„Als wir die Freiheitstatue erblickten, tanzten wir vor Freunde über das Schiffsdeck…“

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Ankunftshalle auf Ellis Island New York, Foto: Library of Congress (Public Domain)

Erinnerungen an die Lebenswelt deutschsprachiger Flüchtlinge in den USA

„Es war auf eine Art die aufregendste Stadt, die ich je gesehen hatte“, erinnert sich der Fotograf Andreas Feininger, der 1939 Deutschland verlassen musste. „Es gab Wolkenkratzer und es gab Elendsviertel. Ich hatte nie zuvor in meinem Leben eine schwarze Person gesehen; und es gab ganze Stadtteile mit nur einer Sorte Menschen“. Die Rede ist von New York City. Im Großraum der Metropole am Hudson lebten Ende der 1930er Jahre rund 600.000 deutschstämmige Menschen. Viele von ihnen waren schon seit Jahrzehnten dort heimisch geworden und hatten eine unübersehbare „deutsche Infrastruktur“ entwickelt – mit eigenen Zeitungen, Geschäften, Restaurants sowie kulturellen und sozialen Einrichtungen. Mit der Ankunft der zahlreichen „rassisch“ und politisch Verfolgten aus Deutschland und Österreich konnte dieses Netzwerk noch ausgebaut werden.

Zum beliebtesten Stadtteil entwickelte sich Washington Heights, scherzhaft das Vierte Reich genannt, ein Viertel im Norden von Manhattan, in dem schon alteingesessene Deutsch-Amerikaner wohnten. Hier wurde überwiegend die deutschsprachige New Yorker Staatszeitung gelesen. Über die „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten und die Vorgänge in Deutschland berichtete das konservativ ausgerichtete Blatt ab 1933 jedoch eher unkritisch oder sogar verständnisvoll. Folglich ist es nicht verwunderlich, dass die Zeitung nur wenige Leser unter den jüdischen Flüchtlingen gewinnen konnte. Bevorzugte Informationsquelle für die von Hitler vertriebenen Juden war daher die seit 1934 verlegte jüdische Emigrantenzeitung „AUFBAU“.

Der „AUFBAU“ ist neben einer Vielzahl von persönlichen Briefen, Tagebüchern, publizierten oder noch nicht veröffentlichten Erinnerungen, sowie der einschlägigen Sekundärliteratur eine wichtige und zentrale Quelle, die Siegfried Müller für sein Buch „Exil in New York. Deutschsprachige Emigranten in der neuen Welt 1933–1945“ ausgewertet hat. Im Gegensatz zu den bereits vorliegenden Publikationen, die historische Forschung hat sich seit den 1970er Jahren umfassend mit dem Thema Emigration beschäftigt, stehen in Müllers Studie nicht die bekannten Künstler, Wissenschaftler oder andere Prominente, wie etwa Thomas Mann, Hannah Arendt, George Grosz oder Mascha Kaleko im Fokus, sondern er beleuchtet den Alltag der „normalen“ Menschen, die alles zurücklassen mussten, mittellos waren und die keine oder nur unzureichende Sprachkenntnisse aufweisen konnten.

Müller beschreibt den gesamten, schweren Weg von der Beschaffung von Ausreisepapieren, der Überfahrt und Ankunft auf Ellis Island mit dem Einreiseprozedere, die Job- und Wohnungssuche, kurzum wie es die Menschen schafften, sich in ihrer neuen aber fremden Heimat zurechtzufinden. Der Autor benennt auch die profanen, eher kleinen Probleme des Alltags: Werner Vordtriede war es gelungen seine Mutter nachzuholen. Er lebte in einem Hotel, in dem es untersagt war Damenbesuch zu empfangen. Als ihn seine Mutter besuchen wollte, durfte sie sein Zimmer nicht betreten; das glückliche Wiedersehen musste auf der Hoteltreppe gefeiert werden. „Zum großen Ärger aller über uns herumstolpernden Gäste“, notierte der Emigrant in seinem Tagebuch „Jetzt ist vier Uhr morgen. Wir hatten uns so viel zu erzählen.“ Der Schauspieler Fritz Kortner berichtete, dass der Emigration Officer, nachdem er seinen Pass angeschaut hatte, Jiddisch mit ihm sprach. Kortner erklärte, dass er nichts verstünde. „Daraufhin sprach er English, das ich auch nicht verstand, denn es war Brooklyn Slang.“ Solche Episoden und andere teilweise skurrilen Geschichten fand Müller zuhauf in den über 200 Nachlässen, die im Leo-Baeck-Institute aufgehoben werden.

Aber auch der US-amerikanische Antisemitismus wird in einem eigenen Kapitel thematisiert, der etwa vom „German American Bund“, eine wirkmächtige Naziorganisation, propagiert wurde und auf fruchtbaren Boden fiel. Bei Umfragen des American Jewish Committee in den späten 1930er und frühen 1940er Jahren gaben ein Drittel der Befragten an, die Juden hätten in den USA zu viel Macht. Eine Befragung aus dem Jahr 1944, die wissen wollte, welche nationalen, religiösen oder radikalen Gruppen eine Bedrohung für Amerika seien, nannten 25 Prozent die Juden.

Doch neben den Schattenseiten schildert Müller anhand der zahlreich eingestreuten Anekdoten spannende individuelle Biografien, die verschlungenen Fluchtwege, die Herausforderungen vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise in den USA, aber auch den kulturellen Einfluss der Migranten auf die pulsierende Metropole. Seine gut lesbare quellengesättigte Studie mit rund 1650 Anmerkungen ermöglicht einen authentischen Einblick in die Lebenswelt der deutschsprachigen Emigranten im New York der Jahre 1933 bis 1945. Eine gelungene Bereicherung der Literatur über Emigration – und auch eine Empfehlung für Leser jenseits der Fachwelt! – (jgt)

Siegfried Müller, Exil in New York: Deutschsprachige Emigranten in der Neuen Welt (1933–1945), Kohlhammer Stuttgart 2025, 289 S., 49,00 €, Bestellen?