Rachel, Hersh und ich

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Eine etwas andere Buchbesprechung von Ramona Ambs

Hersh Goldberg-Polin ist außerhalb Israels die vermutlich bekannteste Geisel, die die Hamas vom Nova Musikfestival in die Tunnel nach Gaza verschleppt hat. Dass er so berühmt wurde, lag zum einen vielleicht an seiner zusätzlichen amerikanischen Staatsbürgerschaft, aber auch und vor allem am Einsatz seiner Eltern, insbesondere seiner Mutter Rachel Goldberg-Polin.

Ich habe mich Rachel Goldberg-Polin immer sehr nah empfunden. Vor allem weil ihr Sohn Hersh meinem Sohn Levi ein wenig ähnlich ist. Und ähnlich aussieht. Und gleich alt ist. Auch habe ich drei Kinder und wenn jemand mir eines stehlen würde, würde auch ich Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um ihn wieder zu bekommen. Ich war deshalb vom ersten Tag sehr an Hershs Schicksal interessiert und habe selbst auch immer wieder auf social media an ihn erinnert…

Bei einer Veranstaltung in Mannheim, bei der wir alle Plakate mit den Gesichtern der Verschleppten hochhalten sollten, bekam ich Hersh in die Hand gedrückt… und Hershs Kinderfoto mit dem Koala hing lange an meiner Pinnwand…

Als mich die Nachricht seiner brutalen Ermordung erreichte fühlte ich mich tagelang wie betäubt… und ich habe lange und viel geweint.

Ich war deshalb tief beeindruckt von den Reden, die seine Mutter Rachel gehalten hat. Ihre Fähigkeit, immer die richtigen Worte zu finden und diese dann auch noch in der richtigen Weise auszusprechen – und das bei all dem Schmerz und der Angst, die sie gehabt haben muss – und vor allem der riesigen unerträglichen Ungewissheit, ob sie ihren geliebten Jungen je wieder sehen wird.

Von all dem erzählt sie in dem eben erschienenen Buch „When We See You Again“. Sie gliedert ihre Erzählungen in zwei Teile, einem Davor und einem Danach. Sie erzählt aus ihrem Leben, erzählt immer wieder vom Schmerz, vom Hersh-weh, und das tut sie so eindringlich, dass es beim Lesen weh tut.

Sie erzählt von Gedanken, aus denen sie Kraft schöpft, sie erzählt von Gott, sie erzählt aber auch von den Zumutungen, denen sie ausgesetzt war. Zum Beispiel, wie sie an Tag 39 nach Washington fuhr und ein Kongressabgeordneter sie arglos fragte, wie oft sie derzeit mit Hersh telefonieren könne… und wie fassungslos sie das gemacht habe. Sie erzählt aber auch vom Trost, den andere ihr spendeten und wie dankbar sie für all dies ist.

Ich konnte das Buch kaum lesen. Immer wieder musste ich es weglegen, weil mich der Schmerz beim Lesen fast zerrissen hätte. Aber ich bin froh, dass ich dem Impuls, es einfach wegzulegen und nicht zu Ende zu lesen widerstanden habe. Denn es ist wichtig, sich diesem Schmerz zu stellen. Ihn zu fühlen, auch wenn man weiß, dass das alles nicht mehr heilt.

Der Schmerz in diesem Buch ist dominant. Dennoch ist es ein Buch über Hersh, in dem auch sein Davor deutlich wird. Es erzählt nicht nur den Verlust und die Lücke, die Hersh hinterlässt, sondern auch davon, was Hersh bewirkt hat in seinem viel zu kurzen Leben. Und genau das ist die Blickrichtung, die wir einnehmen sollten. „May his memory be a revolution“, sagte Jon Polin bei der Levaya seines Sohnes. Das Buch ist in diesem Sinne ein guter Anfang. Diesen Schmerz gemeinsam zu fühlen und dabei offen zu bleiben für das Leid der anderen, ist ein guter Ansatz.

Rachel Goldberg-Polin, When We See You Again, S. Fischer Verlag 2026, 288 S., Euro 24,00, Bestellen?

1 Kommentar

  1. Danke sehr für diesen zu Herzen gehenden Lese-Hinweis. – Habe eine Sammlung von Berichten über das unermessliche Leid der israelischen Geiseln und ihrer Familien seit dem 7. Oktober angelegt, um der hierzulande herrschenden Kollektiv-Ignoranz zu entgehen. – Das umfangreiche Konvolut liegt für Interessierte hier zum Download bereit (Im vertikalen Kontextmenü linksseitig > pdf)
    https://docs.google.com/document/d/1LSPxDWoDpLoWzQtk6pL-S-f8uooDATgGo0WP3dx_dLA/edit

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