Bruchzeiten – Leben nach dem 7. Oktober

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In ihrem Buch Bruchzeiten – Leben nach dem 7. Oktober verwebt Marina Chernivsky historische und familiäre Erfahrungen mit ihren beruflichen Beobachtungen zum Israelhass und Feindschaft gegen Juden. Ihr nachdenklicher Erzählstil sowie ihre symbolische, aber auch poetische und sensible Art, sich auszudrücken – geschrieben in Form von „Erinnerungsepisoden“ – sind zutiefst bewegend.

Von Nea Weissberg

Marina Chernivsky ist eine israelische Psychologin und Verhaltenswissenschaftlerin. 2005 gründete sie ihre ersten Projekte zur biografisch reflektierenden Erinnerungspädagogik, Geschichtsvermittlung und Antisemitismusprävention, zunächst in Brandenburg, dann in Thüringen und danach bundesweit. Damit wollte sie vor allem Lehrkräfte und später auch eine breitere Fachöffentlichkeit ansprechen. Wichtig war ihr und ihrem Team, Entscheidungsträger dafür zu sensibilisieren, dass es Antisemitismus immer noch gibt, und es eine strukturelle Weiterentwicklung und Veränderung braucht, um dagegen wirksam vorzugehen. Sie forscht über Antisemitismus, ist Gründerin und langjährige Leiterin des Kompetenzzentrums für antisemitismuskritische Bildung und Forschung (KOAS) Trägerschaft der ZWST sowie Gründerin und Geschäftsführerin von OFEK e.V., der ersten bundesweiten Fachberatungsstelle in Deutschland, die auf professionelle, community-basierte, Beratung bei Antisemitismus und Diskriminierung spezialisiert ist. (Vgl. S.43-44)

OFEK berät, begleitet und unterstützt Betroffene, ihre Angehörigen sowie Zeugen und Zeuginnen antisemitischer Vorfälle und Gewalttaten. Bis 2017 war Chernivsky Mitglied im zweiten Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus des Deutschen Bundestages. Seit 2019 ist sie Mitglied im Beratungsgremium des Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus.

Chernivsky erzählt: „Am 7. Oktober blieb die Gesellschaft in Deutschland – abgesehen von politischen Bekundungen – stumm und seltsam unentschlossen. In jüdischen Communities sprachen Menschen von der sozialen Kälte, geschwundenen Freundschaften, auch von Entgrenzungen und Übergriffen.“ (S.13)

„Berlin ist mein Zuhause, Israel ist meine Basis“

Marina Chernivsky wurde 1975 in Lemberg (Lviv) geboren. Sie verbrachte dort ihre Kindheit bis zum 14. Lebensjahr. Im Oktober 1990 ist ihre komplette Familie nach Jerusalem ausgewandert. Sie musste in der noch existierenden sowjetischen Ukraine alles hinter sich lassen. In Israel verbrachte sie ihre Jugend, schloss ihre Schulausbildung ab und leistete ihren Wehrdienst. Nach einem Studium der Verhaltenswissenschaften kam sie als Studentin nach Berlin und blieb dort, da sie sich intensiv mit dem deutsch-jüdischen Erbe auseinandersetzen wollte. Anfangs musste sie Deutsch von Grund auf lernen.

Sie ist seit über 20 Jahren beruflich in Deutschland tätig. Alle drei Länder sind nach wie vor wichtige Meilensteine in ihrem persönlichen und beruflichen Leben. Lemberg und Israel sind ihre Heimatorte, Berlin ihr berufliches und soziales Zentrum.

„Unsere Familiengeschichten sind als Ganzes nur schwer rekonstruierbar“

Lemberg ist für sie ein Ort der Sehnsucht geblieben, denn es ist ein Ort der Erinnerung: Jüdisch, ostpolnisch, westukrainisch, ein Ort der brutalsten Pogrome – eine Zeit der Verfolgung in Wellen.

Die Shoah hat die Familiengeschichte von Chernivsky tiefgreifend geprägt. Es gibt starke mündliche Überlieferungen im Familienalltag, aber im Alltag kaum greifbare Erinnerungsstücke, nur wenige Fotos, die von den Familienmitgliedern weitergegeben wurden. Ihre Kindheitserinnerungen sind von der Tragik und Schönheit Lembergs geprägt. Dort erzählt jedes Haus die Geschichte der einst blühenden jüdischen Gemeinde und ihrer vollständigen Zerstörung. Die Stadt überstand die Kriege, ihre Bewohner jedoch nicht. Sie wurden in den Vernichtungstod getrieben; einigen gelang die rechtzeitige Emigration. Die Juden, die nach 1945 ankamen, konnten nicht an die Traditionen der Ermordeten anknüpfen. Das jüdische Leben der Vorkriegszeit war fast vollständig zerstört – eine Leere entstand. Während des II. Weltkrieges „haben erst die Deutschen, dann die Sowjets die jüdischen Friedhöfe geplündert.“ (S.18)

