Teufels Weiber

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David Frankel präsentiert mit „Der Teufel trägt Prada 2“ einen gelungenen Film

Von Miriam N. Reinhard

Manchmal treffen einen die Schicksalsschläge wirklich im Sekundentakt. Eben hört Andrea Sachs (Anne Hathaway), die bei der Preisverleihung für einen Journalistenpreis neben ihren Kollegen von der Zeitung Vanguard sitzt, dass sie zu den diesjährigen Nominierten zählt, dann können sie und ihre Kollegen einer auf ihren Smartphones eingehenden Kurzmitteilung entnehmen, dass sie mit sofortiger Wirkung entlassen worden sind, und Sekunden später wird Andreas Name erneut aufgerufen: Sie ist nicht nur Nominierte, sie ist die Preisträgerin. Und arbeitslos.

Auch das Modemagazin Runway hatte schon mal einen besseren Lauf: In der letzten Ausgabe des Magazins wurde das Unternehmen Speed-Fash beworben, das seine miesen Arbeitsbedingungen der Redaktion allerdings unterschlagen hat – der Shitstorm lässt selbstverständlich nicht lange auf sich warten. Für Chefredakteurin Miranda (Meryl Streep) kommt dies zur Unzeit: Der Medienmogul Irv Ravitz (Tibor Feldman), der das Medienimperium Elias Clark besitzt, dem auch Runway zugehörig ist, will sie zum Global Head of Content befördern – doch der Skandal nun hat das Potential, diese Beförderung infrage zu stellen. Wie gut, dass Irv Andreas kämpferische Rede für „echten Journalismus“, die sie auf der Preisverleihung hält, zugeschickt bekommt. Er beschließt, die für den Arbeitsmarkt gerade freigewordene Journalistin einzustellen und zu Runway zu schicken – wer so kämpferisch redet, wird gegen diese Krise produktiv anschreiben können. Für Andrea bedeutet dieser Schritt jedoch auch eine Rückkehr: Vor 20 Jahren hat sie das Magazin mit seiner legendär autoritären Chefin verlassen – soll sie wirklich noch einmal in eine solche Hölle zurück? Sie wagt es. Miranda ist darüber allerdings weder vorher informiert worden, noch ist sie sehr begeistert, Andrea wiederzusehen, abgesehen davon, dass sie sie gar nicht erst wiedererkennen will. Kann das gutgehen? Kann es eine sinnvolle Fortsetzung einer 20 Jahre alten Geschichte geben?

Regisseur David Frankel geht diese Wette ein: 20 Jahre nach „Der Teufel trägt Prada“ präsentiert er nun den zweiten Teil mit der in den zentralen Rollen selben Besetzung. Es gelingt ihm, einen unterhaltsamen, ästhetischen Film zu präsentieren, der sogar – wenn selbstverständlich auch nicht übertrieben – hier und da Momente von Tiefe hat.

