Vor 190 Jahren, am 2. Januar 1836, wurde Scholem Jankew Abramowitsch in Kopyl bei Minsk geboren. Unter dem Pseudonym Mendele Moicher Sforim wurde er später, neben Scholem Alejchem und Jitzchok Leib Perez, einer der Begründer der modernen jiddischen Literatur. Der vorliegende Beitrag erschien im Januar 1936 aus Anlaß seines 100. Geburtstags in der von Julius Goldstein herausgegebenen Zeitschrift „Der Morgen“, die ein breites Themenspektrum aus aufgeklärt-orthodoxer Sicht bediente. Autor Leo Hirsch schrieb über den jiddischen Schriftsteller, er sei der „sorgsamste Handwerker der jüdischen Literatur“.
Mendele Mocher Sforim
Von Leo Hirsch
Der Morgen, 11. Jahrgang, Heft 10, Januar 1936
Während einer Debatte, ob das Judentum überhaupt noch Bestand haben würde, rief Mendele Mocher Sforim aus: „Schön würde Gott aussehen ohne Judenl“ Damit war das Problem für ihn erledigt. Die Andern lachten über die wohlgelungene Formulierung und stritten mit ihren bevölkerungspolitischen, statistischen, ethnologischen und soziologischen Argumenten weiter, wie sie es eben verstanden. Tatsächlich war mit Mendele nicht gut debattieren. Er blieb nie beim Thema, er sprühte Paradoxe, hatte über aktuelle Angelegenheiten keine beständig feste Meinung und fand zu keinem Parteidenken einen regulären Zugang. Er hatte zu den Ismen der Politik und der jüdischen Kulturpolitik kein Verhältnis, weil er zu den eigentlichen Lebensfragen das leidenschaftlichste hatte; er, der erste große Fürsprecher des sozialen und nationalen Lebensrechts im jüdischen Osten, ist als sozialistischer oder zionistischer oder sonstwelcher Parteimann so unvorstellbar wie in den entsprechenden Kreisen Tolstoj oder Ibsen oder Jeremias Gotthelf oder Multatuli. Mendele konnte nicht „im Gespann“ denken, nicht in allgemeiner literarischer Valuta zahlen, dem Leser nicht zu Liebe schreiben. Sein Witz ist auf die Sache, nicht auf den Effekt gestimmt, und daß Gott ohne Juden „schön aussehen“ würde, war ihm so wenig wie den Propheten oder dem Maimonides ein Spaß. (Die Wendung „schön aussehen“, im jiddischen Original: „a schejn ponim wolt got gehat ohne jiden“, entspricht etwa der chinesischen Metapher „sein Gesicht verlieren“.)
Ebensowenig war ihm das Schreiben ein Spaß, so scharf pointiert und humorig breit er sich auch liest. Das Drauflosschriftstellern ohne Plan und Ziel war ihm unredlich und undenkbar. Feilen, feilen und noch einmal feilen, Kleinarbeit an jedem Wort! rät er einem jungen Autor. Ein anderer, der „aus dem Ärmel schüttelt“, erinnert ihn an eine Henne, die, während Mendeles Mutter stundenlang in den schwersten Wehen lag, gackernd in die Küche hineinspazierte und mir nichts dir nichts ein Ei gelegt hatte. Die literarischen Leichtgeburten vergleicht er mit Kälbchen, die, kaum zur Welt gekommen, schon stehen und laufen können, „und sie werden auch mit Gottes Hilfe bald große Ochsen werden“. Von den Vielschreibern sagt er, sie seien im Himmel eigentlich zu Wasserträgern bestimmt und nur, dank den guten Werken ihrer Vorfahren mit mildernden Umständen bedacht, zu Schriftstellern geworden. Er selbst feilt noch als Greis neu aufzulegende Jugendwerke. Er ist bis auf den heutigen Tag der sorgsamste Handwerker der jüdischen Literatur. Dabei fehlt ihm das Formgefühl etwa im Sinne europäischer Romankomposition. (Deren Verbindlichkeit wäre allerdings zu bestreiten; die Geschlossenheit der epischen Form gibt es ja eigentlich nur in den romanischen Literaturen, allenfalls noch in der englischen, sie verliert sich schon in Deutschland und vollends, je östlicher die Literatur ist, und am Ende wäre in der scheinbaren Dekomposition östlicher Epik bei Dostojewski, Tolstoj usw. wie bei Mendele Mocher Sforim ein anderes, nur eben noch nicht offiziell registriertes Formprinzip aufzuzeigen.) Ebensowenig entspricht die Unwillkürlichkeit, ja Unwilligkeit von Mendeles Künstlertum westlichen Kunstanschauungen.
