
„Palestine 36“, der neue Film der palästinensisch-amerikanischen Regisseurin Annemarie Jacir, feierte nun auch in den deutschen Kinos seine Premiere und offenbart die Problematik eines postkolonialen Blickwinkels.
Von Hans-Peter Häfele
Mit reichlich Verspätung feiert der neue Film der palästinensisch-amerikanischen Regisseurin Annemarie Jacir „Palestine 36“ nun auch in Deutschland seine Premiere (Filmstart: 7./14.5.2026). Meinen Platz im Kinosaal hatte ich trotz der Neugier auf den mehrfach prämierten Film mit durchaus gemischten Gefühlen eingenommen – und dies hat Gründe: Annemarie Jacir bezeichnet sich selbst in verschiedenen Interviews explizit als eine „palästinensische Filmemacherin“, welche ihr Kunstschaffen im Rahmen des „kulturellen Widerstands“ verortet. Im Zusammenhang mit dem Krieg Israels gegen die Hamas in Gaza sprach sie im Podcast „Tarwida“ – Interview mit Tala Elissa (5.11.2025) – von einem „laufenden Genozid“, welchen die Welt in Echtzeit erlebe.
Der gewählte Filmtitel „Palestine 36“ benennt nicht nur den Ort und Zeit der Filmhandlung, sondern klingt wie eine politische Kampfansage, denn das Palästina der 1930er-Jahre glich nicht nur sprichwörtlich einem Pulverfass. Die historischen und medial oft polarisiert orchestrierten Debatten um die komplexe Vorgeschichte der Gründung des Staates Israel im ehemaligen britischen Mandatsgebiet Palästina sorgen seit jeher für erheblichen Konfliktstoff und finden seit dem „7. Oktober“ erneut vornehmlich in der Arena eines zunehmend antisemitisch aufgeladenen politischen Kulturkampfes statt. Die Weichen für die erwartbar kontroverse Rezeption von Jacirs Film waren also bereits im Vorfeld gestellt.
Jacir ist Mitbegründerin des Künstlerraums Dar Yusuf Nasri Jacir for Art & Research in Bethlehem und Vorstandsmitglied der Palestine Cinema Days. Zudem rief sie das Projekt Dreams of a Nation ins Leben, um das palästinensische Filmerbe zu bewahren. Mit ihrer Produktionsfirma Philistine Films fördert sie unabhängiges Kino in der arabischen Region und im Iran. In einem Interview betont sie, dass sich „Palestine 36“ akribisch an der Rekonstruktion historischer Details orientiere – anhand alter Fotografien, Landkarten und überprüften Quellenmaterials.
Jacirs Werk wurde ursprünglich als offizieller Beitrag Palästinas für den diesjährigen Wettbewerb um die begehrten Oscars nominiert, nunmehr jedoch wieder zurück gezogen. Ihr Film wurde anlässlich seiner Premiere bei den „Toronto International Film Festivals“ (2025) mit langen „Standing Ovations“ gefeiert und erhielt unter anderem den „Critic Award of Arab Films“.
Annemarie Jacir präsentiert mit „Palestine 36“ nach achtjähriger Produktionszeit mit mehreren Unterbrechungen der Dreharbeiten und Wechseln der Drehorte (u. a. Jordanien, Westbank) ein aufwendig inszeniertes Historiendrama, das die Ereignisse im britischen Mandatsgebiet Palästina des Jahres 1936 aus einer dezidiert palästinensischen Perspektive erzählt. Den Grund für diese Verzögerungen benennt Jacir im Interview mit dem laufenden „Genozid in Gaza“.
Im Zentrum der Handlung stehen mehrere Figuren aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus, deren persönliche Schicksale sich vor dem Hintergrund des arabischen Aufstands gegen die britische Mandatsmacht und den zunehmenden Spannungen zwischen arabischer und jüdischer Bevölkerung kreuzen. Mit der durchaus gelungenen Implementierung nachkolorierter, originaler Filmsequenzen aus dieser Zeit in die Spielhandlung möchte Jacir der Glaubwürdigkeit ihres Films zusätzlich Nachdruck verleihen. Ein Publikum, welches nicht nur Unterhaltung sucht , sondern in der Erwartung einer auch nur einigermaßen komplexen Darstellung des Konfliktgeschehens die Vorstellung besucht, sieht sich dennoch rasch ernüchtert. Jacirs Regieidee gleicht dem berühmten Griff in die Trickkiste, um dem keineswegs um Authentizität bemühten Film, vielmehr als ein im Pathos der eigenen Bilder badendes Historiendrama zu inszenieren. Die Abfolge der Szenen folgt penetrant einem verblüffend einfachen Strickmuster: Das britische Militär mit den protegierten, einwandernden Juden im Schlepptau wird als zynisch-korrupte Kolonialmacht präsentiert. Die Uniformierten sind hier skrupellos-brutale Usurpatoren, gleichen im Gestus einer arrogant-snobistischen Besatzungsmacht dem Abziehbild kolonialer Fremdherrschaft. Im schroffen Kontrast hierzu wird eine arabisch-indigene Urbevölkerung romantisierend als ein in Traditionen verwurzeltes, friedliebendes Volk von Bauern und Händlern gezeichnet. Die grob montierten Filmszenen wirken in ihrer wenig glaubhaften, seichten Dramaturgie hingegen wie das bebilderte Pamphlet der Anklage. Gespart wird auch nicht am üppigen Einsatz ohrendröhnender Pyrotechnik. Diese Rezeptur vermag die sklerotische Dürftigkeit ihres sich über knapp 120 Minuten dahin windenden Kino-Spektakels kaum zu übertünchen.
