Der letzte Ausweg – Flucht nach Südosteuropa 1933–41

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Jüdische Flüchtlinge aus Österreich in der jugoslawischen Stadt Samobor (heute Kroatien), um 1940, Foto: aus dem besprochenen Band (ushmm)

Das Buch Balkan-Odyssee dokumentiert ein vergessenes Kapitel der Emigrationsgeschichte

Hundertausende flüchteten nach Hitlers Machtübernahme aus Deutschland. Die Geschichte ihrer Emigration ist auf vielfältige Weise erforscht und dokumentiert worden. Dennoch gibt es immer noch Leerstellen, wie etwa das kaum bekannte Kapitel über die Flucht auf der Balkan-Route. Schon im Jahr 1933 suchten die Ersten im vermeintlich „rückständigen“ Südosten von Europa Schutz vor der NS-Verfolgung im Königreich Jugoslawien – insgesamt waren es zwischen 1933 und 1941 rund 55.000 Menschen. Unter ihnen Juden, Kommunisten, ehemalige Spanienkämpfer, Künstler, aber auch bürgerliche Kritiker des NS-Regimes. Der Vielvölkerstaat war in ethnischer und religiöser Hinsicht bunt zusammengewürfelt und man konnte mit einem gültigen Pass problemlos ein Einreisevisum erhalten, das zunächst für 90 Tage gültig war. Diese Erlaubnis wurde in der Regel mehrfach verlängert – wenn der Flüchtling seinen Lebensunterhalt aus eigener Kraft sichern konnte. Wer sich legal im Land aufhielt, durfte sogar arbeiten und sich frei bewegen.

Einer von ihnen war der jüdische Kommunist und Psychologe Manés Sperber, der sich nach der Entlassung aus einer mehrmonatigen „Schutzhaft“ 1933 für einige Zeit in Zagreb niederließ; er hatte Jugoslawien schon einige Jahre zuvor besucht und mochte das Land und seine Menschen. Der Dichter und Revolutionär der Münchner Räterepublik Ernst Toller flüchtete im Frühjahr 1933 nach Dubrovnik, denn Jugoslawien „gewährte aus völkerrechtlichen, moralischen und humanitären Gründen politisches Asyl, und zwar unabhängig vom Bekenntnis“, wie die Historikerin Marie-Janine Calic in ihrem Buch schreibt und dabei feststellt, dass zu dieser Zeit „Antisemitismus so gut wie unbekannt war“.

Im Gegensatz zu den geläufigen Fluchtgeschichten von Thomas Mann, Berthold Brecht, Hannah Arendt, Lion Feuchtwanger oder anderen Prominenten, denen, wenngleich auch auf abenteuerlichem Wege, die Emigration nach Großbritannien, in die USA oder die südamerikanischen Staaten glückte, waren die Flüchtlinge auf der Balkan-Route mehrheitlich „kleine Leute“, die nicht über die erforderlichen Kontakte oder ausreichend finanziellen Mittel verfügten, um Aufnahme in einem westlichen Land zu finden. Die meisten dieser Menschen sind in Vergessenheit geraten, ihre Geschichten und Schicksale von der Exilforschung übersehen worden.

Spätestens bei Beginn des Zweiten Weltkrieges verschlossen immer mehr Staaten ihre Tore, nur noch wenige Schlupflöcher wie etwa Jugoslawien boten Schutz oder ermöglichten zumindest die Durchreise, um noch einen rettenden Hafen nach Übersee oder Palästina zu erreichen. Im Dezember 1939 bestiegen im Hafen von Bratislava, vom Hechaluz organisiert, 1.000 Chaluzim die Uranus der Donau-Dampfschifffahrtsgesellschaft. Diese Reise ging als Kladovo-Transport in die Geschichtsbücher ein. Der Versuch Palästina zu erreichen scheiterte, da die Donau zugefroren war, die Passagiere mussten im jugoslawischen Kladovo, einer Stadt an der Grenze zu Rumänien, überwintern. Auch im Frühjahr war eine Fortsetzung der Reise mangels Schiffen nicht möglich. Die Menschen wurden nach Sabac gebracht, einer Kleinstadt etwa 70 km westlich von Belgrad, wo sie weiterhin vergeblich auf eine Weiterfahrt warteten. Als die Deutschen im April 1941 in Jugoslawien einmarschierten, war ihr Schicksal besiegelt. Nur wenige konnten sich per Flucht retten, die Mehrheit wurde ermordet.

Eine der letzten organisierten Auswanderungen in Richtung Palästina startete im Herbst 1940 von Bratislava. Auf mehreren völlig überfüllten Schiffen versuchten Hunderte, zumeist junge Juden aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei via Donau das Schwarze Meer zu erreichen. Ihre Schiffe wurden jedoch von der britischen Marine aufgebracht, und nach Haifa geleitet. Dort sollten alle Passagiere auf den Überseedampfer Patria umgeladen und nach Mauritius deportiert werden. Um dies zu verhindern, hatte die Hagana eine Bombe auf der Patria gezündet. Der Sprengstoffanschlag, der das Schiff lediglich manövrierunfähig machen sollte, riss ein riesiges Loch in die Bordwand. Nach kurzer Zeit lag das Schiff kieloben und über 260 Passagiere ertranken. Gleichwohl brachten die Briten mehr als 1.500 Passagiere zwangsweise nach Mauritius.

Mit dem Überfall der Wehrmacht auf Jugoslawien und Griechenland war endgültig auch der letzte Ausweg verschlossen. Etwa 5.000 Flüchtlingen gelang es nicht mehr, das Land vor der deutschen Besatzung zu verlassen. In Kroatien etablierte sich der faschistische Ustascha-Staat, andere Teile Jugoslawiens wurden der deutschen Militärverwaltung unterstellt. „Die Juden verloren Bürgerrechte, Arbeitsplätze und Eigentum. Sie mussten sich registrieren und mit dem gelben Stern kennzeichnen lassen“, resümiert Marie-Janine Calic. Nach der Entrechtung folgte die Vernichtung.

Balkan-Odyssee ist gleichzeitig ein sachliches und sehr emotionales Buch; es stützt sich auf zahlreiche Quellen, sogenannte Ego-Dokumente, wie Tagebücher, Zeitzeugenerinnerungen oder Briefe, konsultiert aber auch akribisch Täterakten und Unterlagen der Hilfsorganisationen. Mit Empathie nimmt Marie-Janine Calic fachkundig die immer noch aktuellen Themen Flucht, Solidarität und Menschlichkeit in den Fokus. Eindrücklich schildert sie die Lage der Flüchtlinge, bei ihrem Versuch den NS-Mördern zu entkommen, beschreibt ihre Hoffnungen und Verzweiflung. In ihrem Vorwort erläutert die Autorin: „Nichts wurde erfunden und kein Zitat verändert, um den Erzählfluss oder Spannungsbogen aufrecht zu erhalten.“ Mit ihrer gelungenen Mischung aus authentischen, persönlichen Geschichten und historischen Fakten hat sie ein wichtiges, lesenswertes und fesselndes Buch geschrieben. – (jgt)

Marie-Janine Calic, Balkan-Odyssee 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa, München 2025, 380 Seiten, 28,00 €, Bestellen?