
Die Stunde der Wahrheit für 68er und Linke
Von Walter L. Brähler
1. „Ja, aber …“
In den Stunden und Tagen nach dem 7. Oktober, als die Bilder der Massaker um die Welt gingen, geschah etwas Verstörendes. Nach einem Moment „dröhnender“ Sprachlosigkeit erfolgte zunächst ein zögerliches „Ja, aber“, das mit der Entwicklung in Gaza immer lauter wurde: Ja, die Toten seien schrecklich, aber das Ganze habe nicht im luftleeren Raum stattgefunden. Als wäre das Enthaupten und Verbrennen von Familien eine naturgesetzliche Reaktion auf „Besatzung“, für die der Täter im Grunde nichts könne. „Kontext“ wurde so nicht zum Mittel der Erkenntnis, sondern zum Instrument der Verantwortungsverschiebung: weg von den Tätern, hin zu Israel. Am sichtbarsten wurde dies im Umgang mit der sexualisierten Gewalt. Wo man eine klare Abgrenzung erwartet hätte – dies ist Gewalt, dies ist Erniedrigung, dies ist unverhandelbar –, wurde sie geräuschlos relativiert, geleugnet oder im Rahmen der „Kontext“-Großabsolution aufgelöst.
2. Linker Antisemitismus
Um das Verhältnis vieler „Linker“ gegenüber Israel nach dem 7. Oktober 2023 zu verstehen, hilft zunächst ein Rückblick auf den 27. Juni 1976: An diesem Tag wurde die Air-France-Maschine (Flug 139) auf dem Weg von Tel Aviv nach Paris entführt. Dies markiert den historischen Moment, in dem der „Antizionismus“ seine Unschuld endgültig verlor. Ein Kommando der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) und der deutschen Revolutionären Zellen (RZ), namentlich Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, kaperten das Flugzeug und leiteten es nach Entebbe in Uganda um. Dort, im Terminal des Flughafens, führten die deutschen Terroristen eine „Selektion“ durch. Sie trennten die jüdischen Passagiere von den nicht-jüdischen. Während die nicht-jüdischen Geiseln freigelassen wurden, mussten die jüdischen Geiseln – darunter viele Holocaust-Überlebende mit tätowierten Nummern auf ihren Unterarmen – unter Bewachung und Todesdrohungen zurückbleiben. Es war die faktische Wiederholung nationalsozialistischer Praxis unter dem Banner des „Antiimperialismus“.
In dieser Lesart waren die jüdischen Passagiere keine Opfer rassistischer Gewalt, sondern legitime Ziele im Kampf gegen das globale Kapital. Wilfried Böse soll einer jüdischen Geisel, die ihm ihre Tätowierung aus dem KZ zeigte, gesagt haben:
„Ich bin kein Nazi, ich bin Idealist.“
Bezeichnender als die Tat der Terroristen selbst war das mehrheitliche Schweigen der damaligen deutschen Linken, der Sponti-Szene oder der K-Gruppen. Es verfestigte sich ein Abwehrmechanismus, der bis heute nachwirkt – bis zum 7. Oktober 2023. Die Solidarität mit den Palästinensern, die als die „neuen Juden“ und Opfer des Zionismus konstruiert wurden, diente als psychologische Entlastungsstrategie. Wer sich auf die Seite der vermeintlich Unterdrückten schlug, wähnte sich immun gegen den Vorwurf des Antisemitismus – zumal Israel für große Teile der Linken vor allem eine Projektionsfläche war und ist.
Israel und der Zionismus werden als Verkörperung des westlichen Imperialismus, des globalen Kapitals, der Hochtechnologie und einer abstrakten, globalen Macht wahrgenommen. Israel wird als künstliches Gebilde, als „fremder Körper“ im Nahen Osten betrachtet. Die Palästinenser hingegen repräsentieren in dieser Weltsicht das „Konkrete“, das Bodenständige, das Autochthone, die „Unterdrückten“, das „Volk“.
Wenn Judith Butler und andere Intellektuelle den 7. Oktober als „bewaffneten Widerstand“ bezeichnen, folgen sie genau dieser Logik des vulgären Antikapitalismus: Der Angriff auf Israel wird nicht als antisemitisches Pogrom verstanden, sondern als legitimer Schlag gegen eine imperiale Macht. Die Gewalt gegen individuelle jüdische Körper wird zu einem Schlag gegen das „System“ verklärt. Die Vergewaltigung einer israelischen Frau wird nicht als misogyn und antisemitisch verurteilt, sondern als bedauerlicher Kollateralschaden im Kampf gegen den „Siedlerkolonialismus” relativiert.
