In der Filmreihe „Masel Talk“ werden in der Kinemathek Karlsruhe Filme mit jüdischen bzw. israelischen Themen gezeigt.
Von Hans-Peter Häfele
Die nordbadische Residenzstadt Karlsruhe beherbergt mit der „Kinemathek Karlsruhe e.V.“ nicht nur einen zentralen Pfeiler der Karlsruher Kulturlandschaft, sondern verfügt mit den Räumlichkeiten dieses kleinen Kinos, nicht zuletzt wegen deren komplexer, architektonischer Eigenart, auch über ein baugeschichtliches Schmuckstück mit einer Strahlkraft weit über die Stadtgrenzen hinaus. Das mit Beginn der 1970er-Jahre einsetzende und bis dato anhaltende „Kinosterben“ dünnt die städtischen Kinolandschaften zunehmend aus, so dass auch die „Kinemathek“ sich im Laufe ihrer wechselvollen Geschichte als eine der letzten, überlebenden Institutionen der einst üppig bestückten Karlsruher Kinolandschaft gegen ihr Verschwinden behaupten muss. Die aktuell verabschiedeten Kürzungen im Kulturetat der Stadt hängen wie ein Damoklesschwert auch über diesem Kino und zwingen die Betreiber zur Überprüfung des Programmangebotes.
Das heutige Filmtheater, mit seinen beiden sich über zwei Stockwerke verteilenden Sälen, zentral im Herzen der Stadt gelegen, ging aus dem bereits 1974 ins Leben gerufenen „Kommunalen Kino“ hervor und fühlt sich mit seiner aus Filmkunst, Dokumentarfilmen und Originalfassungen breit gefächerten Programmpalette nicht nur der Bewahrung des historischen Filmerbes verpflichtet, sondern leistet im Rahmen des Spektrums „Medienkunst und Film“ darüber hinaus einen unschätzbar wertvollen Beitrag zum Erhalt einer lebendigen und zeitgemäßen Kinokultur. Nach kostenträchtigen Umbauarbeiten fand die Kinemathek mit ihrem Umzug 2010 in die ehemaligen Räumlichkeiten eines Karlsruher Großkinos ihre heutige Wirkstätte. Mit dem Jubiläumsjahr 2024 erfolgte inhaltlich dann eine weitere Gewichtung des Programmangebotes zu Gunsten eines partizipativen Konzepts von „Filmbildung und kulturellem Dialog“, welches Filmdiskussionen in Verbindung mit historischen Filmen und moderner Medienkritik breiten Raum gibt. Mit dieser konzeptuellen Ausrichtung positioniert sich das Team der Betreiber bewusst konträr zu einem dominant privatistischen Filmkonsum in den eigenen vier Wänden.
Wechsel im Leitungs-Team
Seit dem Jahr 2025 ist Samuel Israel mit der Programmgestaltung betraut. Seiner kuratorischen Initiative verdankt die Kinemathek nunmehr die Filmreihe „Masel Talk“, welche mit ihrem Start im November 2023 auch zeitlich dicht im Kontext der Schockwellen des „7. Oktober“ stand und ist somit von einer besonderen historischen und politischen Brisanz geprägt. Samuel Israel wollte mit seiner Programmidee einen bewussten Kontrapunkt zum Horror des „7. Oktober“ setzen und die Lücke der gewiss unterrepräsentierten jüdischen Filmkultur auf deutschen Leinwänden füllen. Es versteht sich von selbst, dass es hier von Beginn an nicht um ein klassisches Kinoprogramm ging, sondern um die Eröffnung eines kulturellen Resonanzraumes in welchem konträre Sichtweisen sich entfalten dürfen und kontrovers geführte Diskussionen im Anschluss der Filmvorführungen ihren Platz haben sollen und geradezu erwünscht sind. Das Publikum ist eingeladen, in einen Dialog zu treten, in dem Film, Erinnerungskultur und gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen sich miteinander verschränken.
Darstellung eines breiten Spektrums jüdischen Lebens und Kultur
„Masel Talk“ widmet sich in seiner monatlichen Filmauswahl der Vielfalt jüdischer und israelischer Filmkultur. Gezeigt werden sowohl aktuelle Produktionen als auch Werke, die sich mit jüdischer Geschichte, Alltagskultur und politischer Gegenwart auseinandersetzen. Ziel ist es dabei nicht allein, filmästhetische Perspektiven zu erörtern, sondern insbesondere auch gesellschaftliche Diskurse aufzugreifen und anzustoßen – etwa zu Fragen von Erinnerung, Religion, aktuellem- sowie historischem Antisemitismus und der großen kultureller Vielfalt im für die meisten Menschen unbekannten Land Israel.