Bei Runway zurück gelingt es Andrea, die Wogen nach außen zu glätten: Sie verfasst einen entschuldigenden Artikel zu dem Speed-Fash Fauxpas, der immerhin vom Kulturjournalismus wohlwollend zur Kenntnis genommen wird; Miranda reicht das allerdings nicht und auch Irv ist noch nicht überzeugt, dass ein Journalismus, der primär den Elfenbeinturm adressiert, langfristig das Image von Runway in der Breite der Leserschaft verbessern kann. Andrea gewinnt Miranda erst für sich, als sie einen Interviewtermin mit der promovierten Anthropologin und Philanthropin Sasha Barnes (Lucy Liu), die nach ihrer drei Jahre zurückliegenden Scheidung von Tech Bro Benji (Justin Theroux) zu einer der reichsten Frauen der Welt avanciert ist, vereinbaren kann. Das Interview wird geführt, Sasha erwähnt bei dieser Gelegenheit, dass ihr aufgefallen sei, dass Runway aktuell mehr Position beziehe und dadurch an Gewicht gewinne. Andreas Artikel werden also doch auch an den richtigen Stellen bemerkt. Es läuft also – nun auch zwischen Miranda und Andrea, besonders als das Feature mit Sasha die Leserschaft begeistert und „die höchste Interaktionsrate aller Artikel in acht Jahren“ generiert. Miranda ist ihrem Ziel der Beförderung damit endlich realistisch nahegekommen. Doch der nächste Schicksalsschlag lauert bereits: Bei der Party zu seinem 75. Geburtstag erleidet Irv einen tödlichen Herzinfarkt, bevor er Mirandas Beförderung bekanntgeben kann – das Medienimperium geht an seinen Sohn Jay (B.J. Novak) über, der allerdings keinen Sinn für Mode hat und Runway schnell in die Bedeutungslosigkeit zusammensparen will. Doch der geschiedene Mann von Sasha, Benji, inzwischen liiert mit Andreas einstiger Gegenspielerin bei Runway, Emily (Emily Blunt), die nun als Führungskraft bei Dior tätig ist, erklärt sich bereit, das Magazin zu kaufen – seiner neuen Freundin zuliebe, die direkt die Zukunft für das Magazin plant: ohne Miranda. Die habe ihre Zeit gehabt. Nun sei sie, Emily, am Zug. Bekanntlich findet der Teufel immer wieder neue Wege, sich zu offenbaren – diesmal hat er Emily dafür erwählt. Wieder also ein Schicksalsschlag auch für Andrea, die diesen Verrat an Runway und Miranda nicht fassen kann. Miranda ist davon allerdings nicht überrascht. Sie kennt nicht nur das Business und seine glänzende Oberfläche, sondern auch die menschlichen Abgründe hinter seinen glamourös-ästhetischen Fassaden. In Mailand, vor Leonardo da Vincis letztem Abendmahl stehend, erläutert sie Andrea: „Diese Szene zu malen, war in der Zeit nichts Neues. Man findet Fresken zu diesem Thema überall, quer durch Europa. Aber in den anderen Versionen ist die Hauptfigur allerdings mit einem Heiligenschein dargestellt. Man glaubt, dass uns da Vinci damit sagen wollte: Wir sind Menschen, niemand ist vollkommen. Der Mensch ist sowohl herrlich als auch fehlbar; und unvermeidlich täuschen und betrügen wir einander und lassen einander hängen. Das liegt scheinbar in unserer Natur.“

Menschliche Fehler also, die uns in die Höllen des Zwischenmenschlichen führen – doch natürlich kann Andrea auch die erneute Schicksalswendung mit Miranda gemeinsam meistern und Emilys Plan durchkreuzen, weil der von ihr geliebte Tech Bro zwar sehr vermögend ist, doch ansonsten über ein recht erstaunliches Maß an natürlicher Dummheit verfügt. Ganz im Gegensatz zu seiner Exfrau, die sowohl ihr Vermögen als auch ihren Verstand in Zukunftsvisionen, die nicht in Destruktion sich erschöpfen, zu investieren weiß – sie kauft Jay direkt das ganz Medienimperium ab. Runway kann somit Runway bleiben und der Teufel kehrt in seine ursprüngliche Gestalt der dann doch noch beförderten Chefredakteurin zurück. Ein sehr erwartbares Happyend, über das man sich dann dennoch freut.

Hat es diesen zweiten Teil gebraucht? Das kommt darauf an, wozu man Filme sieht. Auch der erste Teil fiel bereits nicht mit übertriebenen Ambitionen auf, eine besonders tiefgründige Botschaft zu präsentieren. Das Interesse an der Materie – wie auch schon an der literarisch recht schlichten Romanvorlage für den ersten Teil von Lauren Weisberger – rekrutierte sich primär aus dem Mythos, den das dämonische Original umgibt: Ohne Anna Wintour (die inzwischen ihr Höllenregiment als Global Chief Content Officer und Artist Director bei Condé Nast ausübt) und Vogue würde sich kaum jemand für eine solche Geschichte interessieren. Doch immerhin scheut sich der schöne Modefilm dieses Mal nicht, mit dem Zaunpfahl über Vogue hinaus in die politisch polarisierte Wirklichkeit hineinzuwinken: Mit der Figur Benji werden jene Tech Bros bitter ironisch parodiert, die zwar Milliarden besitzen und sich damit überall einkaufen und Macht ausüben können, aber ansonsten so erschreckend dumm sind, dass es zuweilen gar lebensgefährlich wird: „Ich habe aufgehört, Wasser zu trinken. Ich versuche, ohne Wasser zu leben. Wasser ist Gift“, gibt Benji zum Beispiel eine seiner Weisheiten zum Besten. Diesem Typus des unfassbar dümmlichen, aber unverschämt reichen und dadurch auch an Einfluss reich seienden KI-Aktivisten, der in diesem Film der eigentliche Teufel ist, den es zu fürchten gilt, gegen den man sich verbünden, dessen Macht man bändigen muss, wird nicht nur die menschliche Intelligenz der Protagonistinnen entgegengesetzt, sondern auch die menschliche Kreativität, das Handwerk der Haute Couture. Jene Kunst, die, so hofft man sicher nicht nur in den Redaktionsräumen von Vogue, diese in die kollektive Bewusstseinslosigkeit taumelnde KI-Disruption der Tech Bros überleben wird. Sie wird.

