Von Ramona Ambs
Wir leben in ahasverschen Zeiten. Eine Freundin, die vor Jahren nach Israel ausgewandert ist, erwägt ihre Remigration nach Deutschland, weil sie den dauernden Kriegszustand in Israel, das permanente Leben unter Sirenen zu belastend findet. Eine andere Freundin wird in wenigen Wochen nach Israel auswandern, weil sie die täglichen Anfeindungen und den Antisemitismus hierzulande nicht mehr aushält.
Es wird also mal wieder gewandert.
Von der einen Ecke in die andere, stets auf der Suche nach einem sicheren Ort.
Wir führen absurde Gespräche miteinander:
„Hier in Deutschland haben wir Glück, wir haben Frieden, wir müssen nicht in den Bunker“, sagen die einen.
„Wir haben Bunker, da sind wir sicher. Und wenn wir dann wieder rausgehen, dann können wir das erhobenen Hauptes tun. Wir müssen keine Angst haben, dass wir blöd behandelt werden, nur weil wir Juden sind. Wir müssen uns für unsere Existenz nicht rechtfertigen“, sagen die anderen.
„Jaaa, wenn (!) Ihr mal draußen unterwegs seid. Aber zur Zeit rennt Ihr ja mal wieder nur von Bunker zu Bunker, Ihr Hardcore-Mamadniks!“, erwidern die einen.
„Immerhin sind wir frei. Ihr Juden in der Galut lebt dauernd in Gefahr. Eure Synagogen sind nur teilweise geschützt. Wenn Ihr rausgeht, kontrolliert Ihr, ob Eure Davidsternkette unterm Shirt ist. Eure Kinder haben Angst zu sagen, wer sie sind! Wenn das mal nicht ein schlimmerer Bunker ist!“, erwidern die anderen.
Und das Schlimme ist: sie alle haben recht. Wir leben unter permanentem Beschuss. Nur die Munition ist eine andere.
Es gibt Raketen und es gibt Sprengstoffanschläge.
Es gibt aber auch verbalen Beschuss. Beleidigungen. Drohungen.
Letzterer verletzt auch – und an den Wunden leidet man anders.
Länger.
Jedenfalls bedauern wir uns gegenseitig – und es bleibt völlig unklar, wo es eigentlich weniger gut ist…
Emotional ist das verheerend.
Der 7. Oktober hat gezeigt, dass es keinen sicheren Ort gibt. Man kann in Israel zwar frei und unbehelligt als Jude leben, aber man verbringt immer wieder Zeit im Bunker. Man muss um Angehörige fürchten, die beim Militär Dienst machen. Und es kommt auch immer wieder zu Todesopfern, besonders jetzt durch die Streubomben des Irans.
Hier hingegen kann man jederzeit spazieren gehen. Auch wenn der red-alert auf dem Handy blinkt und surrt, kann ich nach draußen gehen in die Sonne, an die frische Luft. Aber sicher fühl ich mich dennoch nicht.
Am 1. März gab es eine Intifada-Demo in Berlin.
Am 2. März wurde eine Synagoge in Toronto angegriffen.
Am 4. März beschließt eine Elite-Uni die Unterstützung der BDS-Kampagne.
Am 6. März verbreitet eine SPD-Politikerin Verschwörungserzählungen über babyfressende, weltweit Kinder entführende Agenten, die in Israel das weltweit größte Reservoir an Ersatzorganen hätte.
Am 6. März postet ein AFD-Politiker ein Fake-Video von einem orthodoxen Juden, der sich nach Geld bückt.
Am 6. März wurden in Oslo vor der Synagoge Personen mit Sprengstoff und Waffen festgenommen.
Am 7. März gab es Anschläge auf zwei Synagogen in Toronto.
Am 8. März wurde zum internationalen Frauentag in Berlin und Heidelberg unter palästinensischer Flagge demonstriert und skandiert.
Am 9. März wurde die Synagoge in Lüttich angegriffen.
Am 12. März eine in West Bloomfield Michigan.
Am 13. März eine in Rotterdam.
Am 14.März eine in Amsterdam.
Am 18. März wurde das Holocaustmahnmal in Hannover beschmiert.
Und gestern, am 23. März, wurden in London vier Fahrzeuge eines jüdischen Rettungsdienstes in Brand gesetzt.
Das ist Raketenalarm im exil-style.
Von dem Nachbar abgesehen, der, sobald er Dich sieht, auf Dich zustürmt und Dir erklärt, dass die Juden schon selbst schuld seien, wenn man sie hasst. Sowas überlebt man auch nur, wenn man die eigene Seele gut behütet im inneren Bunker spazieren trägt.
Von daher ist es gut, dass Pessach vor der Türe steht.
Putzen lenkt ab und beruhigt.
Da ist man ganz im hier und jetzt.
Und das Fest selbst verspricht uns ja Rettung.
Ich wäre für eine Rettung, in der Bunker jeglicher Art überflüssig werden.
Eine Rettung ohne Raketenalarm… und ohne jeglichen Beschuss…
Einfach so durchs Meer in die Sonne spazieren.
In diesem Sinne: Seid gerettet.