Der Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 bildet einen zentralen Bezugspunkt der Reihe, wie Samuel Israel in einem aktuellen Interview mit der Zeitschrift „Jungle World“ betont. Dieses Ereignis wird nicht nur als politischer Einschnitt verstanden, sondern als tiefgreifende Zäsur im jüdischen Selbstverständnis weltweit. Die verheerenden Auswirkungen sind multidimensional. Einerseits wurden historische Traumata reaktiviert und ein Gefühl existenzieller Bedrohung verstärkt, zeitlich parallel und empirisch dokumentiert ist auch global ein deutlicher Anstieg antisemitischer Vorfälle zu verzeichnen. Zugleich weisen öffentliche Debatten eine groteske Schieflage zu Ungunsten einer Anerkennung der existentiellen Bedrohung Israels in seiner Existenz und der Gefährdung jüdischen Lebens in der Diaspora auf. Täglich lesen wir von verbalen Herabwürdigungen und gewaltsamen Übergriffen auf Juden und Jüdinnen, sofern diese leicht nachvollziehbar überhaupt noch den Mut aufbringen, ihren Glauben oder ihre Herkunft offen zu dokumentieren.
Vor diesem Hintergrund fungiert die interdisziplinäre Herangehensweise von „Masel Talk“ als Plattform der Auseinandersetzung. In speziellen Programmen werden im festen Turnus Filmvorführungen mit Vorträgen und Diskussionsformaten arrangiert. Diese kombinierte Herangehensweise ermöglicht es, sowohl individuelle Erfahrungen als auch strukturelle gesellschaftliche Entwicklungen über filmthematisch ganz unterschiedliche Stoffe sichtbar zu machen. Dies scheint gerade heute umso dringlicher, denn es ist bezeichnend für das seit langem vergiftete politische Klima, dass insbesondere im Rahmen der Vorträge ein polizeilicher Schutz des Außenbereiches auch der Kinemathek unabdingbar und eine persönliche Anmeldung vorab mittlerweile obligatorisch ist.
Behutsamer Umgang mit oft schwierigen Themen
Das Gemeinsame bei vielen der gezeigten Filme ist, dass die jeweiligen Regisseure und Regisseurinnen darauf verzichten, die thematisierten Ereignisse auf eine spektakuläre und somit in plakativer Manier, auf eine emotionale Erschütterung hin zielende Weise der Darstellung verzichten, sondern sich ihrem Gegenstand über persönliche Geschichten, fragmentierte Erinnerungen und alltägliche Perspektiven eher vorsichtig nähern. Gerade diese Zurückhaltung eröffnet einen differenzierten Zugang und verhindert eine Überwältigung durch das Geschehen auf der Leinwand. Das ist aus eigener Filmerfahrung wohltuend, übertölpelt das Publikum nicht und befördert die Bereitschaft, selbst schwer erträgliche Inhalte zu integrieren.
Ein wesentliches Element der Reihe besteht darin, soweit die jeweiligen Zeitbudgets es erlauben, mit der Einbindung von Filmschaffenden, Autorinnen und Autoren sowie Expertinnen und Experten, dem Publikum die Möglichkeit eines Einblicks in deren Filmschaffen zu geben und sich dem Austausch mit dem Publikum direkt zu stellen. Dadurch entsteht ein Raum, in dem unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen und kritisch reflektiert werden können. Insbesondere im Kontext der aktuellen gesellschaftlichen Spannungen ist gerade dieser dialogische Ansatz des „auf Tuchfühlung gehen“ von nicht zu unterschätzendem Wert und als Praxis auch für die Kinemathek typisch für deren Selbstverständnis als Bemühen um die Bewahrung einer gelebten Filmkultur.
Innerhalb der Karlsruher Kulturlandschaft kommt der „Masel Talk“ – Reihe, als einem Kulturprojekt, durchaus eine wichtige, vermittelnde Funktion zu. Die Reihe bringt im Gedanken der Vernetzung lokale Akteure wie den „Deutsch-Israelischen Freundeskreis“ (DIFK), die Hochschule für Gestaltung (HfG) sowie das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) themenbezogen als Kooperationspartner mit einem interessierten Publikum zusammen, um gemeinsam globale Fragestellungen zu erörtern und trägt so zur politischen Bildung ebenso bei wie zur Förderung eines differenzierten öffentlichen Diskurses über den erneut offen grassierenden Antisemitismus in Zeiten großer, gesellschaftlicher Krisen.



