No Jews, No News

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Bill Maher, Screenshot Youtube

Bill Maher zum grassierenden Antisemitismus

Von Gerhard Jung

Bill Maher beginnt mit einem Satz, der wie ein Stein ins Wasser fällt: Linke und Rechte, sagt er, seien sich einig – im Zorn auf Israel. Das ist natürlich übertrieben. Aber Übertreibungen sind in der politischen Kommunikation unserer Tage das Einzige, was noch durchdringt. Die Fakten haben längst kapituliert, die Nuancen sind desertiert, und die Vernunft hat sich in ein Sabbatjahr verabschiedet.

Während Maher spricht, lohnt es sich, an eine Szene aus Minneapolis zu denken. Dort haben Bürgerinnen und Bürger – keine Berufsaktivisten, keine Parteikader – mit einer Mischung aus Entschlossenheit und Improvisation den Rückzug von ICE erzwungen. Eine Bundesbehörde, die sonst ungerührt Familien trennt, wurde von einer Menschenmenge zum Rückzug gebracht. ein Beispiel für funktionierende Zivilgesellschaft. Demokratie ist nicht nur ein System, sondern ein Reflex.

Der zweite Anlass, die USA zu beneiden, ist weniger spektakulär, aber nicht weniger politisch. Er findet spätabends statt, wenn die Nachrichten längst zu einem Brei aus Alarmismus und moralischer Selbstvergewisserung geworden sind. Dann treten die fabulous four der amerikanischen Satire auf – Colbert, Maher, Oliver, Stewart – und erinnern daran, dass politische Kultur nicht nur aus Institutionen besteht, sondern aus Stimmen, die sich weigern, die Realität den Lautesten zu überlassen. Europa hat viele Dinge, auf die es stolz ist, aber es hat keine vier Komiker, die Woche für Woche Millionen Menschen dazu bringen, gleichzeitig zu lachen und zu denken. Das ist kein Zufall. Es ist ein Symptom.

Maher ist unter diesen vier derjenige, der am wenigsten an pädagogische Effekte glaubt. Er ist kein Erklärer, kein Therapeut, kein moralischer Architekt. Er ist ein Störsignal. Sein Clip „No Jews, No News“ ist kurz, präzise und unhöflich – drei Eigenschaften, die man hierzulande zuweilen gern als „typisch amerikanisch“ abtut, um sich nicht mit dem Inhalt beschäftigen zu müssen.

Der Inhalt aber ist simpel: Die politische Öffentlichkeit hat sich in eine moralische Echokammer verwandelt. Die Linke reduziert Israel auf ein koloniales Symbol, die Rechte hat das Land aus ihrem identitären Inventar gestrichen, und beide Lager sind sich einig, dass historische Komplexität ein Luxus ist, den man sich im Zeitalter der Schlagworte nicht mehr leisten kann. Maher hält ihnen diesen Mechanismus vor wie einen Spiegel, und der Spiegel ist nicht geschönt.

Dass ein deutscher Kanzler öffentlich erklärt, er würde seine Kinder nicht in die USA schicken, gehört in dieselbe Kategorie wie die moralischen Reflexe, die Maher kritisiert. Es ist eine jener wohlfeilen Überlegenheitsgesten, mit denen man sich hierzulande gegen die Zumutungen der Realität panzert. Währenddessen produziert Amerika – neben all seinen Abgründen – Menschen wie Maher, Bewegungen wie jene in Minneapolis und Komiker, die mehr politische Aufklärung leisten als ein Dutzend Leitartikel.

Der Clip ist kein Meisterwerk. Er ist ein Warnsignal. Und Warnsignale sind in einer Zeit, in der die Öffentlichkeit sich in ritualisierten Gewissheiten eingerichtet hat, wertvoller als jede wohltemperierte Analyse. Maher erinnert uns daran, dass Demokratie nicht aus Konsens besteht, sondern aus Reibung. Und dass Zorn, richtig dosiert, ein politisches Werkzeug sein kann.