Gleich eine zentrale Eröffnungsszene blieb mir nachhaltig in Erinnerung und illustriert tonangebend die ideologische Stoßrichtung dieses Films. Jacir zeigt eine palästinensische Mutter mit ihren Tochter. Beide beobachten Juden beim Aufbau eines Kibbuz. Ein kurzer Dialog entsteht. Tochter: „Warum sind die hier“? Mutter: „Weil die Länder, aus denen die kommen, sie nicht mehr haben will“. Die Frage der Tochter nach dem Grund beantwortet die Mutter mit beredtem Schweigen.
Deutlich postkolonial geprägtes Deutungsmuster
Gleichwohl liegt hierin das zentrale Problem der in diesem Film konstruierten Dichotomie. Denn hinter der Inszenierung entfaltet sich eine Geschichtsdarstellung, die weniger auf historische Vielschichtigkeit als auf ein deutlich postkolonial geprägtes Deutungsmuster ausgerichtet ist. Der Konflikt wird in exemplarischen Szenen wiederholt und simplifizierend als Gegenüberstellung einer im Land verwurzelten arabisch-palästinensischen Bevölkerung und einer von außen kommenden, durch die britische Mandatsmacht unterstützte, zionistischen Einwanderungsbewegung dargestellt.
Diese manichäische Konfliktperspektive ist bestenfalls als rein künstlerischer Zugriff noch legitim. Problematisch wird sie dort, wo sie mit dem Anspruch umfassender historischer Authentizität verbunden wird, diesen jedoch nicht einlöst und dadurch zahlreiche historische Leerstellen entstehen. Der gesamte Film manövriert sich dadurch in seiner falschen historischen Konstruktion in eine gravierende Schieflage.
Kritikwürdig erscheint insbesondere die Darstellung jüdischer Einwanderer. Der Kamerablick verharrt in beobachtender Distanz, während die Menschen ihre Kibbuze errichten. Sie bleiben merkwürdig stumm bei der systematischen Landnahme. Mit der durch die Peel-Kommission (Palestine Royal Commission) am 7. Juli 1937 verfügten Teilung Palästinas in einen Jüdischen und einen arabischen Staat, nährt der Film das ideologische Narrativ eines vermeintlich nachträglich legalisierten, siedlerkolonialen Landraubs. In mehreren Sequenzen werden die ankommenden jüdischen Siedler zuvor, in stereotyper Manier, nahezu ausschließlich in Verbindung mit Landkäufen, Korruption, bewaffneten Wächtern oder unter britischer Protektion gezeigt.
Auch die Darstellung des „großen arabischen Aufstands“ (Thawra) folgt weitgehend einer klar antikolonialen Dramaturgie und wird nahezu ausschließlich heroisiert dargestellt. Der Widerstand wird dadurch in das Licht eines legitimen Freiheitskampfes gerückt. Von welcher Seite die Gewalt ausgeht, ist hier klar definiert. Der Film verschweigt weitgehend die Gewalt arabischer Milizen gegen jüdische Gemeinden bereits viele Jahre vor der Staatsgründung Israels – etwa das Massaker von Hebron, bei dem 67 Juden ermordet wurden, oder frühere Pogrome wie die Unruhen von Jaffa 1921. Hinweise darauf hätten zu größerer Transparenz und Plausibilität beigetragen und damit das historische Gesamtverständnis vertieft.
Ebenso wenig reflektiert der Film – was schwer wiegt –, dass die jüdische Präsenz im Land nicht erst mit dem modernen Zionismus begann, sondern sich über eine demografisch nachweisbare, jahrtausendealte jüdische Kulturgeschichte erstreckt – trotz Vertreibungen durch Römer, Byzantiner, Kreuzfahrer und Osmanen. Die komplexe Interessenkonstellation jener Jahre wird dadurch auf eine vergleichsweise eindeutige binäre Konfliktstruktur reduziert.
Dem Tenor des Films angepasst ist auch die eher eindimensionale Zeichnung der britischen Mandatsmacht. Der Film inszeniert die Briten vor allem als politische Wegbereiter einer Durchsetzung zionistischer Interessen. Das britische Weißbuch von 1939 markierte jedoch mit einem darin verfügten Einwanderungsstopp für Juden nach Palästina eine Zäsur und erschwerte perspektivisch de facto die Gründung eines jüdischen Staates erheblich. Die tatsächliche Widersprüchlichkeit britischer Mandatspolitik tritt im Film jedoch zugunsten einer klar konturierten Machtkonstellation in den Hintergrund. Historische Widersprüche werden im Dienste einer intendierten linearen Dramaturgie glattgebügelt.
