„Eine ehemalige Synagoge ist nicht nur kommunales Eigentum“

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© Superbass / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)

Im Sommer war in der ehemaligen Synagoge Stommeln ein Kunstprojekt zu sehen, das bei jüdischen Besuchern großes Unwohlsein hervorrief. Olaf Nicolai hatte für die Synagoge „eine ortsspezifische Performance entwickelt, die von einem Zitat aus dem Talmud inspiriert ist – Ein ungedeuteter Traum ist wie ein ungelesener Brief (Berachot 55a)“, heißt es zum Projekt, das die Bedeutung der Kommunikation reflektiert. Sänger und Sängerinnen performten audio-visuelle Interventionen „im Zusammenspiel mit Brieftauben und führen auf poetische Weise vor, was es bedeutet, einen Brief zu lesen.“

Das hört sich wunderbar an und Olaf Nicolai hatte bestimmt auch keinerlei ungute Absichten. Das Ergebnis war trotzdem ein anderes. Zu hören waren animalische Geräusche und Jammern, die vorsichtig gesagt sehr unangenehme Assoziationen freisetzten. Assoziationen von Verfolgung, von Pogrom. Von finsteren Zeiten. Das hören jüdische Ohren. Auch wenn es nicht beabsichtigt war, das sind die Assoziationen, die bei der Performance aufkamen. Denn immerhin befindet man sich ja in einer ehemaligen Synagoge, in einem jüdischen Kontext. Aber darauf möchte scheinbar niemand Rücksicht nehmen in Pulheim. Gesprächsangebote wurden zumindest nicht angenommen. 

Der Künstler Boaz Kaizman, der die einst renommierten Kunstprojekte in der ehemaligen Synagoge wiederbeleben möchte und dazu auch die Initiative „Synagoge Stommeln – Wiederbelebung des jüdischen Erbes“ gründete, hatte das Gespräch mit der Stadt gesucht. Vergeblich, bis heute.

Immerhin, die Performance veränderte sich, Beobachter bemerkten eine „bewusste Anpassung“: „Die animalischen oder onomatopoetischen Elemente fehlten; Hinweise auf Kantorengesang und rituelle Geste traten hervor. Kurze sprachliche Bausteine wurden in die Performance integriert. Das war bewegend – und es räumte stillschweigend ein: Kontext ist bedeutsam; Klang trägt Geschichte; man hat eine Wahl“, so Kaizman. Ein Eingeständnis der Stadt gibt es trotzdem nicht. „Statt „Wir hören Sie“ zu sagen, verwies man auf meine Rolle in einer Initiative in Gründung, so als könne Motivzuschreibung die Tatsache tilgen, was sich in einem sakralen Raum ereignet hatte.“

Die Initiative, die er vertrete, werde teils als Eindringling dargestellt, der Kontrolle anstrebt, wundert sich Kaizman. Dabei hat die Initiative das aufrichtige Anliegen, die jährlichen Künstlerprojekte, für die die Synagoge Stommeln bis zur Corona-Krise bekannt war, wiederzubeleben, aktives jüdisches Leben zu integrieren und eine digitale Transformation voranzutreiben. Zu den Zielen der Initiative gehöre auch, Fehler wie in dieser Performance frühzeitig zu erkennen, ihnen vorzubeugen und sie – wo nötig – zu korrigieren. Das sei keine feindliche Übernahme, so Kaizman, es sei vielmehr eine Einladung, Verantwortung zu teilen. „Eine ehemalige Synagoge ist nicht nur kommunales Eigentum; sie ist im tieferen Sinn dem jüdischen Gedächtnis entliehen. Das Einverständnis des Eigentümers darf nicht zum Schutzschild für den Eigentümer werden.“

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