Sechs antisemitische Vorfälle pro Tag, ein weiterhin deutlich erhöhtes Vorfallaufkommen seit dem 7. Oktober 2023, enthemmtere antisemitische Ausdrucksformen. Der Bericht „Antisemitische Vorfälle in Berlin 2025“ von RIAS Berlin beschreibt Entwicklungen im antisemitischen Vorfallgeschehen in Berlin 2025 sowie Auswirkungen auf den Alltag und die Sichtbarkeit von Jüdinnen und Juden und Israelis in Berlin.
Entwicklung weist auf eine anhaltende Verschiebung hin
Während zwischen 2018 und 2022 im Durchschnitt knapp 1.000 Vorfälle pro Jahr dokumentiert wurden, liegen die Fallzahlen seit dem 7. Oktober 2023 deutlich darüber. Im Jahr 2025 waren es fast 2.200 Vorfälle (2023: über 1.200, 2024: über 2.500), das entspricht in 2025 durchschnittlich rund 183 Vorfällen pro Monat. Antisemitische Äußerungen oder Handlungen, die mit gewaltlegitimierenden und terrorverherrlichenden Inhalten einhergingen, traten häufiger im öffentlichen und im digitalen Raum auf.
Ein versuchter Mord und 39 antisemitische Angriffe
2025 wurde RIAS Berlin ein Fall extremer Gewalt bekannt, der auch medial Aufmerksamkeit erregte. Das Opfer – ein Tourist auf dem Stelenfeld des Denkmals für die ermordeten Juden Europas – überlebte nur knapp einen Mordversuch. Ein Mann, der an dem Gedenkort Juden vermutete, stach ihm von hinten ein Messer in den Hals. Das Gericht verurteilte den Täter zu einer 13-jährigen Haftstrafe unter anderem wegen versuchten Mordes und versuchter Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, in diesem Fall dem Islamischen Staat.
Auch wurden dem Projekt 39 weitere antisemitische Angriffe bekannt. In mehreren Fällen schlugen die Angreifenden den Betroffenen mit der Faust ins Gesicht. Andere wurden geschlagen, geschubst, angespuckt, festgehalten, es wurden Kleidungsstücke oder Schmuck vom Körper gerissen. In einem Fall wurde einer zuvor als „Jude“ beschimpften Person Reizgas ins Gesicht gesprüht.
Jüdische Sichtbarkeit in Berlin nicht selbstverständlich
Antisemitische Vorfälle wirken weiterhin in den Alltag von Jüdinnen und Juden sowie Israelis in Berlin hinein. Jüdinnen und Juden berichteten von Beschimpfungen, Ausgrenzungen und Bedrohungen auf der Straße, an der Universität oder in der U-Bahn. Oft veränderten sich in diesen Vorfällen alltägliche Situationen wie eine Taxifahrt oder ein Konzertbesuch, z.B. nachdem Betroffene als jüdisch oder israelisch erkannt, adressiert oder wahrgenommen worden waren, und wurden bedrohlich. Betroffene schilderten, dass sie das Tragen jüdischer Symbole oder das Sprechen von Hebräisch in der Öffentlichkeit abwägen oder gänzlich vermeiden.
4 bis 5 Versammlungen mit antisemitischen Vorkommnissen pro Woche
Mit 239 Versammlungen hat RIAS Berlin so viele Versammlungen mit antisemitischen Vorkommnissen verzeichnet wie nie zuvor. Wie bereits 2024 wurden 2025 die meisten solcher Versammlungen (179) dem Spektrum des antiisraelischen Aktivismus zugeordnet. Auf den Versammlungen traten terrorverherrlichende und antisemitische Äußerungen oft gemeinsam auf. Auf einer Versammlung wurde z.B. das Massaker des 7. Oktober 2023 als „Sieg“ glorifiziert und zur Wiederholung aufgerufen.
Besonders präsent: Schoa bagatellisierende Gleichsetzungen, das Feindbild „Zionismus“ und antijudaistische Motive
Im Sommer wurden drei Flyer entdeckt, die im Comic-Stil einen in einem Stoppschild durchgestrichenen stereotyp gezeichneten jüdischen Mann mit Schläfenlocken und schwarzem Hut mit Davidstern zeigten. Auf der Rückseite stand: „Vor unseren Augen zerfetzt er kleine Kinder und leugnet dreist die Tat aber wir finden Dich ZIONS-BASTARD.“ „Zionismus“ wurde 2025 in mehr als 20 % der Vorfälle als antisemitisches Feindbild verwendet. Häufig wurden Israel oder der Zionismus zudem mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt, z.B. durch die Wortschöpfung „Zionazis“. Schmierereien und Parolen wie „Kill Zios“ lesen sich als Mordaufrufe an als „Zionist_innen“ markierte Personen. Verbreitet waren 2025 außerdem antijudaistische Assoziationen von Jüdinnen und Juden mit dem Teufel, die durch Slogans wie „Israhell“ oder „Zionists are indigenous to hell“ auf Israel oder den Zionismus übertragen wurden.
Mehr Vorfälle in der Gastronomie und an Hochschulen
An gastronomischen Einrichtungen wurden mehr Vorfälle verzeichnet als im Vorjahr. Gäste oder Betreiber_innen wurden z.B. durch Unbekannte beschimpft. So rief ein Passant den Gästen im Außenbereich eines israelischen Restaurants zu: „Drecksjuden! Erstickt an eurem Fraß!“ Auch Hochschulen waren 2025 wie bereits 2023 und 2024 ein Ort, an dem der sprunghafte Anstieg antisemitischer Vorfälle seit dem 7. Oktober 2023 besonders sichtbar war.
Sigmount Königsberg, Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, kommentierte den Bericht: „‚In Deutschland gilt derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als derjenige, der den Schmutz macht‘, so Kurt Tucholsky. Das vergangene Jahr war davon geprägt, dass man mehr darüber stritt, wie Antisemitismus zu definieren sei, als dass man sich der Bekämpfung des Judenhasses annahm. Diese Debatten dienen unseres Erachtens oft dazu, die Antisemitismus-Erfahrungen von Jüdinnen und Juden in Berlin zu bagatellisieren, zu relativieren oder zu negieren. Unsere Erfahrungen decken sich weitgehend mit den Zahlen von RIAS Berlin. Israelbezogener Antisemitismus ist mit großem Abstand die häufigste Form des Judenhasses, mit der wir konfrontiert sind. Vermehrt wird von ‚Zionisten‘ gesprochen, aber Juden sind gemeint. Politik und Gesellschaft sind gefordert, Bedingungen zu schaffen, damit alle Juden sich sicher fühlen.“
Der Bericht kann unter https://report-antisemitism.de/documents/2026-05-20_rias-be_Antisemitische-Vorfaelle-Berlin-2025.pdf eingesehen werden.
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