Silvia-Tennenbaum-Stipendium 2026 an Arndt Emmerich und Dana von Suffrin

0
203
Silvia Tennenbaum, 2012, Foto: Dontworry / CC BY_SA 3.0

Um der weltweiten Zunahme von antisemitischem Denken und Handeln zu begegnen, hat die Hertie-Stiftung in diesem Jahr erstmals das Silvia-Tennenbaum-Stipendium ausgeschrieben. Es richtet sich an Autorinnen und Autoren, die sich mit den Themen Antisemitismus und Erinnerungskultur beschäftigen.

„Die außergewöhnliche Qualität und Vielfalt der eingereichten Projekte hat uns tief beeindruckt“, erklärt Vorstandsvorsitzende Annette Schavan. „Aufgrund der Relevanz und Vielschichtigkeit des Themenfeldes haben wir uns entschieden, im ersten Projektjahr zwei Stipendien zu vergeben. Die ausgewählten Stipendiaten ergänzen sich inhaltlich wie künstlerisch auf bemerkenswerte Weise und verdeutlichen das breite Spektrum an Perspektiven und Ausdrucksformen, das der Themenkomplex ermöglicht.“

Zwei Stipendien für 2026

Die Stipendien gehen an Arndt Emmerich und Dana von Suffrin. Die beiden Stipendiaten werden im Jahr 2026 über sechs Monate gefördert und halten sich einen Teil dieser Zeit in Frankfurt auf.

Forschung zu jüdisch-muslimischen Begegnungen

Der Kultursoziologe Dr. Arndt Emmerich, Junior Professor an der University of Hertfordshire in England, wird das Stipendium nutzen, um sich mit urbanen Begegnungen zwischen Juden und Muslimen in Frankfurt und London zu beschäftigen.

Jury-Mitglied Stefanie Kreyenhop betont: „Seine wissenschaftliche Exzellenz verbindet sich mit der Fähigkeit, komplexe Erkenntnisse in einen breiteren gesellschaftlichen Dialog einzubringen. Besonders beeindruckte seine Haltung, geprägt von Ernsthaftigkeit, Empathie und intellektueller Aufrichtigkeit. Damit verkörpert er in herausragender Weise den Anspruch des Silvia-Tennenbaum-Stipendiums.“

Ein filmisches Erinnerungsprojekt zu Philipp Auerbach

Die Schriftstellerin Dr. Dana von Suffrin wird das Stipendium nutzen, um ein Drehbuch über die Lebensgeschichte von Philipp Auerbach zu schreiben. Auerbach überlebte als Jude den Holocaust und wurde 1946 in Bayern zum Staatskommissar für rassistisch, religiös und politisch Verfolgte – ein Amt, das er äußerst engagiert ausübte, bis er aufgrund einer antisemitischen Hetzkampagne zu Unrecht verurteilt wurde und sich daraufhin das Leben nahm.

„Die Jury zeigte sich von diesem Beitrag zur Erinnerungskultur begeistert, der einem breiten Publikum Einsicht in ein tragisches Schicksal ermöglicht und an diesem historischen Fall die fatalen Wirkungen von Hassrede und Diffamierung veranschaulicht“, begründet Prof. Dr. Maximilian Benz die Entscheidung der Jury.

Mehr zum Thema:
https://www.ghst.de/silvia-tennenbaum-stipendium

Über die Namensgeberin

Silvia Tennenbaum wurde 1928 in Frankfurt am Main geboren. Ihr Vater Erich Pfeiffer-Belli war Journalist, ihre Mutter Charlotte Stern entstammte einer alteingesessenen Frankfurter jüdischen Familie. Einige ihrer Verwandten prägten das kulturelle Leben der Stadt maßgeblich: So waren Großonkel von ihr Förderer der Gründung der Frankfurter Goethe-Universität und des Städel-Museums. Über ihren Großvater Richard Stern war Silvia Tennenbaum mit Otto Frank, dem Vater von Anne Frank, verwandt.  

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 bedrohte der wachsende Antisemitismus die Familie zunehmend. 1936 verließ sie Deutschland in Richtung Schweiz, 1938 folgte die Emigration in die USA. Silvia Tennenbaum besuchte in New York die Schule. Später studierte sie Kunstgeschichte an der Columbia University. 1951 heiratete sie den angehenden Rabbiner Lloyd Tennenbaum und bekam drei Söhne mit ihm. In den 1960er Jahren engagierte sie sich aktiv für Bürgerrechte und Frieden; gemeinsam mit ihrem Mann protestierte sie gegen Rassendiskriminierung und den Vietnamkrieg und unterstützte soziale Initiativen, etwa für die Rechte von Farmern und Migranten.  

Silvia Tennenbaums literarischer Erfolg begann, als ihre Kurzgeschichte „Das Geräusch der Grillen“ 1962 in die von Richard Yates herausgegebene Sammlung „Stories for the Sixties“ aufgenommen wurde. Sie hatte schon regelmäßig in Zeitungen und Magazinen publiziert, als ihr erster Roman „Rachel, die Frau des Rabbis“ 1979 erschien. Die Geschichte einer Rabbiner-Ehefrau in einer provinziellen US-Gemeinde erregte in den USA großes Aufsehen und wurde zum Bestseller. 1981 erschien „Straßen von gestern”, ihr Schlüsselroman über das Schicksal einer deutschen jüdischen Familie von der Kaiserzeit über die Weimarer Republik bis in die Jahre der nationalsozialistischen Verfolgung – ein wichtiger Beitrag zur deutschen Erinnerungskultur. Die späte Kurzgeschichte „Ein anhaltender Tod“, angelehnt an die letzten Monate ihrer Tante Gertrude Ritz, die 1934 nach Basel emigriert war, wählte Joyce Carol Oates 1979 unter die „Best American Short Stories“.

Obwohl Silvia Tennenbaum den größten Teil ihres Lebens in den USA verbrachte, blieb die Bindung an ihre Geburtsstadt Frankfurt bestehen. Seit 1983 kam sie regelmäßig dorthin zurück, knüpfte Kontakte in der Frankfurter Kulturszene und engagierte sich in der Erinnerungsarbeit vor Ort.  

2016 starb Silvia Tennenbaum in den USA. Für ihren Beitrag zur Aufarbeitung der deutsch-jüdischen Geschichte wurde sie 2012 mit der Goethe-Plakette des Landes Hessen ausgezeichnet.