In Tel Aviv nach einem Raketenangriff – eine Reise, die anders verlief als geplant

0
364

Geplant hatten wir eine fast dreiwöchige Israelreise mit dem Ziel, Land und Menschen besser kennenzulernen. Die erste Woche führte uns durch die Straßen von Tel Aviv, entlang der Strandpromenade und durch die belebten Viertel der Stadt. Weiter ging es mit dem Zug nach Jerusalem, wo wir die Grabeskirche erkundeten, die Klagemauer inkl. ihrer unterirdischen Bereiche mit der Westwallführung, sowie den Mahane Yehuda Markt auf uns wirken ließen. Und natürlich durfte leckeres Essen und Knafeh als Nachtisch mit etwas Eis und Pistazien nicht fehlen. Eines der Highlights der Woche, dank der Überredungskunst einer Freundin, war die Teilnahme am Tel Aviv Marathon. Kurz vor Shabbat mussten Freitag früh noch 42,2km genossen und bewältigt werden. Mit Hilfe der vielen Fans in Tel Aviv und deren lautstarken Support freut sich das Läuferherz!

Für die zweite Woche standen weitere Ziele auf dem Programm: Haifa, Akko und ein mehrere Tage dauernder Aufenthalt im Kibbuz Nir Oz, um dort mitzuhelfen und Einblicke in das gemeinschaftliche Leben zu gewinnen.

Doch dazu sollte es nicht kommen…

Die zweite Reisewoche begann am frühen Samstagmorgen mit einem lauten Alarmton, der uns aus dem Schlaf riss. Das war die Ankündigung, dass der Krieg mit dem Iran begonnen hatte. An diesem und den kommenden Tagen sollten noch viele Alarme folgen – mehrmals am Tag und auch nachts.

Bei Raketenbeschuss aus dem Iran erhält man eine Vorwarnung über mobile Apps, die es einem ermöglicht, sich in die Nähe eines Schutzraums zu begeben. Nach einigen Minuten heulen dann die Sirenen, die überall in den Straßen und auch im Hostel zu hören waren. Manchmal entfielen die Voralarme auch und es ertönten direkt überall die Sirenen. Bei Raketen aus dem Libanon bleiben in Tel Aviv nach Sirenenbeginn 90 Sekunden Zeit, um sich in einem Schutzraum in Sicherheit zu bringen. Mit jedem Alarm stellte sich bei uns derselbe Ablauf ein: Aufstehen, ggfs. noch anziehen, Treppen hinunter, warten, Entwarnung auf dem Handy abwarten – und zurück in den Alltag.

Im Laufe der Tage waren wir in ganz unterschiedlichen Schutzräumen. Diese reichten von Tiefgaragen, über kleine Schutzräume in Wohnhäusern bestückt mit alten wackeligen Hockern und Stühlen oder auch mit einem großen Zelt, inkl. Matratzen und Schlafsäcken, welches sich eine Familie aufgebaut hatte, um über Nacht nicht mehrmals zwischen Wohnung und Schutzraum wechseln zu müssen. Ein anderer Schutzraum wirkte wie ein altes Archiv voller Regale mit Ordnern, zwischen denen Schutzsuchende Platz fanden. Und in den U-Bahn-Stationen war bei Alarm immer viel Betrieb – die Kinder, die Fangen spielten, die zu Purim Buntverkleideten in Partylaune, der Fernsehreporter, der einen Israeli interviewte, den Mann, der gefüllte herzhafte Teigtaschen verteilte, der junge Israeli mit seinem kleinen Hund, der ein Igel-Stofftier wie einen Schatz verteidigte. Hier in den U-Bahn-Stationen hatten sich viele Menschen mit Matratzen und Decken ausgestattet, welche auch tagsüber einfach liegen blieben, da der U-Bahn-Betrieb in dieser Zeit stillgelegt war.

Im Schutzraum im Hostel trafen wir bei all den Alarmen immer wieder dieselben Gesichter: es waren gerade nachts verschlafene Gesichter, Reisende mit Flip-Flops, die Familie mit ihren vier Kindern, die schwangere Frau mit ihrer Tochter, welche Mathehausaufgaben im Schutzraum löste, der Hostelangestellte von den Philippinen, Soldat:innen (die seit Kriegsbeginn im Hostel untergebracht waren) teilweise in Schlafanzügen und immer mit Gewehren umgehängt … Nach jeder Entwarnung tauschte man ein müdes „Good night“ – oder ein halbironisches „See you later“ – bevor alle wieder in ihre Zimmer zurückkehrten. Und oft genug saßen wir nur wenige Minuten später wieder gemeinsam im Schutzraum – dieselben Gesichter, derselbe Ablauf, dieselbe angespannte Routine.