Symbolisch aufgeladene Erzählstruktur
Generell ist es der eklatante Hang zur Reduktion historischer Widersprüche, nicht selten gepaart mit einem gehörigen Maß an Ignoranz, welcher für die grundsätzliche Problematik des postkolonialen Blickwinkels charakteristisch ist und auch hier das filmische Geschehen wie ein roter Faden durchzieht – und dem „Palestine 36“ leider ebenfalls folgt. Ein solcher Deutungsrahmen besitzt zwar erhebliche politische und emotionale Wirksamkeit; zugleich neigt er jedoch dazu, historische Ambiguität zugunsten einer behaupteten moralischen Eindeutigkeit zurückzunehmen. Die komplexen historischen Voraussetzungen des Konflikts treten dabei unübersehbar hinter eine symbolisch aufgeladene Erzählstruktur zurück.
Der Film veranschaulicht in seiner Darstellung der damaligen palästinensischen Lebenswelt diese gleichsam als privilegierten Erkenntnisort, womit er die philosophische „Standpunkttheorie“ in der cineastischen Praxis exemplarisch zur Geltung bringt, um dem eurozentrischen Blick die Deutungshoheit über die eigene Geschichte zu entziehen. Dabei ist nicht zwangsläufig Jacirs Entscheidung für eine palästinensische Perspektive kritikwürdig. Problematisch erscheint vielmehr die Verbindung dieser Perspektive mit dem betonten Anspruch der exakten filmischen Rekonstruktion der Ereignisse. Das Historiendrama wirkt in seiner stark gelenkten Interpretation geschichtlicher Ereignisse ideologisch festgelegt. Die Filmästhetik verstärkt dabei die Suggestion einer objektiven Geschichtsdarstellung, obwohl Auswahl und Gewichtung historischer Elemente erkennbar selektiv bleiben.
Resümee
Mit ihrem neuen Film „Palestine 36“ unterstreicht Annemarie Jacir, dass sie sich in der internationalen Filmindustrie als erfolgreiche Produzentin zu etablieren versteht und zugleich das handwerkliche Repertoire der Regieführung durchaus beherrscht. Allerdings bewegt sich ihr neues Werk sowohl stilistisch als auch in seiner Erzählstruktur unverkennbar im sattsam bekannten Rahmen postkolonialer Diskurstheorie. Das eigentlich ärgerliche an diesem Film ist jedoch, dass hier der Versuch unternommen wird, das Publikum auf eine überraschend plumpe Art wie am Nasenring durch die Manege in die erzeugten ideologischen Nebelwände dieses Historiendramoletts zu ziehen, einzig ausgerichtet auf das Ziel, die schlichte „Message“ von „Gut und Böse“ auch politisch wirksam werden zu lassen.
Gerade deshalb jedoch dürfte der Film insbesondere bei einem politisch entsprechend disponierten Publikum erheblichen Beifall finden. Der festgelegte Fokus Jacirs auf eine strikt „palästinensische Perspektive“ soll die bisher vermeintlich unterschlagene Erzählung vom zugefügten Unrecht und tradierten Leid der Palästinenser authentisch bebildern und im Zurückweisen des kolonialen Blicks einen Beitrag zur Wiederaneignung der eigenen, bisher verschütteten Geschichte leisten. Im Ergebnis dieser Standpunktperspektive gleitet der Film jedoch in bizarre Formen historischer Verfälschung ab.
Die Behauptung der Regisseurin Annemarie Jacir, ihr filmisches Drama beruhe auf profunden historischen Fakten wird diesem Anspruch in keinerlei Weise gerecht. Es handelt sich hier eben nicht um eine historische Dokumentation im Gewand eines Spielfilms, sondern im Kern um ein politisches Manifest im Grenzbereich zwischen Oberflächenästhetik und kunstvoll arrangierter Agitprop.
Was für das Filmbusiness als zentralem Sektor der Kulturindustrie gilt, wird auch bei Jacirs Film deutlich sichtbar: Die Verschmelzung von Unterhaltung und Ideologie als prägendes Merkmal der modernen Filmindustrie führt nicht selten zu intellektueller Passivität und mindert das Potenzial für eine kritische, mündige Haltung.
Dieser Film dürfte dennoch seine Bewunderer finden und – so meine Prognose – die gängige Verunglimpfung und Delegitimierung des Staates Israel als eines historisch wurzellosen, zionistischen Kolonialgebildes zusätzlich befeuern.
Um mit einem alten jüdischen Sprichwort zu schließen: „Die halbe Wahrheit ist die ganze Unwahrheit.“
–> Der Film „Palästina 36“ ist ein Affront gegen die Geschichte


