„Wir spielen Alltag – Mein Leben zwischen Trümmern und Träumen“

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Foto: Ildiko Bognar

In Kooperation mit Lizzie Doron bringt der israelische Regisseur Dori Engel ihren gleichnamigen Roman als Musiktheaterstück auf die Bühne. Warum jetzt und im Theater im Palais? „Weil die scheinbar entfernten Konflikte unseren Alltag erreichen und auch wir aktuell aufgefordert sind, unsere Werte immer wieder zu überprüfen und zu vertreten“, so Intendantin Alina Gause

Von Nea Weissberg

Das Theaterstück beleuchtet verschiedene Perspektiven auf die schockierenden, plötzlichen und allgegenwärtigen Terroranschläge, die den Alltag in Israel am 7. Oktober 2023 prägen. Vier Schauspieler, alle mit großartigen, ausdruckstarken Stimmen ausgestattet, verkörpern unterschiedliche Charaktere, um verschiedene Sichtweisen auszudrücken. Die vier Protagonisten bewegen sich hauptsächlich auf einem Laufsteg, der auf Bodenhöhe begrenzt ist und sich bis in die Mitte des Publikums erstreckt. Links, rechts und hinter ihnen sitzen die Zuschauer nebeneinander. Dadurch wird die Aufmerksamkeit des Publikums stärker auf die Schauspieler als auf das Bühnenbild oder ihre Alltagskostüme gelenkt.

Es ist bemerkenswert, dass das kleine Theater im Palais, ein „Musikalisches Salon-Theater“, das sich gegen größere Häuser behaupten muss, unter der künstlerischen Leitung der Intendantin Alina Gause den Mut hat, dieses Stück zu zeigen, insbesondere in einer Zeit, in der der antiisraelische Hass zunimmt und zu künstlerischen Boykotten gegen Israelis, Akademiker und Politiker aufgerufen wird.

Das Stück beginnt mit Publikumsbeteiligung: Viele singen, je nach ihren Kenntnissen, das traditionelle Lied „Hava Nagila“. Ein Akkordeon begleitet die Darbietung und passt sich dynamisch dem Bühnengeschehen an. Der fesselnde Klang des Akkordeons, gespielt von Ira Shiran, verstärkt die emotionale Wirkung. Das Akkordeon ist nicht nur ein Volksinstrument; es besitzt auch einen bedeutenden symbolischen Wert in der traditionellen jüdisch-israelischen Identität.

Ira Theofanidis (Schauspiel und Gesang) ist in der Rolle von Dorons 40-jähriger Tochter Dana sowie in ihren anderen Rollen fesselnd und berührend. Ich konnte ihren Schmerz und ihre innere Zerrissenheit fast spüren. Carl Martin Spengler (Schauspiel und Gesang), der Dorons 70-jährigen Ehemann und auch den palästinensischen Freund Muhammad verkörpert, stand vor einer besonders schwierigen Herausforderung. Die Stärke von Muhammads Charakter, der scheinbar gleichgültig gegenüber dem menschlichen Leid in Israel ist und dies kompensiert, indem er das Elend beschwört, das er in Gaza als Folge des Verteidigungskrieges nach dem unsäglichen Massaker beschreibt, ist besonders anspruchsvoll. Meik van Severin (Schauspiel und Gesang), der u.a. Danas achtjährigen Sohn spielt, vermittelt die Ängste und die Verwirrung der Kindheit mit ergreifender Sensibilität.

Die Hauptdarstellerin Alina Gause (Schauspiel und Gesang) verkörpert die Schriftstellerin und Friedensaktivistin Lizzie Doron und führt das Publikum durch das Stück. Mit ihrer bemerkenswerten Darbietung, ihrer unverwechselbaren Intonation und ihrer bewusst aufgewühlten Körpersprache, deren Augen von Entsetzen erfüllt sind, vermittelt sie eindringlich die tiefe Qual der Autorin, ihre verzweifelte Hyperaktivität und die fieberhafte Hausarbeit, mit der sie ihren Ängsten zu entfliehen versucht. Ihre Erzählung entfaltet sich unerbittlich, wie Informationsfragmente, durchsetzt mit Live-Nachrichten, den Beerdigungen von Bekannten und Fremden, den über tausend Namen der Todesopfer und Hunderten von Entführungen. Sie berichtet von Explosionen und spricht aus einem Schutzraum. Sie beschreibt ihre ständige existenzielle Sorge um ihre Familie und Freunde, die unaufhörlichen und zermürbenden Telefonate Tag und Nacht und die tiefen und spürbaren Ängste der „Zweiten Generation“ – jener, die nach dem Holocaust geboren wurden und noch immer von den Traumata und der Erinnerung ihrer überlebenden Eltern geprägt sind.

Im ersten Teil der Inszenierung konfrontiert der israelische Regisseur und Dramatiker Dori Engel das Publikum auf zutiefst bewegende Weise mit den Massakern vom 7. Oktober, die an Schabbat und gleichzeitig an Simchat Tora (Fest der Freude über die Tora) stattfanden. Nach der Pause verknüpft Engel seine linkspolitischen Überzeugungen mit seiner Sympathie für die palästinensische Sache, die er mit der Autorin Lizzie Doron teilt. Doron beklagt, dass sie deshalb in Israel keinen Verlag mehr findet, der ihre Bücher veröffentlichen möchte.

