„Das Israelpseudos der Pseudolinken“

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Wer kennt das nicht: Hin und wieder ertappt man sich beim Lesen eines Buches dabei, das Erscheinungsjahr des Werkes zu überprüfen und reibt sich dabei erstaunt die Augen – oder wie beim hier zu besprechenden Buch auch im Gefühl ungläubiger Fassungslosigkeit – ob der Aktualität der dargelegten politischen Analyse des überdauernden Phänomens eines Antisemitismus von Links.

Von Hans- Peter Häfele

Der 139 Seiten starke Essay des jüdischen Philosophen Michael Landmann wurde bereits 1971 publiziert, exakt 1 Jahr vor der Eröffnung der Olympischen „heiteren“ Spiele in München, welche im Blutbad des von der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ angerichteten Massakers an 11 Sportlern und Trainern des israelischen Teams förmlich versanken. Der Rest ist mittlerweile Geschichte – oder doch nicht?

Michael Landmann, 1913 in Basel geboren, war Professor an der Freien Universität Berlin und ein maßgeblicher Vertreter der philosophischen Anthropologie. Vor dem Hintergrund des restaurativen Zeitgeistes der „Adenauer-Ära“ begegnete er der linken Studentenbewegung, ab der zweiten Hälfte der 60- er Jahre, eher mit Sympathie – als Versuch, das Verdrängen der Shoa und das Selbstmitleid der Tätergeneration im „Wirtschaftswunderland“ Deutschland aufzubrechen. Sein Wohlwollen schlug jedoch rasch in fundamentale Kritik um. Der wachsende Antizionismus unter seinen eigenen Student/- innen erlebte er als persönliche Zäsur.

1978 verließ Landmann Deutschland und ging nach Israel, wo er 1984 in Haifa verstarb.

Sein 1971 erschienener Essay „Das Israelpseudos der Pseudolinken“ ist kein in die Jahre gekommenes, bloßes Zeitdokument. Die globalen, antisemitischen Ereignisse seit dem Pogrom des „7. Oktober“ aktualisieren seine Schrift als eine beängstigend präzise Diagnose eines Problems, das sich in den Folgejahrzehnten eher verschärft als erledigt hat. Landmann beschreibt, wie eine radikale, linke Bewegung, die sich Aufklärung und Emanzipation auf die Fahnen geschrieben hat, genau dort versagt, wo historische Erfahrung und Erkenntnis ebenso eine besondere Sensibilität verlangen würde: Im solidarischen Umgang mit Israel.

Der politische Wendepunkt ist für ihn der 6- Tage- Krieg 1967. Bis dahin konnte Israel noch als der „Schwächere“ erscheinen, als jenem Staat, dem aus deutscher, historischer Schuld, noch Sympathie galt. Mit dem militärischen Erfolgt kippt die Wahrnehmung – das Mitgefühl wandert und mit ihm die politische Parteinahme zu Gunsten eines identitären „palästinensischen Volkes“. Israel verliert seinen Status als Opfer und wird zum imperialistischen Täter- Staat umgedeutet. Für Landmann ist das kein bloßer diskursiver Perspektivenwechsel, sondern Ausdruck eines tiefergehenden Problems: Moralische Urteile werden nicht auf Basis einer Analyse der Wirklichkeit gefällt, sondern folgen einem vorgefertigten, ideologischen Schema.

Hier setzt seine schärfste Kritik an. Die „Neue Linke“ überträgt ihr leninistisch- antiimperialistisches Weltbild mechanisch auf den „Nahost- Konflikt“. Komplexe historische Konstellationen werden in einfache Rollen gepresst: hier Unterdrücker, dort das zu befreiende palästinensische Opfer- Kollektiv, welchem ein Subjekt- Status stillschweigend abgesprochen wird. Israel erscheint als „Vorposten der USA“, seine Gegner als Träger eines legitimen Befreiungskampfes, unabhängig, wie deren politischen Programme tatsächlich aussehen. Daß verknöchert- autoritäre Regime, explizite antisemitische Ideologien und offene Vernichtungsandrohungen damit ausgeblendet werden, ist für Landmann kein Zufall, sondern implizite Konsequenz dieses Denkens.

Zugleich beschreibt er eine Verschiebung: die Latenz des Schuldabwehr- Antisemitismus der deutschen Nachkriegszeit nimmt nunmehr eine neue Gestalt an. Der Hass richtet sich fortan nicht mehr offen gegen Juden und Jüdinnen, sondern manifestiert sich als Antizionismus in der Ablehnung des Staates Israel. Gerade darin liegt seine politische Anschlussfähigkeit. Er kann sich als politische Kritik ausgeben und als moralisch legitim erscheinen – der „ehrbare Antisemitismus“ (Jean Amery).

Michael Landmann formuliert das mit einer verblüffenden Klarheit, die bis heute provoziert: „Der Antiisraelismus, der sich durch die Abwehr des Antisemitismus als honorig darstellen möchte, ist diesem nicht so unähnlich, wie er glaubt. Er bildet die moderne Form des Antisemitismus.“ ( Michael Landmann: Das Israelpseudos der Pseudolinken, 1971)

Bemerkenswert ist, wie genau sich diese Analyse auch in unserer politisch-hitzigen Gegenwart finden lässt – das Passe-Partout eines kruden, antisemitischen Springteufels als Vermächtnis der rebellischen 68- er Revolte, lässt sich in so mancher „politischen Erklärung“ internationalistischer/ antirassistischer linker Gruppen nachweisen. Große Teile der heutigen Palästina- Solidaritätsbewegung folgen demselben Muster. Israel wird zum zentralen Übel erklärt, während Gewalt, eliminatorischer Antisemitismus, misogyne- autoritäre Politik auf der Gegenseite systematisch relativiert oder ausgeblendet werden. Terror- Armeen erscheinen dann nicht mehr als das, was sie sind, sondern als Projektionsfläche eines vermeintlichen „Widerstandes“.

Was dabei verloren geht, ist genau das, was die „Neue Linke“ einst proklamierend für sich beanspruchte: der Wille zur Analyse und Selbstkritik im Lichte der historischen Erfahrung. An ihre Stelle tritt moralische Gewissheit, welche sich gegen widersprechende Fakten und Argumente immunisiert. Landmann beschreibt diese Mechanismen als eine Form der Erkenntnisverweigerung – nicht aus Mangel an zugänglichen Informationen, sondern aus einem regressiven Bedürfnis nach ideologisch- identitärer Zugehörigkeit.

Die Pointe seines Essays ist ebenso schlicht wie radikal: Eine politische Praxis, welche sich mit politischen Kräften gemein macht, deren erklärtes Ziel die Vernichtung Israels ist, hebt ihren eigenen, emanzipatorischen Anspruch auf – Emanzipation ist nicht intersektional beschränkt, sondern universell – oder sie ist keine.

Gerade heute wirkt sein Text so unangenehm gegenwärtig. Er lässt sich nicht bequem historisieren. Wer ihn liest, merkt schnell, dass er weniger über die Vergangenheit spricht als über unsere Gegenwart.

Der Essay wurde 2013 im ça ira-Verlag mit einem Vorwort von Henryk Broder veröffentlicht. Bestellen?