Die theoretischen Rechtfertigungen mögen abstrus sein – umso schlimmer sind jedoch die Allianzen, zu denen sie auf der Straße führten und führen. Was sich in vielen Großstädten nach dem 7. Oktober abgespielt hat, war meist kein legitimer Protest gegen ziviles Leid in Gaza, sondern die Zelebrierung von Gewalt und die Manifestation eines aggressiven Antisemitismus.
Da marschierten Gruppen wie „Queers for Palestine“ und die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden“ Seite an Seite mit Islamisten, die offen die Errichtung eines Kalifats forderten oder die Hamas unterstützten. Rufe wie „Yallah Intifada“, „Kindermörder Israel“, „Tod Israel“ und „From the River to the Sea“ waren Aufrufe zu antisemitischer Gewalt. Das inzwischen verbotene Netzwerk „Samidoun“ verteilte am 7. Oktober auf der Sonnenallee in Berlin Süßigkeiten (Baklava), um das Massaker zu feiern. Synagogen wurden mit Molotowcocktails beworfen (Berlin-Mitte), Wohnhäuser mit Davidsternen markiert (wie in der NS-Zeit) und jüdische Studenten an Universitäten bedroht und verprügelt.
An vielen Orten kam es zu einer Allianz von Islamismus und „Antiimperialismus“, d.h. zu einem Verrat an den Werten der Aufklärung, des Feminismus und des Säkularismus mit gravierenden Folgen. Unter dem Deckmantel der „Israelkritik” entstand ein Klima der Angst für Jüdinnen und Juden in Deutschland.
Besonders schlimm und zugleich entlarvend war die Forderung „Free Palestine from German Guilt“. Sie zeigt, wie der heutige Antisemitismus funktioniert: Schuldabwehr durch Projektion und Entlastung durch Täter-Opfer-Umkehr. Wenn Israel als „neue Nazis“ dargestellt wird, kann man die eigene Geschichte reinigen. Die Täter von gestern erscheinen weniger schlimm und die Opfer weniger unschuldig.
3. Vulgärer „Marxismus”
Vieles im gedanklichen Kosmos der „Linken” ist mit Karl Marx verbunden, so auch der „linke” Antisemitismus. Zwar ist Marx nicht der Ursprung des „sozialrevolutionären“ Antisemitismus, aber er hat einige grundlegende Topoi geliefert.
So schrieb Karl Marx in „Zur Judenfrage“:
„Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.“
Mit dieser Gleichsetzung von „Judentum“ und Geldverkehr sowie von „Juden“ als Sinnbild für „Schacher“ und Geldmacht bediente Marx die antisemitischen Stereotypen seiner Zeit. Zwar ist er in „Das Kapital“ davon abgerückt und hat das „Judentum“ nicht mehr als Ursache des Kapitalismus gesehen, wie es in „Zur Judenfrage“ teilweise angedeutet wurde, sondern als eine historische Form des Handelskapitals, die in der modernen Produktionsweise aufgeht. Dennoch hat seine frühe Gleichsetzung von Judentum und Geld es erleichtert, Antisemitismus als „Kampf gegen das Finanzkapital“ zu tarnen.
Dies hatte tiefgreifende Folgen, unter anderem für die 68er-Bewegung. Ursprünglich war diese angetreten, um das Schweigen der Vätergeneration über den Nationalsozialismus zu brechen, doch bald verfing sie sich selbst in einem ideologischen Muster, das antisemitische Tendenzen nicht nur duldete, sondern auch theoretisch untermauerte. Auf der Suche nach einer revolutionären Theorie jenseits des stalinistischen Ostblocks und der reformistischen SPD entdeckten die 68er den „jungen Marx“ und „Die Judenfrage“ und damit die Idee, dass eine Emanzipation der Menschheit nur durch die Überwindung des „jüdischen Wesens“, also des Kapitalismus, möglich sei. Anstatt den Kapitalismus als ein personenunabhängiges System der Werteverwertung zu begreifen, wie Marx es später im „Kapital“ ausführte, wurde das Übel in „gierigen“, „spekulativen“ und „parasitären“ Akteuren, idealerweise im „jüdischen“ Finanzkapital, verortet.