Muhammad, Dorons Freund, wird von Carl Martin Spengler als verletzlicher, innerlich zerrissener, wortkarger und zögerlicher Mann dargestellt, der sein Mitgefühl für das Massaker vom 7. Oktober nicht zum Ausdruck bringen kann. Im Gegenteil, er konfrontiert sie frustriert und wütend mit der militärischen Überlegenheit der israelischen Armee und den grausamen Folgen des Krieges für die Zivilbevölkerung im Gazastreifen: „Ihr guckt eure Fernsehsender und verehrt eure heldenhaften Soldaten, die Gaza bombardieren, plattmachen, zermalmen… Meinen Onkel habt ihr im letzten Jahr getötet und diesmal seinen Sohn. Ihr habt gewonnen…“. Er bricht jeglichen Telefonkontakt zu Lizzie Doron ab, die am Boden zerstört ist, da sie sich so sehr gewünscht hatte, ihre Gedanken mit ihm zu teilen. Sie bleibt allein mit ihrer Verlassenheit und ihrer Sehnsucht zurück.

Die verheerende Gewalterfahrung, die die kleine Abigail erleidet, wird dem Publikum von der Hauptfigur, gespielt von Alina Gause, auf düstere, hektische, laute, hilflose und chaotische Weise vermittelt, die darauffolgenden Auswirkungen auf das Kind werden jedoch nur durch Assoziation im Kopf des Zuschauers erschlossen.

Stattdessen wird im Theaterstück das Leid einer palästinensischen Familie im Shiva-Krankenhaus in Gaza gezeigt. Es wird allerdings nicht erwähnt, dass die Hamas das Krankenhaus kontrolliert, darunter die metertiefen Tunnel baute, Waffen hortete und Menschen als menschliche Schutzschilde missbrauchte.

Abigails Leben veränderte sich an diesem Tag für immer. Sie war erst drei Jahre alt. An jenem Morgen griffen Hamas-Terroristen ihren Kibbuz Kfar Aza an. Ihre Mutter, Smadar Idan, wurde ermordet. Ihr Vater, Roee Idan, wurde tödlich verwundet, als er versuchte, seine Familie zu schützen. Abigail rannte zu ihren Nachbarn und wurde mit ihnen verschleppt. Wie soll sie sich jemals von einem solchen Trauma erholen? Ihr Bruder Michael, neun, und ihre Schwester Amalia, sechs, überlebten, indem sie sich über zwölf Stunden lang in einem Schrank versteckten. Abigail wurde fast 50 Tage lang in Gaza gefangen gehalten und am 26. November 2023 freigelassen.

Die Hamas-Terroristen und ihre verschiedenen palästinensischen militanten Untergruppen werden nicht explizit als reale Bedrohung genannt, auch nicht hinsichtlich ihres unerschütterlichen Vernichtungswillens; lediglich die Hamas wird einmal als Killer erwähnt. Es wird gesagt, wie Terroristen Israel einkreisen und das Land lahmlegen – warum, aus welchem Grund? Und die palästinensischen Zivilisten, die an der Gewalt vom 7. Oktober 2023, den Ausschreitungen, dem Töten und Plündern beteiligt waren, werden nicht einmal angedeutet.

Die israelische Regierung und die IDF hingegen werden stark kritisiert. Die Wehrhaftigkeit der israelischen Zivilgesellschaft gegen die amtierende Regierung wird nicht im Ansatz genannt. Menschen aus allen Gesellschaftsschichten erhoben ihre Stimmen, um ihre Solidarität mit den Geiseln und ihren Familien zu bekunden. Bereits seit Januar 2023 gingen Hunderttausende Israelis auf die Straße, um gegen die Justizreformen von Benjamin Netanjahu zu protestieren. Die sich leidenschaftlich wehrende Zivilgesellschaft zeigte quantitativ und qualitativ Gesicht: Jung und Alt, Schüler, Studierende, gesellschaftspolitisch engagierte Männer und Frauen aus der konservativen Mittelschicht und in Führungspositionen, Kulturschaffende, Militär, unterstützt vom Gewerkschaftsverband sowie von der parlamentarischen Opposition kämpften wochenlang für den Erhalt demokratischer Werte. Die sichtbar widerständige Kraft erinnerte an eine Wellenenergie, die sich energetisch hochtürmte und nicht abflachen ließ. Aber dann kam der brutale Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023, alle Kräfte richteten sich fortan auf den Verteidigungskrieg.

Nach dem 7. Oktober manifestierte sich der Protest hauptsächlich auf dem „Platz der Geiseln“, im Vorhof des Tel Aviv Museums. Täglich versammelten sich dort Menschen, um an das tragische Schicksal der entführten Geiseln zu erinnern und sich mit ihren Familien solidarisch zu zeigen.