Chernivsky erzählt, dass jüdische Grabsteine als Baumaterial für Straßen, Bürgersteige verwendet und somit entweiht wurden. Synagogen wurden zweckentfremdet, „zunächst als Pferdestall, dann als Sporthalle und als Lagerhaus. (…) Jahrzehntelang befand sich das jüdische Gedächtnis der Stadt unter Gehwegen, Märkten, Freizeitparks, Einkaufszentren.“ (S.18)

„Wenn die Gewalt von außen in das eigene Leben eindringt“

Das zentrale Thema sind für die Autorin die historischen Bruchzeiten, die in ihrem Buchtitel anklingen. Für sie ist spürbar: Mit dem Massaker, dem Pogrom vom 7. Oktober 2023 in Süd-Israel, ist die Vergangenheit der Holocaust-Überlebenden eng mit der israelischen Gegenwart verknüpft – tief traumatisiert, psychisch und physisch schwer verwundet und ernsthaft bedroht – und damit auch, wenn auch weniger offensichtlich, nachhaltig mit der jüdischen Diaspora verbunden. Doch für eine gewisse Zeit verschmolzen diese beiden Aspekte zu einer ersten psychologischen Reaktion der Identifikation mit dem jüdischen Volk.

So wie ein schonungslos auf Zerstörung angelegtes Trauma das Selbstbild erschüttern kann, destabilisierte auch das Pogrom vom 7. Oktober Lebenswege und frühere Erfahrungen mit Judenhass und stürzte die jüdische Community zunächst in lähmende Angst, tiefen Trauerschmerz, Zerbrechlichkeit, Vertrauensverlust, Rückzug in soziale Schutzräume, Einsamkeit, zerbrochene Beziehungen oder Wut – aber auch in ein Gefühl der Verbundenheit, Solidarität, soziopolitischen Widerstandsfähigkeit, des Aufbegehrens und des Zusammenhalts und das nach Draußen gehen und trotz allem Gesicht zeigen.

„Der 7. Oktober hat etwas sichtbar gemacht, das viele von uns überwunden, kontrollierbar oder fern geglaubt hatten.“

Es gelingt der Autorin mit „Bruchzeiten“, ein Gefühl der generationenübergreifenden Bedrängnis zu vermitteln und Anteilnahme zu wecken. Dies ist eine bemerkenswerte Leistung in einer Zeit, in der Juden unter einem tiefgreifenden Mangel an internationaler Solidarität leiden. Feministische Organisationen sowie extremistische Gruppen von links und rechts verweigern ihnen jegliches Mitgefühl und stellen ihre Glaubwürdigkeit infrage. Die deutsche Zivilgesellschaft bleibt den tragischen Ereignissen vom 7. Oktober weitgehend gleichgültig, ja sogar kalt gegenüber.

Umgekehrt kann innerhalb von Sekunden eine aggressive und abwehrende Gegenoffensive gestartet werden, die den Schleier zwischen Juden und Nichtjuden durch den Missbrauch des Begriffs „Genozid“ einreißt, der jedoch einer echten kritischen Prüfung nicht standhält.

„Die Erinnerungsabwehr bereitet den Boden für die antisemitische Aggression“

Chernivsky untersucht die gemeinsame Geschichte der Erfahrungen nichtjüdischer Deutscher der Nachkriegsgenerationen und der Nachkommen von Holocaust-Überlebenden – Erfahrungen, die untrennbar miteinander verbunden sind durch eine Erfahrung von Gewalt und Bruch, die sich metaphorisch mit dem Satz ‚Beidseits von Auschwitz‘[1] ausdrücken lässt. Zwischenmenschliche Beziehungen wurden damals zerstört und sind es auch heute nach dem 7.10.2023 wieder.

Dieser oft geäußerte, aber verdrängte Mangel an familiärer Verbundenheit erschwert es den Nachkriegsgenerationen, Verständnis und Empathie zu empfinden. Sie empfinden eine Distanz nicht nur zu Juden, die sie als fremd wahrnehmen, sondern oft auch zu ihrem eigenen deutschen Familienerbe und ihrer nationalen Identität, einschließlich derer von Menschen aus Ländern, die ehemals von der Wehrmacht besetzt waren und mit den Nazis kollaborierten. In Berlin herrscht eine besonders feindselige antiisraelische Atmosphäre. Hassprediger, Islamisten und ihre Anhänger werden bejubelt und verspotten, beleidigen und bedrohen Juden und Israel, meist ohne staatliche oder rechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen. Denn eine ungezügelte Welle antijüdischen und antiisraelischen Hasses hat die Welt erfasst und als Katalysator für gewalttätige und brutale Reaktionen gewirkt.