Damit wähnte man sich auf der richtigen Seite der Geschichte, reproduzierte jedoch genau jene Stereotype, die historisch immer wieder auf Juden projiziert worden waren.
Das war ein Schock für die geistigen Ziehväter der Bewegung: Theodor Adorno und Max Horkheimer, die die NS-Zeit selbst im Exil in den USA überlebt hatten. In ihrer „Dialektik der Aufklärung“ haben sie den Antisemitismus als zivilisatorisches Grundübel thematisiert, als das „Gerücht über die Juden“. In der Unterscheidung von „raffendem Kapital“ (oft „jüdisch“ konnotiert) und „schaffendem Kapital“ sahen sie eine urfaschistische Unterscheidung. Während viele Studenten im Kampf gegen „Spekulanten“, das „Geldjudentum“ und den „Zionismus“ einen antiimperialistischen Akt sahen, sahen Adorno und Horkheimer darin die Rückkehr genau jenes totalitären Denkens, vor dem sie immer gewarnt hatten. Horkheimer verteidigte den Zionismus und Israel als notwendige Zufluchtsstätte für die Überlebenden der Shoah und sah im aggressiven Anti-Zionismus der Studierenden nichts anderes als den alten Judenhass in neuem, rotem Gewand. Er warnte davor, dass der „linke Faschismus“ (ein Begriff, den später Jürgen Habermas ins Spiel brachte) die gleichen psychologischen Strukturen bediene wie der rechte Faschismus: die Sehnsucht nach Gewalt, Intoleranz und die Suche nach einem Sündenbock.
Als Studenten die Vorlesungen von Theodor Adorno störten und ihm vorwarfen, sich in den „Elfenbeinturm“ zurückzuziehen, prallten zwei mittlerweile unvereinbare Weltbilder aufeinander: Auf der einen Seite standen die Studenten, die mit dem jungen Marx das „Jüdische“ als Metapher für das Negative im Kapitalismus bekämpften. Auf der anderen Seite stand die Kritische Theorie, die nach Auschwitz jede Form von Antisemitismus, auch den „antiimperialistischen“, als absolut inakzeptabel brandmarkte. Letztlich konnten Adorno und Horkheimer die Geister, die sie gerufen hatten, nicht wieder einfangen. Teile der 68er glitten in den Terrorismus ab (RAF, Revolutionäre Zellen) und führten den „Kampf gegen das Geld” bis zur Selektion jüdischer Passagiere in Entebbe im Jahr 1976 fort.
4. Der Altersstarrsinn der 68er
Was die Haltung mancher „68er-Linker“ seitdem kennzeichnet, ist die Unfähigkeit, das eigene Deutungsinstrumentarium an eine veränderte Welt anzupassen – aus Angst vor Identitätsverlust und zum Teil wohl auch aus gedanklicher Bequemlichkeit. Wer sein politisches Selbstverständnis über Jahrzehnte an eine bestimmte Topographie gebunden hat, tut sich schwer, wenn plötzlich die Legende nicht mehr stimmt.
Der Vorteil der klassischen antiimperialistischen Denkweise: Sie ist bipolar: Imperium versus Befreiung, Unterdrücker versus Unterdrückte. Historisch speist sie sich zudem aus realen westlichen Exzessen – Vietnam, Chile, Algerien, Iran. Die Versuchung besteht darin, eine Denkweise, die oft Erklärungskraft hatte, als universelle Schablone zu nutzen. In diese Schablone wurde Israel nach 1967 eingefügt: Es ist westlich, militärisch stark und mit den USA verbündet – also „kolonial“ und „imperial“. Von dort ist es nicht weit zu einer Lesart, die Israel nicht mehr als realen Staat mit realen Bürgern betrachtet, sondern als Manifestation des Imperialismus. Wer nur das sehen will, sieht nicht die jüdische Fluchtbewegung vor europäischer Vernichtung, nicht die Erfahrung von Entrechtung und nicht die Vielfalt einer Gesellschaft mit jüdischen und arabischen Bürgern, mit linken und rechten Milieus, mit inneren Konflikten und Brüchen.
