„Mich erinnert das Regime an einen toten Baum“

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Matthias Küntzel, Foto: Cornelia Hansen / CC BY-SA 4.0

Gestern wurde gemeldet, dass die Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran verlängert werden soll. Gleichzeitig hieß es, das Pentagon entsendet weitere Soldaten in die Region. Es ist eine fragile Waffenruhe, die die Frage nach der Stabilität des Iran dringender denn je erscheinen lässt. Wir haben mit dem Historiker und Publizisten Dr. Matthias Küntzel über den Zustand der Islamischen Republik, den Antisemitismus in der Ideologie des Regimes und die Zukunft der israelisch-iranischen Beziehungen gesprochen.

Das Interview führte Shmuel Neuburg.

Als ich das erste Mal mit Ihnen gesprochen habe, hatte der groß angelegte Angriff der USA und Israels auf die Islamische Republik noch nicht begonnen. Wie beurteilen Sie heute die allgemeine Lage und Stabilität des iranischen Regimes?

Mich erinnert das Regime an einen toten Baum: die Rinde außen ist noch vorhanden, aber innen ist es vollständig hohl. Es kann zwar noch einige Zehntausend Menschen an sich binden, die vom Überleben der Revolutionsgarden wirtschaftlich abhängig sind, doch die Mehrheit der Iranerinnen und Iraner wird allein durch Terror, Einschüchterung und Gehirnwäsche in Schach gehalten.

Welche Gruppen innerhalb der Opposition gegen die Islamische Republik sehen Sie als mögliche Akteure, die nach einem möglichen Ende des Regimes die Macht übernehmen könnten? Ist es auch denkbar, dass es zu Veränderungen aus dem Inneren des Regimes heraus kommt?

Das Regime hat spätestens 2009, als nach dem Wahlbetrug von Ahmadinejad die „Grüne Bewegung“ niedergeschlagen wurde, seine Legitimität eingebüßt. Die momentane Kriegssituation hat dazu beigetragen, dass die radikalste Gruppe im schiitischen Islamismus gestärkt wurde. So soll einem Bericht des Wall Street Journal zufolge auch der neue Revolutionsführer Mojtaba Khamenei ein Anhänger der apokalyptischen Linie sein, der zufolge die Ausweitung des Krieges eine Voraussetzung für das Wiedererscheinen des schiitischen Messias, des sogenannten 12. Imam, sei. Noch trägt der Krieg dazu bei, dass die widerstrebenden Gruppen im Machtapparat Irans zur Disziplin gezwungen werden und zusammenhalten. Ich halte es für wahrscheinlich, dass, sollte sich die Kriegssituation beruhigen, bürgerkriegsähnliche Kämpfe um die ideologische Orientierung und um die verbliebenen Ressourcen aufbrechen werden. Vermutlich wird man dann nach einem „starken Mann“ rufen, um die Lage diktatorisch in den Griff zu bekommen. Progressive Veränderungen sind derzeit leider eher unwahrscheinlich.

Im Westen scheint es eine gewisse doppelte Haltung gegenüber dem Thema Iran zu geben. Nach dem 7. Oktober fanden im Westen beispielsweise Hunderte Demonstrationen zugunsten der Palästinenser in Gaza statt. Im Gegensatz dazu waren nach den massiven Repressionen im Iran – insbesondere nach der jüngsten Niederschlagung von Protesten, bei der Berichten zufolge innerhalb von nur zwei Tagen Zehntausende Iraner durch das Regime getötet wurden – kaum starke Stimmen der Unterstützung für die iranische Bevölkerung aus dem Westen zu hören. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Wären die Tausenden Iranerinnen und Iraner, die das Regime Anfang dieses Jahres umbrachte, von Israelis, also Juden, getötet worden, hätte in jedem Winkel dieser Erde Massendemonstrationen und Proteste gegeben. Sobald es aber Muslime sind, die Muslime töten, schaut die Welt weg. Hier spielt einerseits ein Rassismus der geringen Erwartungen eine Rolle. Man nimmt die Dunkelhäutigen im Süden dieser Erde nicht ganz für voll, was auch bei den Abschlachtereien in Syrien zu sehen war. Und wenn sich dann eine Protestbewegung, wie im Iran auch noch pro-westlich gebärdet, gibt es sowieso keine Solidarität: Dann überlagert der im Westen verbreitete Hass auf Israel und die USA jede andere Emotion und verhindert Empathie.

Sie haben viel über Antisemitismus und über den Iran geforscht. Die iranische Gesellschaft war über viele Jahre der antisemitischen Propaganda des Regimes ausgesetzt. In den letzten Jahren scheint sich jedoch zu zeigen, dass viele Iraner deutlich anders auf Israel und auf Juden blicken als viele andere Gesellschaften im Nahen Osten. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Die Judenfeindschaft war im Iran immer schon weniger ausgeprägt, als in der arabischen Welt. Das hat historische Gründe. Im Iran leben Juden seit 2.700 Jahren. Nach der Machtergreifung der Schiiten zu Beginn des 16. Jahrhunderts verschlechterte sich zwar deren Situation. Ab 1925 drängten Reza Schah sowie dessen Sohn Mohammed Reza Schah den Einfluss der Religion jedoch zurück – es begannen Zeiten, die die iranischen Juden in guter Erinnerung haben. Zwischen 1948 und 1979, als die arabische Welt diverse Kriege gegen Israel führte, pflegte Teheran freundschaftliche Beziehungen zu Israel. Dies änderte sich mit der Machtergreifung Khomeinis radikal. Die etwa 8.000 Jüdinnen und Juden, die heute noch im Iran leben, werden in vielerlei Hinsicht diskriminiert und müssen sich stramm antizionistisch gebären, um nicht verfolgt zu werden.

Ein anderer Faktor ist der ständig stärker gewordene Hass vieler Iranerinnen und Iraner auf das islamistische Regime, dessen Lügen über Israel auch deshalb immer weniger verfangen. Und schließlich gibt es auch von Seiten Israels Sympathie-Initiativen. Radio Israel, dass zeitweilig auf Farsi sendete, soll im Iran einen Kultstatus gehabt haben, der an die Rolle der BBC während des Zweiten Weltkriegs erinnerte.        

Kann man sagen, dass die antisemitische Propaganda des Regimes letztlich gescheitert ist?

Nein, keinesfalls. Auch wenn das Regime heute nur noch 10 Prozent der Bevölkerung an sich binden kann, wären das immerhin neun Millionen Menschen, bei denen der radikale Antisemitismus verfängt. Der Hass auf Israel und die Juden ist der Stoff, der diese Menschen – sowie die internationalen Sturmtruppen des Regimes: z.B. Houthis, Hisbollah und Hamas – zusammenhält. Ohne die Mithilfe durch das iranische Regime wäre das Massaker des 7. Oktober nicht möglich gewesen. Anschließend war es ebenfalls Teheran, das die weltweite antisemitische Welle verstärkt hat.

Wie beurteilen Sie die Möglichkeit zukünftiger Beziehungen zwischen Iran und Israel? Könnte sich daraus langfristig sogar eine strategische Partnerschaft entwickeln?

Ich weiß nicht, was Sie unter einer „strategischen“ Partnerschaft verstehen. Aber bereits eine einfache Partnerschaft im Sinne der Abraham Accords wäre eine massive Niederlage des Islamismus und damit ein Segen für die iranische Bevölkerung und den Nahen Osten wie auch für die restliche Welt. Dies allerdings setzt einen Regime Change voraus.

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