„. … was hilft das den Geiseln, dass alle gelbe Anstecknadeln und T-Shirts mit ihrem Porträt kaufen, dass alle … in den nachgebauten Tunnel treten und wieder daraus hervorkommen, dass Touristen aus Amerika anreisen“, fragt sich Doron. „Ja, ich wage sogar zu denken, was hilft es eigentlich den Geiseln, was unsere Armee gerade in Gaza tut?“

Um etwas für die Freilassung der nach Gaza verschleppten Geiseln zu erreichen, mussten vom Forum der Familien der Entführten und Vermissten gezielt Informationen über die Geiselnahmen an die Medien und einflussreiche Persönlichkeiten weltweit verbreitet werden. Gelbe Stoffschleifen und Aufkleber, Anstecknadeln, kurze Videos im Internet, Plakate der Geiseln, der Ermordeten, Kunst-Installationen, T-Shirts mit der Aufschrift „Bring them home now“ und dergleichen waren unerlässlich.

Die Hauptfigur, gespielt von Alina Gause, rezitiert etwas auf Arabisch vor dem Ensemble auf der Theaterbühne stehend, mit dem Rücken zum Publikum – wer soll das schon verstehen?

Der Akkordeonist Ira Shiran war brillant, doch die beabsichtigte Wirkung des Liedes „Lili Marleen“ – das zu Beginn und gegen Ende des Stücks erklingt – bleibt irritierend. Die Aufnahme von „Lili Marleen“ aus dem Jahr 1939 wurde zum Symbol für Heimweh, Trennung und für die Hoffnung auf ein Wiedersehen, das Stück sollte zum festen Repertoire des Zweiten Weltkriegs werden. 

Es entsteht der Eindruck, dass der israelische Regisseur und Dramatiker mithilfe der Schauspieler seine linke Regierungskritik an seinem Heimatland aus einer distanzierten und vermeintlich vorwiegend „deutschen“ Perspektive in diesem komplexen historischen Kontext präsentieren möchte. Vielleicht erklärt dies die Wahl des Untertitels „Mein Leben zwischen Trümmern und Träumen“, der an deutsche „Trümmerfrauen“ erinnert?

Während einige deutsche Nachkommen der Nachkriegsgeneration Mitgefühl für Israel und ein Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem Land empfinden, porträtiert das Stück sie als geplagt von einem ungelösten Familienkonflikt, der mit dem Nationalsozialismus verknüpft ist. Der Enkel hingegen wird akzeptiert, wenn er pro-palästinensisch eingestellt und stolz auf seinen Slogan „Von Dahlem nach Gaza – Yallah Intifida“ ist.

Der Friedensappell erscheint allein an Israel gerichtet. Eine Konfrontation mit der Hamas und dem Terror unterstützenden iranischen Regime – die beide einen Frieden unmöglich machen – wird vermieden. Das Stück erinnert an Erich Maria Remarque, der nach dem Ersten Weltkrieg schrieb: „Ich sehe, dass Völker gegeneinander getrieben werden und schweigend, unwissend, töricht, gehorsam, unschuldig töten…“

Die Botschaft des Stücks, dass dieser Krieg das Werk „beider Seiten“ sei – meidet einen anderen Klang und löst sich im Lauf des Abends immer stärker vom eigentlichen Ausgangspunkt des 7. Oktober. Erinnern wir uns an das Leid der israelischen Familien, die um ihr Leben flohen und gefoltert, massakriert, verstümmelt, misshandelt, ermordet, bedroht, verfolgt, verspottet, entführt, gequält, vergewaltigt, eingesperrt, verbrannt und z.T. jahrelang ihrem hilflosen Geisel-Schicksal überlassen – und schließlich in den tiefen Tunneln von Gaza dem Hungertod preisgegeben wurden?

Autorin Doron und Regisseur Engel werfen Israel vor, mit einem andauernden Verteidigungskrieg und dem Einsatz schwerer Waffen zu reagieren, teilweise, um von einer innenpolitischen Krise abzulenken. Die Verantwortlichen für das erbarmungslose Pogrom vom 7. Oktober werden dagegen nicht offen verurteilt. Im Gegenteil, es kursieren völlig unbegründete „Genozid“-Vorwürfe gegen Israel, leider auch in dieser Theateradaption. Das ist bitter.

Das Theater im Palais hofft, dass sein Stück „Wir spielen Alltag“ zum Frieden und gegenseitiger Verständigung beitragen wird. Dies wird jedoch nur schrittweise, durch einen wechselseitigen und anhaltenden Gedankenaustausch möglich sein. Es ist ein ambitioniertes Ziel, das zahlreiche Hindernisse überwinden muss. Die Vielfalt politischer Meinungen und die Suche nach Konfliktlösungen sind zumindest dem Judentum immanent.

Eine bewegte und schmerzhafte Theaterpremiere in Anwesenheit der Autorin Lizzie Doron. Das Publikum war aufgewühlt und spendete am Ende der Aufführung mehrmals Applaus.

Weitere Termine: 08.05. (19:30 Uhr), 09.05. (19:30 Uhr), 22.05. (19:30 Uhr)

Weitere Infos unter www.theater-im-palais.de