Besonders fatal zeigt sich der Altersstarrsinn dort, wo sich das bipolare Denkmuster scheinbar an die heutige Zeit anpasst – ohne sich allerdings zu verändern. Wo früher der Begriff „Imperialismus“ stand, stehen heute Begriffe wie „Siedlerkolonialismus“ oder „Apartheid“. Solche Begriffe können analytisch etwas leisten, aber wenn sie als Stempel benutzt werden, beenden sie jede Debatte. Der „Westen” steht nur noch für die Ursünde. Wer ihn oder seine Vasallen angreift, gilt per se als Befreier. Dadurch wird das bipolare Denken erstaunlich tolerant gegenüber ultrareaktionären Kräften, solange sie nur antiwestlich auftreten. Islamistischer Totalitarismus erscheint dann nicht als Feind der Freiheit, sondern als „komplizierter Partner“, als Nebenwiderspruch im großen Chor der Befreiung.
Die vielleicht bizarrste Verirrung ist die Allianz queer-feministischer Linker mit ultrareaktionären Islamisten. Nach der Logik „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ wird die Hamas nicht als das gesehen, was sie ist: eine faschistoide, homophobe und patriarchalische Terrorsekte, sondern als legitime Befreiungsbewegung. Wer gegen den amerikanischen Imperialismus kämpft, genießt Narrenfreiheit, selbst wenn er dabei alles mit Füßen tritt, wofür die Linke eigentlich stehen will.
5. Revolutionsromantik
Liefert der Altersstarrsinn die Koordinaten und das analytische Instrumentarium, so liefert die Revolutionsromantik das Pathos. Sie ist die zweite Säule jener Allianz, die nach dem 7. Oktober so irritierend sichtbar wurde. Revolutionsromantik ist die Verklärung des Aufstands als Ausdruck von Identität – unabhängig davon, wofür der Aufstand steht. Sie macht aus Politik das Gefühl, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Das war in den Wochen nach dem 7. Oktober in einer Bildersprache zu sehen, die nicht Trauer, sondern Triumph signalisierte: Symbole, Slogans und grafische Codes, die den Angriff nicht thematisierten, sondern mythisch zur Befreiung überhöhten. Die Kufiya wurde zum modischen Statement, „Globalize the Intifada” und „Genozide” zum rebellischen Sound.
Derartige Revolutionsromantik lebt von einem Missverständnis: Gewalt gilt bereits als Nachweis von Authentizität. Wer Gewalt ausübt, muss es „ernst“ meinen, muss „radikal“ und „real“ sein. Dabei verschwindet die humanistische und demokratische Frage nach den Grenzen der Gewaltausübung aus dem Blickfeld: Was ist legitimer Widerstand? Was ist Terror? Wann bedeutet „Befreiung” Entmenschlichung?
Diese Romantik gedeiht vornehmlich in akademischen Milieus und Metropolen des Westens, wo der Alltag von bürgerlicher Sicherheit geprägt ist, die rhetorisch meist verachtet wird. Der bewaffnete Kampf wird zur Projektionsfläche für eine Sinnsuche, die im eigenen Dasein keine Erfüllung findet. Es ist ein Radikalismus aus zweiter Hand. Dabei greift ein fast automatischer Reflex: die Solidarität mit dem Underdog. Fatalerweise wird die Asymmetrie der Waffen mit einer Asymmetrie der Moral verwechselt. Wer aus dem Tunnel steigt und gegen einen hochgerüsteten Staat kämpft, bedient das archaische Bild von David gegen Goliath so perfekt, dass die Frage nach der Ideologie des David – ist er islamistisch, frauenfeindlich oder homophob? – gar nicht mehr gestellt wird. Das ästhetische Bild des maskierten Kämpfers überstrahlt den politischen Inhalt seiner Ziele. Zudem bedient diese Haltung eine Sehnsucht nach Eindeutigkeit in einer komplexen Welt. Revolutionsromantik duldet keine Ambivalenz. Sie teilt die Welt grob vereinfachend in Unterdrücker und Unterdrückte, in Weiß und Schwarz, in Kolonialherren und Indigene. In diesem binären Schema stören Grautöne nur. Dass Zivilisten massakriert wurden, passt zwar nicht so ganz in das Heldenepos des „Befreiungskampfes“, wird deshalb entweder als notwendiges Übel rationalisiert oder als Propaganda des Gegners abgetan. Empathie gilt nur noch dem Kollektiv, das man als revolutionäres Subjekt auserkoren hat; dem individuellen Opfer auf der „falschen“ Seite wird keine Beachtung geschenkt. Die Revolutionsromantik erlaubt es, barbarische Akte als historische Notwendigkeit darzustellen und sich dabei nicht als Unterstützer von Terror, sondern als Vorkämpfer einer besseren Welt zu fühlen.