„Inwiefern sind das jüdische und das israelische Trauma miteinander verbunden?“

Die Autorin schreibt, für Israelis „überlagern sich die Diasporaerfahrung und die Zugehörigkeit zur Mehrheit im israelischen Staat. Hier tragen wir nicht nur die Angst in uns, sondern auch Verantwortung für einen jüdischen und demokratischen Staat, der seinerseits Verantwortung für ALLE … trägt.“ (S.49-50) Es gibt eine Sorge zu scheitern, „angesichts äußerer Bedrohungen als auch aufgrund innerer Zerrissenheit und politischer Fehlentwicklungen.“ Daher wächst für Israelis die Last, Verantwortung für die demokratische Gesellschaftsordnung zu übernehmen, weil diese in den letzten Jahren schrittweise zerklüftet ist.

Es zeigt sich zugleich, „dass der Hass gegen Israel immer auch die Juden meint.“ (S.49) Wenn der Staat Israel im Kriegsfall strategisch nicht das Feld behaupten, im Falle eines Krieges nicht mehr geschützt werden könnte und besiegt werden würde, würde eine noch hemmungslosere antisemitische und antiisraelische erbarmungslose Hass-Welle Europa und die Welt überfluten. „Durch den 7. Oktober ist die Angst vor dem Verlust des Staates … wieder näher gerückt…“ (S.71)

Sprache ist ein Kennzeichen der Identität

Sprache und Identität sind untrennbar miteinander verbunden. Sie bilden das Fundament der menschlichen Kultur und prägen unsere Weltwahrnehmung. Marina Chernivskys gelingt es, das Ausmaß des Massakers in ihrem Heimatland Israel vor Augen zu führen – ein Massaker, das einem mörderischen und zerstörerischen Pogrom gleichkommt.

Für Chernivsky ist die Verwendung des Hebräischen als Kapitelüberschrift ein kreatives Mittel. Sie möchte den Lesern das jüdische Leid nicht aufdrängen, sondern es ihnen verständlich machen; sie schreibt, so ihre Ansicht, für die „jüdische Communities“. Dieser ebenso sanfte wie kraftvolle Ansatz ist besonders bemerkenswert.

Wenn Chernivsky ein Kapitel mit „Ängste“ (S. 48–52) betitelt, erscheint es nur allzu passend, dass dieser emotional aufgeladene Begriff auch in ihrer Muttersprache Hebräisch פחדים verwendet wird. In allen Sprachen vermitteln diese Worte ein Gefühl überwältigender emotionaler Intensität, ein tiefgreifendes Trauma und ein Gefühl immenser Schwere. Ein Gefühl, eine Erfahrung, wird mit einer Wucht ausgedrückt, die die tragische Dimension dieser entscheidenden Ereignisse des tödlichen Angriffs im Süden Israels unterstreicht. Daher liest sich ihr Buch mitunter wie eine epische Klage in reinster poetischer Tradition.

Nachträgliche Wirksamkeiten

Der Autorin gelingt es, dem deutschen Publikum die Auswirkungen des Massakers auf den israelischen Alltag, das Gefühlsleben der Juden in Israel und der Diaspora sowie das tiefe und anhaltende Trauma des jüdischen Volkes, das in der Konfrontation mit Antisemitismus über Generationen weitergegeben wurde, verständlich zu machen. Kollektive Gewalt hinterlässt tiefe Narben, die sich über Generationen hinweg auswirken, nicht nur in Familien, sondern auch in der sozialen Machtstruktur.

Erst durch die aktive Beschäftigung mit der deutschen familiären und nationalen Geschichte, wird es möglich, die bewusste oder unbewusste Weitergabe einer antisemitischen Konstante zu unterbrechen. Denn die Geschichte bleibt, lebt fort, unter den Parkettböden, hinter den Tapeten. (Vgl. S.15-20)

Dieses Buch schließt eine Lücke, indem es den psychologischen und historischen Kontext beleuchtet und miteinander verknüpft. „Der 7. Oktober zeigt, wie brüchig ein Sicherheitsraum sein kann. Dieses neue Wissen lässt sich nicht rückgängig machen.“ (S.161)

Marina Chernivsky: Bruchzeiten. Leben nach dem 7. Oktober, Fischer Verlag 2025, 176 S., 24,00 EUR, Bestellen?

Leseprobe

15.04.2025: Podiumsdiskussion – „Nach dem Erinnern? – Über die Zukunft der Erinnerungskultur“
Im Gespräch: Hadija Haruna-Oelker, Marina Chernivsky, Karim Fereidooni und Mathias Rösch

[1] Vgl.: Nea Weissberg, Jürgen Müller-Hohagen (HG.) Beidseits von Auschwitz – Identitäten in Deutschland nach 1945 –. Berlin 2015.