20 Jahre sind vergangen – früher waren Magazine „en vogue“ wird im Film anspielungsreich gewitzelt, jetzt stünden sie am Abgrund. In der Tat haben die letzten 20 Jahre auch für den Modejournalismus gewaltige Veränderung gebracht, der nicht nur mit einer Vielzahl von modischen Influencern auf Social Media konkurrieren muss, mit der Digitalisierung des Journalismus insgesamt Schritt halten muss, sondern auch nicht unberührt von gesellschaftlichen Kontroversen über Körper, Schönheit und Gender bleiben kann.  Auch in der Runway-Redaktion, die der Film zeigt, gibt es Veränderungen: sie ist insgesamt diverser geworden, und Mirandas Assistentin übernimmt die Aufgaben einer „Awarenessbeauftragten“ direkt mit, was bedeutet, dass sie Miranda mahnend unterbrechen muss, wenn sie Dinge sagt, die politisch inkorrekt sein könnten. Miranda sagt sie allerdings trotzdem. Wie zum Beispiel, dass die Models auf den Photos, die in einer Redaktionssitzung präsentiert werden, aussehen wie „verhungerte Ziegen auf dem Parkplatz einer Methadon-Klinik in New Jersey“. Als die mit Awareness beauftrage Assistentin sie darauf hinweist, dass sie das aber nicht sagen dürfe, fragt Miranda: „Was darf ich nicht sagen? Methadon? New Jersey?“

Auch in der Realität hat es dieses Trotzdem immer gegeben: „Ich habe diese Woche in der New York Times gelesen, dass ich eine Eiskönigin bin, ich bin der Sonnenkönig, ich bin ein Alien aus dem District 9 und eine Domina. Ich schätze, das macht mich zu einer lauwarmen Adeligen aus dem All mit einer Peitsche in der Hand“ erläutert Anna Wintour 2009 in der Sendung von David Letterman selbstbewusst ironisch ihren eigenwilligen Ruf – dem sie stets gerecht geworden ist. Blieb sie als Führungsperson immer konstant in sich, so ging doch Vogue mit den Veränderungen der letzten zwei Jahrzehnte mit und blieb doch auch erkennbar die Vogue, die sie in den 126 Jahren ihrer Geschichte gewesen und geworden ist. Auch Woke hat Vogue nicht grundsätzlich erschüttern können. Wo Vogue zu woke wurde, wie etwa in Großbritannien unter der Leitung von Edward Enninful, kollidierte dies mit den Vorstellungen Wintours – kurz bevor er das Magazin „geschlechtsneutral“ ausrichten konnte, intervenierte sie deutlich und setzte sich durch. Ob der Konflikt zwischen den beiden Chefredaktionen ein ideeller Kultur– oder mehr ein persönlicher Machtkampf gewesen ist, wird man wohl nicht abschließend klären können (und tatsächlich sind auch beide möglichen Ebenen auf verschiedene Weise präsent, wenn es eine alte weiße heterosexuelle Frau in einer Führungsposition mit einem jüngeren schwulen schwarzen Mann in einer Führungsposition aufnimmt). Möglicherweise hat Wintour mit ihrer Fähigkeit Trends zu erfassen, geahnt, dass Woke auf einen Peak zurast, der für eine woke Vogue zum Abgrund werden kann; dass die Menschen auch ermüden werden an einem Aktivismus, der im immer selben Freund-Feind-Schema die Welt in einem permanenten Gegeneinander zerreibt, in dem die attraktivsten Rollenangebote noch die des erhabenen Opfers und die des seine Schuld dauerbekennenden Büßers sind.  Wie keine Zweite in der Branche hat Wintour nicht nur genaue Kenntnis über das Business der Modeindustrie und die dahinterstehenden ökonomischen Interessen – sie hat auch ein ausgeprägtes Verständnis vom Gegenstand.