Die Folge ist eine gefährliche Entgrenzung: Wenn Israel primär als „Siedlerkolonialismus“ begriffen wird, dann kann Gewalt gegen Israel problemlos in die Tradition antikolonialer Befreiung eingeordnet werden. Die Opfer des 7. Oktober erscheinen dann nicht als Zivilisten – als Jugendliche auf einem Festival oder Familien in Kibbuzim –, sondern als „Siedler“ und somit als Teil eines strukturellen Unrechtssystems. Damit wird das individuelle Leid unsichtbar gemacht, wenn auch nicht unbedingt geleugnet, so doch entwertet. Grundlegend dabei ist die Täter-Opfer-Umkehr, die Schuldverschiebung auf „Provokation“ und „Kontext“ sowie die Verwechslung von Frieden mit Unterwerfung. Nicht die Täter (Hamas) werden in die Pflicht genommen, die Geiseln freizulassen und den Terror zu beenden, sondern der Angegriffene.
6. Schluss mit dem Lagerdenken!
Es ist an der Zeit, die geistigen Schützengräben zu verlassen. Der 7. Oktober und die darauffolgenden Reaktionen haben gezeigt, dass ein Großteil der Linken an einem toten Punkt angelangt ist. Das Festhalten an den starren Schablonen des Kalten Krieges sowie die Verklärung regressiver Gewalt haben zu einem moralischen Bankrott geführt. Wer heute noch glaubt, den Kampf für Freiheit an der Seite von Islamisten und Autoritären führen zu können, hat nicht nur den Kompass der Aufklärung verloren, sondern zertrümmert ihn auch.
Ein Ausweg aus dieser Sackgasse erfordert den Mut zur Unterscheidung. Das bedeutet, sich von der bequemen Vorstellung zu verabschieden, dass die Welt sauber in „Unterdrücker” und „Unterdrückte” aufgeteilt ist und das „Opfer-Kollektiv” per definitionem moralisch unfehlbar sei. Eine Linke, die diesen Namen verdient, muss zum Universalismus der Menschenrechte zurückfinden. Das bedeutet: Solidarität ist keine endliche Ressource, die man einer Seite entziehen muss, um sie der anderen zu geben. Man kann das Leid der Zivilbevölkerung in Gaza beklagen und Netanjahus Politik scharf kritisieren, ohne dabei das Existenzrecht Israels infrage zu stellen oder den Terror der Hamas zu relativieren. Emanzipation ist unteilbar. Sie gilt für die Palästinenserin in Gaza genauso wie für die Festivalbesucherin in der Negev-Wüste. Wer jedoch im Namen des „Antiimperialismus” über vergewaltigte Frauen und entführte Kinder hinwegsieht oder sie gar als „notwendige Opfer” verbucht, betreibt keine Befreiungspolitik, sondern Affektmanagement auf Kosten der Menschlichkeit. Die deutsche Linke muss grundlegende Selbstkritik betreiben, wenn sie noch eine Existenzberechtigung haben will. Das mag schmerzhaft sein, ist aber unumgänglich. Sie muss erkennen, dass „Antisemitismus” nicht nur ein Problem „der anderen” – der Rechten oder der Islamisten – ist, sondern tief in den eigenen theoretischen Traditionen und reflexhaften Schuldabwehrmechanismen wurzelt.
Die Warnungen Adornos und Horkheimers sind aktueller denn je: Wer den Kapitalismus oder Imperialismus bekämpfen will, aber beim „Juden” landet, hat die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht verstanden. Nur eine Linke, die den Mut hat, ihre eigenen Mythen zu zertrümmern, kann ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Der 7. Oktober bietet dafür die – vermutlich letzte – Chance. Allerdings müssen die richtigen Schlüsse daraus gezogen werden.
Aber sicher ist das nicht.
–> Zum Blog des Autors
–> Der 7. Oktober, die Stadt und das Leben – Ein Film von Walter L. Brähler



.S.: Den minoritären Linken jüdischer Prägung in der europäischen Diaspora sei zugutegehalten, dass ihre Selbsttäuschung im vergeblichen Glauben an das “kleinere Übel” bestand bzw. im Trugschluss vom “Entkommen” – angesichts der Bedrohung von rechts. Die Selbsthass-These fand ich bei den oftmals so sympathischen Linken jüdischer Herkunft immer abwegig.
