Beat des Kaddischs – zu Allen Ginsbergs 100. Geburtstag

0
60
Foto: Michiel Hendryckx / CC BY-SA 3.0

Heute vor 100 Jahren wurde der jüdische Dichter Allen Ginsberg, ein Protagonist der US-amerikanischen ‚Beat Generation‘, geboren. Seine lyrischen Werke, wie das seiner verstorbenen Mutter gewidmete Gedicht „Kaddisch“, berühren noch heute.

Von Thomas Tews

Allen Ginsberg wurde am 3. Juni 1926 im Beth-Israel-Krankenhaus in Newark im US-Bundesstaat New York geboren. Seine Mutter Naomi Ginsberg stammte aus einer jüdischen Familie: Ihr Vater Mendel Livergang war nach einem 1905 in der seinerzeit russischen (heute belarusischen) Stadt Witebsk (Wizebsk) erfolgten Pogrom gegen die damals ein Drittel der Stadtbevölkerung ausmachenden Jüdinnen*Juden in die USA ausgewandert (wobei sein Name in Morris Levy abgeändert worden war) und hatte sich dort in einem alten jüdischen Viertel Manhattans niedergelassen. Ginsbergs Vater Louis Ginsberg war der Sohn jüdischer Immigrant*innen aus Lwow (Lviv) in der heutigen Westukraine, die 1880 nach Newark, wo sie Verwandte hatten, gekommen waren.

Nach Ginsbergs Geburt wurde seine Mutter psychisch krank und Ginsberg, der sehr an ihr hing, musste sich bereits im Alter von zwölf Jahren um sie kümmern. Da seine Mutter Stimmen hörte und Wahnvorstellungen entwickelte, verbrachte sie schließlich einen Großteil ihres Lebens in geschlossenen Anstalten. Ginsbergs Vater befürchtete, dass Ginsberg, der als Kind und Jugendlicher hochsensibel bis kränklich war, ein ähnliches Schicksal drohte, aber er erwies sich als erstaunlich resilient.

1956 publizierte Ginsberg seinen Lyrikband „Howl“, der drei Jahre später in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Das Geheul“ erschien und zu einem Kultbuch und Klassiker werden sollte. In einem Vorwort zu „Howl“ schrieb Ginsbergs Mentor William Carlos Williams: „Ich hätte nie geglaubt, dass er lange genug leben und einen Band mit Gedichten schreiben würde. Seine Fähigkeit, zu überleben, zu reisen und weiterzuschreiben, überrascht mich. Dass er es geschafft hat, seine Kunst weiterzuentwickeln, erstaunt mich nicht weniger.“

Von 1957 bis 1963 wohnte Ginsberg mit weiteren US-amerikanischen Autoren der ‚Beat Generation‘, die das Lebensgefühl, in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg erwachsen geworden zu sein, verband, namentlich mit William S. Burroughs und Gregory Corso sowie zeitweise auch Jack Kerouac, in einem kleinen Pariser Hotel, dem sogenannten ‚Beat Hotel‘, auf engstem Raum zusammen, was sich stimulierend auf seine Produktivität auswirkte.

Hier schrieb Ginsberg einige der schönsten und wichtigsten Gedichte für seinen Lyrikband „Kaddisch“, darunter einen Teil des seiner 1956 verstorbenen Mutter gewidmeten Titelgedichtes, das er im darauffolgenden Jahr zu Hause in den USA vollendete.

„Kaddisch“ (aramäisch für „Heiligung“) ist ein Gebet zum Lobpreis G’ttes, das einer Zeit des Friedens, in der G’ttes Name von allen geheiligt werden wird, entgegensieht. Dieses Gebet der Verkündung der Heiligkeit G’ttes und der Erlösungshoffnung wird am Ende von Wochentags-, Schabbat- und Festtagsg’ttesdiensten gesprochen. Um einen verstorbenen Menschen Trauernde sprechen das Kaddisch auch bei der Bestattung, einem Gedenkg’ttesdienst und an Gedenktagen.

Im Folgenden werden der Anfang und das Ende von Ginsbergs Gedicht „Kaddisch“ in der deutschen Übersetzung von Monika Rinck wiedergegeben:

 

Seltsam jetzt an dich zu denken, gegangen ohne Mieder und Augen, während

                        ich in Greenwich Village über das sonnige Pflaster spaziere,

Downtown Manhattan, klarer Wintermittag, und ich war die ganze Nacht auf,

                        immer am Sprechen, las mir das Kaddisch vor, Ray Charles Blues blinde

                        Rufe auf dem Plattenteller

der Rhythmus der Rhythmus – und nach drei Jahren die Erinnerung an dich in

                        meinem Kopf – Und las Adonais’ letzte triumphierende Verse laut

                        – weinte, als ich begriff wie wir leiden –

Und wie Tod das Heilmittel ist von dem alle Sänger träumen, singen, erinnern,

                        prophezeien, wie im hebräischen Lobgesang, oder dem buddhistischen

                        Buch der Antworten – und meine eigene Vorstellung eines welken Blat-

                        tes – im Morgengrauen –

            […]

Als ich eines Abends aus San Francisco zurückkam, Orlovsky in meinem
Zimmer – Whalen in seinem friedlichen Sessel – ein Telegramm von Gene,
Naomi tot –

Draußen neigte ich unter den Büschen neben der Garage meinen Kopf zu Boden – ich wusste, es ging ihr besser

– endlich – nicht allein der Betrachtung der Erde überlassen – 2 Jahre Ein-samkeit – niemand, im Alter von fast 60 – die alte Frau der Totenschädel – einst die langbezopfte Naomi der Bibel –

oder Ruth, die in Amerika weinte – Rebecca, in Newark gealtert – David sich an seine Harfe erinnernd, jetzt Rechtsanwalt in Yale

oder Svul Avrum – Israel Abraham – ich selbst – um in der Wildnis Gott entgegen zu singen – O Elohim! – so bis ans Ende – 2 Tage nach ihrem Tod er-hielt ich ihren Brief –

Erneuert die seltsame Prophezeiung! Sie schrieb – ›Der Schlüssel ist in dem Fenster, der Schlüssel ist in dem Sonnenlicht am Fenster – ich habe den Schlüssel – Heirate Allen nimm keine Drogen – der Schlüssel ist in den Gitter-stäben, im Sonnenlicht im Fenster.

                                                                                              Alles Liebe

                                                                                                          deine Mutter‹

                        die Naomi –

 

In diesem kleinen Ausschnitt aus Ginsbergs literarischem Werk wird bereits deutlich, was J. D. McClatchy in einem Nachruf auf den 1997 in New York verstorbenen Ginsberg in der New York Times folgendermaßen zusammenfasste: „Sein Werk ist letztendlich eine Geschichte der Seele unserer Ära, mit all ihren widersprüchlichen Antrieben.“