Der Tag bestand plötzlich aus Zeitfenstern zwischen den Alarmen. Zeitfenster, deren Länge man nicht kennt. Die Tage verschwammen und es war nicht mehr relevant, welcher Wochentag war. Es können wenige Minuten bis hin zu mehreren Stunden bis zum nächsten Angriff aus dem Iran oder dem Libanon vergehen. Für uns fühlte es sich an, als säße man ständig auf heißen Kohlen. Jede Tätigkeit, die länger als eine Minute dauert, wird von einer gewissen Nervosität begleitet – der Sorge, jederzeit durch einen neuen Alarm unterbrochen zu werden. So passierte es, dass im Restaurant das Essen gerade auf dem Tisch stand, als der Alarm losging. Oder wir uns nachts gerade erst nach der letzten Entwarnung wieder hingelegt hatten und wieder aufstehen und in den Schutzraum gehen mussten. Ein anderes Mal bezahlten wir gerade kleine leckere Häppchen in einer Konditorei, als aus den Smartphones der Voralarm dröhnte, die Verkäuferin das Geschäft abschloss und uns mitnahm in den Schutzraum eines der Nachbarhäuser. Der Alltag ging weiter – aber er fühlt sich anders an.

Und manche Familien wurden ganz aus ihrem Alltag rausgerissen: Direkt zu Kriegsbeginn wurde in Tel Aviv ein Wohnhaus von einer Rakete getroffen, die aus dem Iran abgefeuert wurde. Bei dem Angriff kam eine philippinische Pflegerin ums Leben, die es nicht mehr geschafft hatte, sich und die Frau, die sie betreute, rechtzeitig in den Schutzraum zu bringen. Mehrere Wohnungen in dem Gebäude wurden so schwer beschädigt, dass das Gebäude abgerissen werden muss.

Einige Tage nach dem Einschlag waren wir vor Ort, um im Rahmen eines freiwilligen Hilfseinsatzes den Familien zu helfen, deren Wohnung durch die Druckwelle der Explosion stark verwüstet wurde. Das Volunteering wurde von der Organisation OneHeart organisiert. Schon beim Betreten der Wohnung wurde das Ausmaß der Zerstörung deutlich. Sämtliche Fensterscheiben waren durch die Druckwelle zerborsten. Überall lagen Glassplitter – auf dem Boden, in Regalen, auf dem Spielzeug, in Blumentöpfen, dem Sofa und dem Bett und zwischen anderen persönlichen Gegenständen.

Unsere Aufgabe war es, den Familien beim Räumen ihrer Wohnung zu helfen, damit sie möglichst viel in ein neues Zuhause retten können. Wir packten Kleidung, Bücher, Spielzeug und persönliche Erinnerungsstücke in Kartons. Gleichzeitig machten wir grob bei den Fenstern sauber und verschlossen die offenen Fensteröffnungen provisorisch mit Folie und Klebeband, um die Wohnungen wenigstens vor Wind und Wetter zu schützen. Auch hierbei wurden wir ein paar Mal durch Alarm unterbrochen, so dass wir alle zusammen in den Schutzraum gegangen sind. Und natürlich wurden die Wohnungen in dieser Zeit abgeschlossen, denn für Diebe war es sonst ein leichtes, diese Zeit des Alarms, solange niemand in den Wohnungen ist, für Plünderungen zu nutzen.

Während wir arbeiteten, wurde uns immer wieder bewusst, wie persönlich diese Situation war. Wir hielten Gegenstände in den Händen, die Teil des täglichen Lebens dieser Menschen waren – Fotos, Erinnerungsstücke, Dinge aus ihrem Zuhause, welches nun nicht mehr bewohnbar war. Alles musste plötzlich zusammengepackt werden, weil ein Raketenangriff innerhalb weniger Sekunden ihr Leben verändert hatte. Vieles musste entschieden und losgelassen werden. Eine Frau meinte einmal mit traurigem Blick, als es etwas zu entscheiden gab: „Ich weiß es doch auch nicht! Ich war noch nie in so einer Situation!“

Das zeigte, wie überfordert sie war, zu entscheiden, loszulassen und wegzuschmeißen, woran das Herz hängt. Und dann noch dazu die Fragen von insbesondere kleinen Kindern, die mit ihren Eltern in Hotels untergebracht sind: „Wann gehen wir nach Hause“ – „Ich will nach Hause!“.

Diese Erfahrung hat uns emotional sehr bewegt. Wenn man direkt vor Ort hilft und sieht, wie das Zuhause einer Familie zerstört wurde, bekommt das Geschehen eine ganz andere Realität als durch die nachlassenden Nachrichten aus der Entfernung.

Gleichzeitig war es beeindruckend zu sehen, wie sehr das Leben trotz allem weitergeht. Die Familien organisierten ihr neues Zuhause. Freunde, Nachbarn und Freiwillige halfen dabei. Und so entsteht Schritt für Schritt wieder Ordnung im Chaos.

Der Lebenswille der Israelis ist bemerkenswert. In einer Situation, in der viele Menschen verzweifeln würden, unterstützen sie einander und machen weiter. Diese Entschlossenheit haben wir so noch selten erlebt.

Auch deshalb werden wir weiterhin nach Israel reisen – selbst in schwierigen Zeiten. Unsere Hoffnung ist, dass dieser Krieg ein gutes Ende findet: dass die Menschen im Iran eines Tages in Freiheit leben können und dass sich für Israel, den Iran und die gesamte Region eine Zukunft in Frieden und Freiheit eröffnet.

Suse & Marc Klamp