Anarchismus und Antisemitismus

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Auch unter Anarchisten gab und gibt es Antisemitismus, nicht erst seit dem 7. Oktober 2023, wie ein „Anarchistische Scheidewege“ betitelter Sammelband veranschaulicht. Autoren aus diesem politischen Spektrum fragen, wie es angesichts eines egalitären und herrschaftsfreien Selbstverständnisses dazu kommen konnte.

Von Armin Pfahl-Traughber

Michail Bakunin bediente sich gegen Juden rassistischer Stereotype, Pierre-Joseph Proudhon schwelgte in antisemitischen Vernichtungsphantasien. Damit machten gleich zwei bedeutende anarchistische Denker ihre Judenfeindschaft deutlich, indessen in beiden Fällen in nicht veröffentlichten Texten. Wohlmöglich war den Genannten beim Reflektieren aufgefallen, dass dies nicht zur Herrschaftsfreiheit als deren politischem Ideal passte. Heute stellen Anarchisten nur eine kleine Minderheit im allgemeinen linken Spektrum dar. Gleichwohl setzte auch ebendort eine Debatte zum 7. Oktober 2023 ein, welcher sowohl als antisemitisches Pogrom gedeutet wie als antiimperialistische Widerstandshandlung verklärt wurde. Letzteres veranschaulichte auch für die Gegenwart eine dort bestehende judenfeindliche Haltung. Angesichts dessen sollten Abhandlungen in einem Sammelband dazu Stellungnahmen präsentieren. Gemeint ist „Anarchistische Scheidewege. Zum Verhältnis von Anarchismus und Antisemitismus“, herausgegeben von Frederik Fuß.

Die 15 Beiträge sind in Form und Inhalt ganz unterschiedlich. Es geht mal um persönliche Betrachtungen und kurze Thesenpapiere, es geht mal um reflektierte Erörterungen und zugespitzte Positionierungen. Dabei reichen die Fragen zurück in die Geschichte, widmen sich aber auch gegenwärtigen Kontroversen. Alles ist auf das eigene politische Lager fixiert, was aber dem Titel entspricht. Am Beginn stehen Betrachtungen von Olaf Briese zum „frühanarchistischen Antisemitismus“, wozu auch Wilhelm Marr und Richard Wagner gerechnet werden. „Antisemitismus“ geht als Begriff auf den Erstgenannten zurück, dem ebenso wie dem weltberühmten Komponisten zeitweise ein anarchistisches Selbstverständnis eigen war. Danach folgen Blicke auf Kibbuzim-Erfahrungen, die aber nur wenig mit der Kernthematik des Sammelbandes zu tun haben. Darum geht es wieder mehr in den anschließenden Beiträgen, die sich mitunter auch kritisch auf bekannte israelfeindliche Autoren wie Judith Butler oder Noam Chomsky beziehen.

Die eigentliche Fragestellung, wie eben Anarchismus und Antisemitismus zusammenkommen konnten, wird indessen nur selten systematischer einer Untersuchung unterzogen. Frederik Fuß verweist dabei auf den israelischen Staat, der von Anarchisten wie jeder andere Staat als künstlich abgelehnt werde. Berechtigt sieht er bei der Betonung eine künstlichen gegen eine natürliche Lebensform einen Verbindungspunkt, der vom Anarchismus dann auch zum Antisemitismus gewisse Übergangsmöglichkeiten schafft. Ein anderer Beitrag von Tim Gambke widmet sich der „ausbleibenden Kritik des Antisemitismus im zeitgenössischen Anarchismus“, wobei auf die Einflüsse von Identitätspolitik und Postkolonialismus verwiesen wird. Genauer auf einzelne Faktoren geht Gerhard Hanloser ein, der dabei explizit „Antiintellektualismus, autoritär-rebellische Religionskritik, Antisemitismus, Pseudoantikapitalismus“ identifiziert. Damit werden einige relevante Gesichtspunkte benannt, welche eine anarchistische Judenfeindschaft erklären könnten.

Man merkt den meisten Autoren durchaus ein glaubwürdiges Ringen damit an, den Antisemitismus in den eigenen Reihen zu problematisieren. Es wird auch auf die Geschichte zurückgeblickt, wobei aber die einleitend genannten „Klassiker“ nicht kritisch untersucht werden. Lediglich zeitweilige Anarchisten sind das Thema. Demgegenüber gab es auch bekannte Anarchisten, die sich dezidiert gegen den Antisemitismus stellten. Ein Beispiel dafür war Rudolf Rocker. Darüber hinaus entstammten nicht wenige Akteure, insbesondere von den Autoren, jüdischen Familienkontexten. Gerade dieser Gesichtspunkt macht deutlich, dass Judenfeindschaft nicht kontinuierlich vorhanden war. Die grundlegende Frage, warum dies aber bei manchen Protagonisten anders war und ist, mündet nicht in einem erklärenden Zuschnitt. Es bleibt auch bei den meisten Autoren bei allen distanzierenden Bekenntnissen gegen Judenfeindschaft offen, welche Einstellungen sie zu antisemitischen Personen und Positionen in den eigenen Reihen künftig einnehmen wollen.

Frederik Fuß (Hrsg.), Anarchistische Scheidewege. Zum Verhältnis von Anarchismus und Antisemitismus, Moers 2025 (Syndikat-A), 196 S., Euro 12,90, Bestellen?