Zum Trugbild vom Verschont-Bleiben:
https://docs.google.com/document/d/1a__PX2lp_e19DXy18n9eCWCFerlGDkt1-xEiFAktuxY/edit
Bitte um Nachsicht und biete fehlerbereinigte Fassung meines Kommentars:
https://docs.google.com/document/d/1nOA0pgABlOcXpd9JJ1QH6n8QOK81iSwazu9l-OZIwVM/edit
Zur pers. Bibliografie hinsichtlich Linke + Antisemitismus:
https://docs.google.com/document/d/1pLiLEIYgK8f-25mDGdqfF_SZgum1RTvYHne6uFVI-C4/edit
INDEX zur Chronik des Hasses gg. Juden
https://docs.google.com/document/d/1O15JOH9YcMQ4l-QuRwtvx2UliZZQqSmOighzcLT1aBE/edit
Selber zu lange in Teilen des linken „Affektmanagements“ aktiv, verdanke ich immerhin meine unbedingte Solidarität mit jüdischem Leben in Israel und Diaspora der Mahnung eines vorgesetzten Berufskollegen mit eher liberal-konservativer, christlich geprägter Haltung im frühen Erwachsenenalter.
Seither sprechen meine Erfahrungen als sog. Linker in und ausserhalb der Gewerkschaft samt und sonders für die These, dass jedwede politisch organisierte Linke in Europa (und namentlich im post-nazistischen Deutschland) die Segnungen des „universalen Menschenrechts“ von Anbeginn ausnahmslos für die Gegner jüdischen Lebens geltend zu machen pflegten.
Die Rigorosität dieser Atitude wurde seit der Shoah zunehmend gesteigert bzw. durch bizarre, ahistorische Konstrukte wie den Postkolonialismus ausgeschmückt – lange vor dem 7. Oktober, wie aus meiner Bibliografie ersichtlich. Insofern scheinen mir die durchaus richtigen Schlussfolgerungen von Herrn Brähler zuzutreffen. Für unzutreffend halte ich seine Annahme, das Hamas-Gemetzel vom 7. Oktober, die Kriegshandlungen von Hisbollah, Huthis, Iran, Islamischen Jihad usw. seien „eine letzte Chance“ für deutsche/europäische Linke zum Einlenken oder gar Umdenken gewesen.
Grund dafür dürfte jenes christlich geprägte Kernelement linker Ideologie sein, das zum einen jeden erdenklichen Selbstbetrug und zum anderen jede
noch so uneinlösbare, irreale Proklamation im Sinne des Vortäuschens jeweiliger Realität beinhaltet. Warum eigentlich hat die politisch organisierte Linke stets und ständig die Einsichten von Adorno, Horkheimer, Marcuse usw. missachtet, warum denn nur? Weshalb konnten die organisierten Linken überhaupt und dermassen perfekt sich anschlussfähig erweisen für gewalttätigste muslimische „Befreier“ und mit selbigen jahrzehntelang kooperieren, nach München 1972, nach 9/11, nach dem Abzug der IDF aus Gaza 2015 usf.?
Namentlich die Linksdeutschen haben aus meiner Sicht unwiderruflich bewiesen, dass ihre Grundlagen, Ziele und Organisationen in erster Linie dem geselligen Betrug auf Gegenseitigkeit dienen. Gesellig hiess und heisst hier fraglos der kollektive Abwertung und Diskriminierung jüdischen Lebens. – Somit überrascht es nicht, dass linken Denk- bzw. Affektmanagements sich in so vielerlei Hinsicht und so hohem Mass mit den muslimischen Pendants ähneln, dieweil das jeweilige Kernelement, sei es christlich oder muslimisch geprägt, in der strikten Abgenzung, in der Verleumdung, in der gegen das historisch viel ältere Judentum wurzelte. Daher die heutige globalisiserte, chrislamisch rabbiatisierte Calumnia.
So nett die Herrn Brählers Einladung an (uns oder euch) Linke klingen mag, nun doch bitte sehr die letzte Chance wahrzunehmen, so sehr gleicht diese Sentenz jener „Träne im Ozean“, von der Manès Sperber uns dereinst geschrieben hat.
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