Von Andrea Livnat
Bilder, die einen sprachlos zurücklassen. Israels Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben Gvir, kommt zum Hafen von Aschdod und lässt sich dabei filmen, wie er die festgenommen Teilnehmer der Gaza-Flottille erniedrigt. Wie Terroristen müssen sie auf dem Betonboden mit dem Gesicht nach unten knien, die Hände hinter dem Rücken gefesselt. Ben Gvir schwenkt eine überdimensionale Israelfahne und lässt sie mit der israelischen Hymne beschallen. Beschimpft sie als Terroristen und richtet sich an Netanyahu mit den Worten, man solle sie ihm noch einige Tage überlassen. Danach postet er das Video in seinen sozialen Medien. Es dauerte nicht lange, bis zahlreiche Länder die israelischen Botschafter einbestellten, darunter Italien, Frankreich und Kanada.
Ben Gvir sei nicht das Gesicht Israels, schrieb Außenminister Gideon Saar. Er habe dem Land „mit diesem beschämenden Auftritt wissentlich Schaden zugefügt, und das nicht zum ersten Mal“. Auch Premier Netanyahu hat ausnahmsweise deutliche Worte gefunden. Israel habe „jedes Recht, provokative Flottillen von Hamas-Terroristen daran zu hindern, in unsere Hoheitsgewässer einzudringen und Gaza zu erreichen. Die Art und Weise, wie Minister Ben Gvir mit den Flottillenaktivisten umgegangen ist, entspricht jedoch nicht den Werten und Normen Israels.“
So weit so gut, der Schaden ist jedoch getan. Ein umfassender Schaden, ein diplomatischer Super-GAU. Vor allem aber ein wirkliches Unrecht. Selbstverständlich hat Israel das Recht, die Flottillen aufzuhalten, die Teilnehmer in Gewahrsam zu nehmen und sie dann abzuschieben. Das ist keine Frage. Diese Behandlung aber ist nicht nur diplomatisch schlecht, sie ist ein Unrecht.
Ben Gvir ist ein rechtsextremer Fanatiker, der jahrelang das Bild eines Massenmörders in seinem Wohnzimmer hängen hatte. Sein Verhalten ist nicht überraschend. Ein Fanatiker weiß sich auch nicht anders zu benehmen, wenn er in offizieller Funktion seinen Staat repräsentiert.
Die Verantwortung liegt bei Netanyahu, der ihn in seine Koalition holte, um im Amt zu bleiben, der ihn in seiner Funktion belässt, obwohl die Kriminalitätsrate durch die Decke geht, seitdem Ben Gvir im Amt ist. Der ihn weiter wüten lässt, obwohl er bei jedem Auftritt einzig in Eigeninteresse handelt, anstatt seine Arbeit zu tun. Obwohl er jetzt dieses Video veröffentlicht hat und damit dem Staat Israel so großen Schaden zufügt. Wieso ist dieser Mann weiter im Amt? Wie kann ein ganzes Land weiter unter einem Rechtsradikalen leiden nur um Netanyahus Allerwertesten zu retten?
Solange Netanyahu aus reinem Machtkalkül vor Ben Gvir einknickt, verliert Israel nicht nur weltweit an diplomatischem Boden, sondern beschädigt auch seine eigenen moralischen Grundwerte. Es wird Zeit für Wahlen. Es wird Zeit für einen Neuanfang!