Mendele schreibt nicht zum „Spaß“. Seine erste Arbeit ist ein Brief über Jugenderziehung; der Empfänger ließ ihn ohne Wissen des Verfassers drucken. Die vorangegangenen Gedichte und ein „Drama“ sind verschollen. Die folgenden Arbeiten sind didaktisch, pädagogisch, naturwissenschaftlich; alle hebräisch geschrieben, alle zeitgemäße Aufklärungsliteratur. In die gleiche Richtung zielt ein Roman aus Mendeles hebräischer Jugendepoche, der an der Enge und der zeit- und volksfremden Literaturhaftigkeit des Haskala-Hebräisch scheitert; in Anmerkungen muß Mendele hebräische Ausdrücke durch jiddische Synonyma verdeutlichen, und mancher Dialog klingt wie aus dem Jiddischen übersetzt. Die logische Konsequenz für den Aufklärer, der doch ins Volk wirken muß (denn was sonst wäre Haskala?), bliebe demnach jiddisch schreiben. Aber der „Jargon“ ist als Kauderwelsch, als Nichtsprache, als literaturunfähig verpönt. Mendele hat dabei nur zu verlieren. Er schreibt „Das kleine Menschele“ jiddisch und verheimlicht das Manuskript. Aber der Durchbruch in die Volkssprache ist fällig, also unaufhaltsam, und „Die Kljatsche“ (Die Mähre) wird veröffentlicht, bespöttelt, beargwöhnt, berühmt. „Die Taxe“ erregt Sturm. Die Haskala-Tendenz: Aufklärung, ins Volk, fürs Volk! wird hier nicht nur beibehalten, sondern erst fundiert und konstituiert. Die Maskilim vorher wollten ihre Leser bilden, gebildet machen, um den Preis der jüdischen Volksmäßigkeit Menschenrechte einhandeln. Sie waren hebräische Schönschreiber, jeder Satz stolzierte auf den Kothurnen klassischer Zitate; ihre Stoffe hießen immer noch Lots Töchter und Frau Potiphar, und sie waren viel zu betäubt von westlicher Kultur, zu aristokratisch ethisch und hygienisch, um eine Berührung mit dem Volk auch nur zu wünschen Mendele entwand sich ihrer Schönschreiberei: die Literatur sollte „verständlicher“ werden; er beschrieb, nun jiddisch (auch die Sprachwahl war ein Akt von Realismus), das Leben, „wie es ist“, übergoß in der „Taxe“ innerjüdische soziale Mißstände mit dem brennenden Pech seines Spottes, in der „Kljatsche“ den nationalen Mißstand mit Satire und Erschütterung und zeigte immer auch die Kehrseite des Problems, was nicht seiner Tendenz oder der Mitleidigkeit seines jüdischen Herzens, sondern seinem künstlerischen Genie gutzuschreiben ist.
Die Tendenz der allegorischen „Kljatsche“ geht gegen die Gehetztheit und Verkommenheit des jüdischen Volkes, die der „Taxe“, dieser „Bombe aus Galle“, gegen das soziale Unrecht; doch nun das Künstlerische: die Kljatsche, das in einem ausgemergelten Vieh personifizierte jüdische Volk, ist ein in die Schindmähre verzauberter Prinz! Und aus solcher, eben künstlerischer Doppelgesichtigkeit ergibt sich die neue Tendenz: der Jude hat das Recht auf Leben, gleichviel wes Standes oder Amtes oder Vermögens oder Geistes er ist, und das jüdische Volk hat das Recht auf Leben, gleichviel wes nationalen oder hygienischen oder politischen Zustandes es ist! Und da der wahre Künstler auch seine verhaßtesten Bösewichter nicht mit schlechteren Stiften zeichnen und mit schlechteren Farben malen kann, wirkt Mendele auch in seinen satirischsten Partien nie als Pamphletist, nie als Feind dieser Art Menschen, sondern dieser Eigenschaften und Zustände, und selbst seine verspottetsten Städte Glupsk (etwa: Dummsdorf; gemeint ist Berditschew), Kabzansk (die Stadt der Habenichtse) und Tunejadewke sind, am Schabbat oder wenn man vom heiligen Land spricht, vom rührend freundlichsten Licht umstrahlt. Das ist oft genug gegen den Willen des Autors so: der gestaltende Künstler erweist sich mächtiger als der Zweckschriftsteller. Mendele kommt, um zu fluchen, und segnet.
