Die Uhr ist abgeschaltet

0
147
Foto: Uriel Even Sapir

Gestern Abend, nach der Rückkehr von Ran Gvili, konnte endlich die Uhr am Platz der Entführten abgeschaltet werden – nach 843 Tagen, 12 Stunden, 5 Minuten und 59 Sekunden.

Angehörige der Geiseln und Überlebende der Gefangenschaft, Elkana Bohbot, Bar Kupershtein, Noa Argamani, Luis Har, Eitan Horn, Segev Kalfon, Yosef Chaim Ohana, Maksym Harkin und Rom Braslavski, kamen zusammen, um gemeinsam mit Tausenden Anwesenden, die Uhr zu stoppen. 

Unmittelbar nach dem 7. Oktober wurde das Forum der Familien der Entführten Vermissten gegründet. Der Platz der Entführten in Tel Aviv wurde für die Familien zu einem zweiten Zuhause, ein Ort mit vielen Installationen der Solidarität und Unterstützung. Eine der eindrucksvollsten war die Uhr, die Tage, Stunden, Minuten und Sekunden zählte – genau wie die Geiseln ihre Tage in Gefangenschaft gezählt hatten. Eine Mahnung, dass jede Sekunde in der Hölle eine Ewigkeit ist.

Segev Kalfon erzählte, dass er die Uhr zum ersten Mal in Aufnahmen sah, die ihn in Gaza erreichten: „eine Uhr, die die Zeit der Geiseln nicht nur in Tagen, sondern in Minuten und Sekunden zählte. Genau so fühlten wir uns, jede Minute wie eine Ewigkeit und jede Sekunde die letzte Sekunde unseres Lebens.“ An die Tausenden Unterstützer gewandt sagte er: „Als ich Fotos von Euch auf dem Platz sah, wie Ihr hier mit unseren Bildern standet, unsere Familien unterstützt habt und ‚Bis zur letzten Geisel‘ rieft, wart Ihr unser Licht und unsere Hoffnung. Ihr wart unsere Stärke, und nicht weniger wichtig, Ihr wart die Stärke unserer Familien. Für mich ist es jetzt an der Zeit, Danke zu sagen. Danke, dass Ihr für uns da wart.“

Segev Kalfon, Foto: Paulina Patimer

Rom Braslavski sagte: „Die Uhr mag offiziell stehen geblieben sein, aber in Wirklichkeit ist sie es nicht. Wir können zwar offiziell sagen, dass ein Krieg beendet ist und wir keine Geiseln mehr in Gaza haben. Doch nun befinden wir uns in einem anderen, viel härteren Krieg: dem Krieg der Rehabilitation, der ebenfalls sehr schwer zu ertragen ist. Ich wünsche allen, die von diesem Krieg verwundet wurden – Soldaten, Geiseln und mir selbst –, dass wir es schaffen, aus diesem verfluchten Krieg herauszukommen, uns zu rehabilitieren und alles Notwendige zu tun, um unsere Seelen wieder zu dem zu machen, was sie einst waren. Ich wünsche uns allen, dass wir diese Rehabilitation so abschließen, wie es sich gehört. Wir haben schon alles durchgemacht, und wir werden auch das schaffen.“

Rom Braslavski, Foto: Alon Gilboa

Shira Gvili, Schwester von Ran Gvili, der morgen beerdigt wird, sagte: „Die Zeit kann angehalten werden, und wir können zurückkehren und gehen, erleichtert aufatmen, trauern und Ran morgen zu seiner ewigen Ruhe geleiten. In den letzten 844 Tagen habe ich jede Minute, jede Sekunde in Sehnsucht und Vorfreude auf Ran gespürt. Die Welt drehte sich weiter, aber ich wollte, dass sie mit uns stillsteht. Und nun ist er hier, nicht so, wie wir es uns gewünscht, erhofft und dafür gebetet haben, aber er ist hier. Er und 86 andere gefallene Geiseln wurden zur Beerdigung nach Israel überführt, und er ist der Letzte.“

Shira Gvili, Foto: Paulina Patimer

Yosef Haim Ohana bedankte sich ebenfalls: „Hätte man mir damals gesagt, dass ich hier stehen würde, wenn die Uhr stehen bleibt, hätte ich die ganzen zwei Jahre gelächelt. Nicht, weil ich gewusst hätte, dass ich das überleben würde. Sondern weil ich gewusst hätte, dass es Menschen geben würde, die bis zum Schluss hierbleiben und nicht aufgeben. Danke, dass ihr nicht aufgegeben habt. Das alles verdanken wir euch.“

Yosef Chaim Ohana, Foto: Paulina Patimer

„Heute beenden wir die Zählung der Tage, die lebende und gefallene Geiseln in der Gefangenschaft der Hamas verbrachten“, sagte Yael Adar, die Mutter von Tamir Adar. „Wir beenden damit ein unmenschliches Kapitel, in dem wir für die Freilassung der Geiseln, für soziale Werte wie gegenseitige Verantwortung, Solidarität, Sorge um die Hilflosen und das Prinzip, niemanden zurückzulassen, gekämpft haben. Doch ich werde niemals aufhören, das Massaker, den fehlenden Schutz, die Verlassenheit und den Bruch des Bündnisses zwischen Bürger und Staat zu zählen. Ich werde diese Tage bis an mein Lebensende zählen, mit jedem Atemzug, in dem mein Tamir dieser Welt fehlt.“

Yael Adar und Ruby Chen, Foto: Lior Rotstein