Vielleicht lässt sich über Mode sagen, dass sie eben nicht ausschließlich Ausdruck eines eindeutig zuordenbaren Zeitgeistes ist, sondern immer auch ihre eigene Geschichte in besonderer Weise transportiert, weil sie sich nämlich sonst zunächst auf gar nichts zu beziehen beansprucht; vielleicht ist das, die konstante Ungeheuerlichkeit einer Identität, die nicht in einer klaren Haltung zum Außen sich erschöpft, genau das, was ihre Faszination über alle Avancen diverser Zeitgespenster hinweg garantiert. So wie sie niemals reines Accessoire des destruktiv Bösen sein kann, so wird Mode auch niemals bloßes ästhetisches Beiwerk gesellschaftlicher Moralität und ihrer erlöserhaften Verkündigungen sein können, gleich wer diese Moral gerade für welche Erlösung auch immer deklariert. Mode besitzt für die immer Korrekten die Provokation niemals korrekt und dem gegenüber auch noch vollkommen gleichgültig zu sein.  In diesem Sinne ist sie tatsächlich Teufelswerk. In „Der symbolische Tausch und der Tod“ formuliert Jean Baudrillard: „Die Mode ist also eine Subversion jeglicher Ordnung, darin eingeschlossen die revolutionäre Rationalität. Sie ist so etwas wie eine Hölle der Macht: eine Hölle der Relativität aller Zeichen, die jede Macht zerbrechen muss, um ihre eigenen Zeichen zu retten.“

„Der Teufel trägt Prada 2“ bietet eine Szene, die famos in jeder Hinsicht ihrer Gestaltung ist: Miranda steht allein in der Galleria Vittorio Emanuele II, die dort ansässigen Luxusboutiquen sind bereits geschlossen, die Kamera fängt die Mosaike des Bodens ein und zoomt schließlich von Miranda weg in die Totale. Alles, was an einer Szene perfekt sein kann, ist es hier: Es ist eine ganz phantastische Aufnahme von einer schauspielerisch durchgängig (in gewohnter Weise) herausragenden Meryl Streep, die umwerfend in der Haute Couture aussieht, die sie umhüllt, stehend an einem Ort, der selbst schon Kunstwerk ist. Diese Szene erinnert daran, dass Mode Gegenwart und Präsenz ist, so wie sie Geschichte, ihre Wiederaufnahme und ihre Überwindung in einem ist, herausgerissenes immer wieder aktualisiertes und verworfenes Zitat – und dass sie damit niemals zum Ende kommen wird. Auch das ist Teil ihrer „theatralische[n] Sozialität“ (Baudrillard): Inmitten einer Welt, in der künstliche Intelligenz zu dominieren beginnt, die Wissen und Bedeutung in algorithmischen Wahrscheinlichkeiten codiert, nicht zuletzt um damit Vermögen und Macht zu generieren und zu festigen, Ordnungen zu etablieren, Abläufe, Körper und Geist zu normieren, hat die Mode „keinen Zwang zu irgendeiner bestimmten Kohärenz oder Referenz“ (Baudrillard). So wird in einer durch künstliche Intelligenz normierten Welt die völlig über-flüssige Kunstwelt der Haute Couture zur Bastion einer widerständigen Authentizität.

In ihrem stetigen Kommen und Gehen wird die Mode bleiben – sie wird bleiben, denn auch in einer von Kybernetik durchsetzen Welt werden ihre Versprechen der Schönheit und Freiheit nicht an Attraktivität verlieren, solange wir die Stoffe ihrer Geschichte durch den Stoff unserer Erzählungen tragen, diese ineinander verweben, mit und in ihr an unserer Geschichte stricken, deren finale Bedeutung den Algorithmen der Macht sich entzieht. Sie wird bleiben solange gilt, dass es Leute gibt, die Kleider machen und ihre Kleider den Anderen. Wie Dich.