Linke Kritik und Kritik der Linken
Von Lothar Quinkenstein
Sich treu zu bleiben im Sinne der Aufklärung, muss Veränderung mit einschließen. An einmal gewonnenen Überzeugungen festzuhalten, womöglich mit dem Nachdruck des Prinzipiellen, spricht nicht zwingend, vor allem: nicht in jedem Kontext für den Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen.
Von eben solchen Veränderungen, Auf- und Umbrüchen im Denken, die nötig sind, wenn wir das schwierige Anliegen der Aufklärung ernst nehmen wollen, handelt der Band „Bis hierher und immer weiter“. Er versammelt eine Auswahl aus den journalistisch-publizistischen Texten Anton Landgrafs, die ergänzt und kommentiert werden durch Beiträge von Menschen, die ihm nahe waren. So entstand ein Buch, das weit mehr ist als eine Textsammlung. „Bis hierher und immer weiter“ erzählt vor allem auch von persönlichen Bindungen und Erinnerungen, es ist ein Buch des Respekts, eine Verbeugung vor dem im Juli 2023 so tragisch früh verstorbenen Autor, Freund, Arbeitskollegen, Ehemann, Vater.
Nach drei einleitenden Texten von Tanja Dückers-Landgraf, Uta von Schrenk und Frank Fitzner, die zur Person Anton Landgrafs und seinen Arbeitsfeldern hinführen, wird eine Auswahl seiner Beiträge vorgestellt, thematisch gebündelt und jeweils versehen mit einem Kommentar, der aufschlussreiche Einblicke bietet in das Denken, die Interessen und die Arbeitsweise des „linken Transatlantikers“ (Tanja Dückers-Landgraf).
Viele der Beiträge Anton Landgrafs stehen im Zusammenhang mit konkreten Ereignissen und Entwicklungen, doch selbst dort, wo ein aktueller Anlass den Hintergrund bildet, lassen sich die Texte mit zeitlosem Gewinn lesen, und manche, so durchfährt es die heutigen Rezipient_innen, scheinen an Aktualität noch gewonnen zu haben. Einzelne Sätze in den Beiträgen der abschließenden Themengruppen des Bandes – „Antisemitismus von links“ / „»Arafat ist Teil des Problems«“ / „Im Hass verbündet“ – wirken wie Kommentare zu den erschreckenden Entwicklungen nach dem 7. Oktober 2023.
Mit Blick auf den linken Antisemitismus lässt sich vielleicht am treffendsten fassen, wie der gedankliche Weg Anton Landgrafs verlaufen ist. Sein politisches Engagement beginnt früh, und es führt zunächst – in der Kritik konservativer Haltungen – in ein „klassisch“ linkes Milieu. Doch setzt sich dieser Weg nicht geradlinig fort, die Distanzen und Diskrepanzen werden größer, und es formt sich ein Denken heraus, das sich mehr einem Sowohl-als-auch verpflichtet sieht als einem Entweder-Oder. Eine Schlüsselrolle spielt dabei Amnesty Deutschland. Hier begann Anton Landgraf bereits als Jugendlicher, sich zu engagieren, bei dieser Arbeit wird er in den kommenden Jahren mit seinen Differenzierungen Einiges in Bewegung bringen, und hier war er zuletzt als Leiter des Teams für Öffentlichkeitsarbeit tätig. Für den Herbst 2023 wollte er eine Podiumsdiskussion zu den Demonstrationen organisieren, die in Israel gegen die Regierung Netanjahus protestierten. Eine „Zuneigung zu Israel mit all seinen Widersprüchen“ – so Markus Bickel in seinem Kommentar der Erinnerung – als Ausgangspunkt für das unermüdliche Bemühen, Klischees mit Argumenten zu begegnen. Jener Herbst brachte dann eine grausame Wirklichkeit. „Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hätte Anton viel zu diskutieren gehabt“ – dieser Satz in Carmen Gräfs Kommentar hallt lange nach.
Die Bedeutung des Bandes liegt nicht zuletzt in seiner breit gefächerten Vielfalt. „Hat man Anton mal die Nase in die taz stecken sehen?“, fragt Heike Karen Runge in ihrem Part, und gibt die lapidare Antwort: „Nein, die hatten ja auch keinen ernstzunehmenden Wirtschaftsteil.“ Dass linke Kritik, die ökonomische Strukturen in den Blick nehmen möchte, selbige möglichst detailliert kennen sollte, scheint auf der Hand zu liegen, ist aber keineswegs selbstverständlich. Anton Landgraf verblüffte selbst nahe Freunde immer wieder mit seinen präzisen Kenntnissen auf diesem Gebiet.
Neben Amnesty war die Jungle World ein weiteres, bedeutendes Betätigungsfeld Anton Landgrafs, und gerade diese Zeitung darf exemplarisch für den emanzipatorischen Ansatz stehen, der im Untertitel des Buches auf sich aufmerksam macht.
Ein Interview für die Jungle World war es denn auch, bei dem sich David Harris, damals, im Dezember 2001, Direktor des American Jewish Committee, so viel Zeit für die Fragen von Anton Landgraf und Markus Bickel nahm, dass die nächste Delegation bereits vor dem Büro zu trippeln begann, wann sie endlich eingelassen würde. Unter den Politiker_innen, die damals ungeduldig wurden, befand sich Angela Merkel.
Auch eine der amüsanten Episoden des Bandes steht mit der Jungle World in Verbindung. Ein Interview mit Gustav Seibt, eingefädelt auf den letzten Drücker am Telefon – und „Antons besonderem Patois [war es] geschuldet“, dass Seibt sich geehrt fühlte, von „Channel Four“ interviewt zu werden (Heike Karen Runge).
Die humorvoll anekdotischen Akzente des Buches – berührend auch in Jürgen Kiontkes „Bleibender Erinnerung an Anton Landgraf“ – verleihen den thematischen Auseinandersetzungen eine eigene, persönliche Note. Die Herausgeber_innen haben sie als sanften Ausklang ans Ende gesetzt.
Es war schlüssig, dass dieser Band im November 2024 in der Neuköllner ProgrammSchänke bajszel vorgestellt wurde, an einem Ort, an dem eben jene humanistischen Positionen ein Zuhause haben, für die Anton Landgraf so engagiert eintrat. Das Lokal steht seit Langem schon unter Polizeischutz. Schmierereien mit dem roten Dreieck der Hamas, ein (zum Glück misslungener) Brandanschlag, antisemitische Pöbeleien, Morddrohungen. Auch dazu hätte Anton Landgraf mit Sicherheit mehr als einen Beitrag verfasst.
Allein seiner sachlichen Facetten wegen ist dieser Band unbedingt lesenswert. Die persönlichen Akzente, die ihm mitgegeben sind, verleihen ihm seinen besonderen Wert. Das Buch zeichnet den Weg eines Menschen, der es ernst meinte mit dem Anliegen der Aufklärung. Der wusste, dass solide intellektuelle Arbeit sich nicht verstecken darf hinter Schlagworten und Parolen. Und was für Anton Landgrafs politisch-publizistische Tätigkeit galt, darf ebenso für die Erinnerungen an ihn gelten: Bis hierher – und immer weiter.
Tanja Dückers-Landgraf, Ferdinand Muggenthaler, Uta von Schrenk (Hg.): Anton Landgraf -Bis hierher und immer weiter. Linke Kritik und Kritik der Linken, Edition TIAMAT Berlin 2024, 216 S., 16.- Euro, Bestellen?



