki nach eigener Aussage „intensiv“[5] mit ihm:

„Ich las den Roman als poetischen Krankheitsbericht, als das Psychogramm eines schweren Leidens. Ich las ‚Malina‘ als ein Buch über Ingeborg Bachmann. Die Ich-Erzählerin dieses Romans erkennt: ‚Ich bin … unfähig einen vernünftigen Gebrauch von der Welt zu machen.‘ Sie spricht in einem Brief von der ‚Ungeheuerlichkeit meines Unglücks‘. Diese Bekenntnisse der Romanfigur bezog ich also auf die Autorin selber.“[6]

Auch an Bachmanns posthume Ehrung erinnert sich Reich-Ranicki in seiner Autobiographie Mein Leben:

„Als Ingeborg Bachmann am 16. Oktober 1973 unter nie ganz geklärten Umständen starb, bat man mich einen Nachruf zu schreiben. Er endete mit dem Bekenntnis, daß ich einige Gedichte aus ihren Sammlungen ‚Die gestundete Zeit‘ und ‚Anrufung des Großen Bären‘ zu den schönsten zähle, die in diesem Jahrhundert in deutscher Sprache geschrieben wurden. Ich fragte mich, schuldbewußt, warum ich dies ihr, Ingeborg Bachmann, nie gesagt hatte.“[7]

Anmerkungen:
[1] Iris Radisch, Die Liebe – ein Fluch. In: Die Zeit Nr. 46, 10. November 2022, S. 49.
[2] Thomas Meyer, Hannah Arendt. Die Biografie. Piper, München 2023, S. 437.
[3] Ebd., S. 438.
[4] Marcel Reich-Ranicki, Mein Leben. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1999, S. 412.
[5] Ebd., S. 416.
[6] Ebd.
[7] Ebd., S. 417.