„Akademischer Antisemitismus“

0
123

„Akademischer Antisemitismus“ ist ein neuer Sammelband überschrieben, der aufzeigen will „Wie Forschung und Lehre Judenhass begründen und verbreiten“. Darin finden sich viele Fallbeispiele auch zu israelfeindlichen Positionierungen, wie sie in der Genozidforschung, in den Orientwissenschaften, im Postkolonialismus oder im Völkerrecht vorkommen.

Von Armin Pfahl-Traughber

Deutsche Hochschulen waren nie antisemitismusfreie Zonen. Gegenteilige Auffassungen idealisierten formal höhere Bildung, die nicht mit einschlägigen Auffassungen und inhaltlichen Sensibilitäten einhergehen muss. Bekanntlich wurde der neuere Antisemitismus gerade durch den „Berliner Antisemitismusstreit“ um Heinrich von Treitschke zwischen 1879 und 1881 vorangetrieben. Aber auch heute lässt sich ein „Akademischer Antisemitismus“ ausmachen, was ein gleichnamiger Sammelband thematisieren will. Er wurde herausgegeben von Andreas Jacobs und Richard Ottinger, die eine entsprechende Fachtagung für die Konrad Adenauer-Stiftung organisiert hatten. „Wie Forschung und Lehre Judenhass begründen und verbreiten“ lautet der Untertitel. Die zehn darin enthaltenen Aufsätze gehen auf dort gehaltenen Vorträge zurück. Dabei wurden diese von den Autoren noch einmal gesondert überarbeitet und meist mit einem ausführlichen Fußnotenapparat versehen. Dies hat dem Band erkennbar gut getan, ging damit doch eine Qualitätssteigerung einher.

Anlass und Ausgangspunkt war für die Beiträge die gegenwärtig auszumachende antiisraelische Judenfeindschaft, wobei eben Israel als „Jude unter den Völkern“ dämonisiert und verurteilt wird. Die einzelnen Aufsätze widmen sich dabei unterschiedlichen Schwerpunkten: Bei Ingo Elbe sind antiisraelische Parolen aus dem Postkolonialismus das Thema. Während für den Antisemitismus unter Linken danach Hendrik Hansen nach den ideengeschichtlichen Wurzeln sucht. Dass es in der Forschung auch eine kontinuierliche Israelfeindlichkeit gibt, wird anschließend von Dani Kranz herausgearbeitet. Demgegenüber erinnert Stephan Grigat daran, dass es eine proisraelische Ausrichtung in der Kritischen Theorie gab. Danach macht Verena Buser darauf aufmerksam, dass auch in der Genozidforschung gegen Israel ein Völkermordvorwurf erhoben wird. Die darauf bezogenen Anknüpfungspunkte sind bei Angelika Günzel bezogen auf das Völkerrecht wichtig. Und Israelfeindlichkeit im Queerfeminismus ist das Thema bei Vojin Sasa Vukadinovic. Dem folgend werden die ideologischen, psychosozialen und religiösen Bedingungsfaktoren angesprochen, welche für den muslimischen Antisemitismus nach Günther Jikeli relevant sind. Antiisraelische Auffassungen in der Ethnologie und Orientwissenschaft behandelt dann noch Susanne Schröter. Und abschließend steht bilanzierend der „Gebildete Antisemitismus vor und nach dem 7. Oktober 2023“ bei Johannes Sosada im Zentrum.

Alle Beiträge sind von guten Kennern der Materie geschrieben, welche mitunter erschreckende Einblicke in manche akademisch geprägte Kommunikationen vermitteln. Damit wird verständlicherweise kein Gesamtbild, aber eben ein wichtiger Problemaufriss vermittelt. Auffällig ist indessen das häufig etwas unklare Antisemitismusverständnis bei manchen Autoren, zumindest  hinsichtlich der Bezüge zur Israelfeindlichkeit. Mitunter hätte man sich da eine größere Klarstellung gewünscht, knapp, aber treffend findet man indessen so etwas bei Günzel, wo das Aufgreifen traditioneller Sterotype differenzierend thematisiert wird. Gegenüber einigen Detailausführungen dürfen auch argumentative Einwände vorgetragen werden. So heißt es bei Grigat: „Die in der Kritik der politischen Ökonomie des 19. Jahrhunderts maßgeblich von Karl Marx entwickelte Kritik des Fetischismus und Mystizismus der modernen Gesellschaft ist von entscheidender Bedeutung für die Kritik der judenfeindlichen pathisch-projektiven Weltbetrachtung …“ (S. 66f.). Indessen findet man bei Marx auch selbst antisemitische Stereotype, was diese Deutung in der Gesamtschau etwas problematisch erscheinen lässt. Berechtigt sind demgegenüber aber die Deutungen von Grigat, der einen Gegenentwurf zur Israelfeindlichkeit in der Kritischen Theorie sieht. Für Marx selbst kann man hinsichtlich seiner Postionen auch eine differenzierte Zuordnung vornehmen. Drei Ebenen werden dafür etwa bei Hansen unterschieden: „Religionskritik, Antijudaismus, Antisemitismus“ (S. 36). Dies ist nur ein Beispiel für viele interessante Deutungsansätze, welche die Beiträge des Sammelbandes prägen.

Andreas Jacobs/Richard Ottinger (Hrsg.): Akademischer Antisemitismus. Wie Forschung und Lehre Judenhass begründen und verbreiten, Leipzig 2026 (Hentrich & Hentrich), 192 S., Euro 23,00, Bestellen?

Leseprobe