In den späteren Werken siegt das Prinzip des Ausgleichs vollends. Immer reiner tritt an die Stelle der Satire der Humor: das Didaktische und Predigthafte weicht dem Nichts-als-Epischen, die Tendenz, das Volk brauche keine schönen Worte sondern Brot, wird nur mehr in der Handlung spürbar. Der Dichter zieht sich zurück, und seine Personen sprechen nur mehr das ihrige. Von diesen Personen ist die wichtigste Mendele Mocher Sforim, der Buchhändler Mendele, der durchaus nicht mit dem Autor identisch ist. Dessen erste hebräische Schriften tragen seinen eigentlichen Namen Scholem Jaakow Abramowitsch. Erst für seinen jiddischen Erstling hat er ein Pseudonym gewählt, um sich nicht gar zu sehr zu gefährden, nämlich Senderl Mocher Sforim, das der Herausgeber, der mit Vornamen Alexander (Sender) hieß, vorsichtshalber in Mendele umänderte. Dieser Bücherverkäufer Mendele tritt fortan immer wieder auf, nicht bloß als Raisonneur, sondern als das andere Ich des Dichters, als der ganz volksmäßige handelnde Mensch, den der Autor von sich abspalten mußte, wie manche englischen Psychologisten, etwa Conrad, ihre durch ihr Gesamtwerk gehenden, mehr oder weniger beobachtenden oder handelnden Personen.
Aber selbst darin ist Mendele nicht subjektiv, wahrt er wie nur die älteren Engländer Distanz. Seine Distanz, die wesentliche epische Eigenschaft überhaupt, besteht in der großen Pogromkrise des Ostjudentums vor der Jahrhundertwende die schwerste Probe. Während die anderen Autoren nun in einen pathetischen Nationalismus ausbrechen, schweigt Mendele: in solcher Not ist keine Zeit, „die Harfe zu schlagen“. Dann aber kehrt er wieder und ist nur noch Humorist. Und er schreibt nun wieder und reif hebräisch, auch sprachlich ist sein Ausgleich vollkommen. Dabei haben die Spät werke etwas Zerfließendes, als wäre sein Auge der Fülle und Vielfalt der Erscheinungen so realistisch offen, daß keine hergebrachte Form und Ausdrucksweise ihr mehr gerecht werden könnte.
Über all diese Dinge ist bisher so gut wie nichts geschrieben worden; die jüdische Literaturkritik ist arm und kaum im Anfang, und wahrscheinlich ist auch Mendele selbst, als Mensch, als Person, als Totalität noch so unheimlich lebendig, daß er die Augen der Betrachter immer wieder von seinen Werken ab- und auf sich selbst zieht. Als Person und nicht durch ein ungewöhnliches Schicksal; sein Leben war rechtschaffen abenteuerarm, er ist vor hundert Jahren in einem Städtchen Kopyl geboren, in jüdischen Dingen früh gut gebildet worden, hat mit siebzehn Jahren hebräische Verse geschrieben, ist während einer Fahrt mit einem Schnorrer und Gauner fast verkommen, hat dann einigermaßen deutsch und russisch gelernt und schließlich als Lehrer und Schriftsteller in Berditschew, dann in Odessa sein Leben gefristet; 1916 erst hat er eine dürftige Pension bekommen, und 1917 ist er gestorben.
Ein Erlebnis allerdings außerhalb der jüdischen Überlieferung und der Einsicht in die Not der jüdischen Gegenwart ist als Sensation zu bezeichnen: seine Entdeckung der Natur, die zuvor für die ostjüdische Vorstellung nicht zu existieren schien. Sie hat ihn als Knaben überwältigt und zum Dichter gemacht, und vom ersten bis zum letzten Prosawerk finden sich seine Naturschilderungen, manchmal ohne Zusammenhang mit der Handlung, wie ein geheimnisvoll schuldiger Tribut an den Engel der Kunst, denn seine Figuren, die „Tachlismenschen“ von Glupsk und Kabansk, sehen die Natur ja kaum, und nur der reisende Bücherverkäufer Mendele kann gelegentlich erzählen (was hier im Original folgen möge): „Unterwegens einmol Schiwo-oßer-betammus (Fast- und Trauertag), ganz frih, sitz ich mir auf der kelnie vun mein beidel (Wagenbock) in tallis un tfillin, mit der beitsch in der hand, ganz jidischlech. Die Äugen senen mir zugemacht, bichdej (um) nischt onzukuken beim dawnen die lichtige welt. Maaße-Schoten (wie durch Satans Werk) ober is sie, die Natur, wie heißt men es, gewen wunderschejn, gor a bild, un es hot mich gezoigen eppis, wie a kischuf (Zauberei), a kuk zu tun. Ich hob a hibsche Zeit sich gerangelt mit mir allein. Der Jezer-tow (der gute Trieb) sagt: Fe! (Pfui!), men tor nischt. Der Jezer-hora (der böse Trieb) akegen toret: Nischkosche (es tut nichts), hob hanoe (Genuß), narrele! Un efent mir derbei take äuf mein äug. Es tut mir a schein, nor wie äuf zu lehachjes (Trotz), eppis a bildschejne panorame; felder gesprengelt mit blihende retschke weiß wie schnei, neben gelbgildene razomorene passen vun weiz un mattgrinliche, hoichgewaksene kukuruses; a schejner griner tal, bedeckt vun beide seiten mit wäldlech, nießbaumer. Unten fleizt a teichel, rein, klor, wie a kristoll, in welchen es tucken sich die Strahlen vun der sunn un belegen es mit finkeldige, gildene flitterlech. Die Schof und die Kuh äuf der pasche dort sehen vun der weitens aus wie funkele, roite, gefleckte pintelech (Pünktchen) . . . fe! fe! mussert (weist zurecht) der jezer-tow …“
Mendele schwärmt nicht von der Natur, er liebt sie; er ist ihr treu, in sehr jüdischer, zärtlich-derber Art, ist ihr erster aufmerksamer jüdischer Liebhaber, ein so uneigennütziger Liebhaber, daß er kaum einmal einen Spiegel des Menschenherzens in ihr sieht. Er bringt ihr nicht bloß in Büchern Ständchen, er lebt auch mit ihr, er versäumt keine ihrer Szenen vom ersten Birkengrünen seiner Knabentage bis zum milden Mondaufgang über dem Schwarzen Meer in seiner Großväterzeit. Auch darin ist er Ahnherr und Altmeister der jiddischen und neuen hebräischen Literatur, und Altmeister, Großvater, „Seide“ hat ihn auch die folgende Generation der Scholem Alejechem, Bialik, Achad Haam, Dubnow, Rawnicki genannt. Sie alle haben ihm Unschätzbares zu danken, vor allem die Nutzbarkeit ihrer Sprache, und besonders Scholem Alejchem (der erste, der Mendele „Seide“ und sich dessen „Enkel“ nannte wie dann die ganze Generation) und Bialik haben ihrem Dank ergreifenden Ausdruck gegeben.
Tatsächlich bleibt sein Verdienst das des größten Revolutionärs und Konstitutors der jiddischen Literatur und des ostjüdischen Lebensgefühls: er hat als erster die soziale Ungleichheit und das Unrecht in der jüdischen Gesellschaft festgestellt und bekämpft, hat als erster in der Haskala-Zeit das nationale Bewußtsein wachgerufen, hat als erster jiddisch als Kultursprache geschrieben, also die jiddische Kultursprache geschaffen, und das Hebräische nicht bloß um eine naturwissenschaftliche Terminologie bereichert, sondern erst den neuen, reichen, reinen Prosastil ermöglicht. Er ist, als erster östlicher Erzähler, Realist und Psycholog von Format und eben darum der Kulturhistoriker des jüdischen Lebens in seinem Jahrhundert, und er ist der vornehmste Künstler und Humorist Er hat, sagt Perez, in unserer Literatur das geleistet, was für die gesamte Technik und Zivilisation vor Zeiten jener Unbekannte getan, der das Rad erfunden hat.



