Lauter Hass – Antisemitismus als popkulturelles Ereignis

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Maria Kanitz und Lukas Geck legen eine beachtenswerte Monographie vor, die auf das Bestehen von judenfeindlichen Codes Metaphern eben auch in der etablierten Popmusik verweist.

Von Armin Pfahl-Traughber

Antisemitismus in musikalischer Form gibt es nicht nur im „Rechts-Rock“, also von Bands aus dem Neonazismus mit eher geringer Reichweite. Antisemitismus hat auch zunehmend einen Ort in der etablierten Popmusik gefunden. Dort werden judenfeindliche Auffassungen indessen nicht in der Deutlichkeit wie im „Rechtsrock“ vertreten, eher arbeitet man mit einschlägigen Codes, Metaphern und Symbolen. Ein Xavier Naidoo sang etwa irgendetwas über „Rothschilds“, ein Davidsstern auf einem Luftballen-Schwein war mit Roger Waters verbunden. Direkte Ausführungen über „die Juden“ gingen damit nicht einher, die gemeinten Botschaften wurden aber von entsprechend Eingestellten sehr wohl verstanden. Dabei handelt es sich nicht um Ausnahmen, nehmen solche Entwicklungen doch immer mehr zu. Darauf machen Maria Kanitz und Lukas Geck, eine Politikwissenschaftlerin und ein Sozialwissenschaftler, aufmerksam. Ihr gemeinsames Buch ist mit „Lauter Hass. Antisemitismus als popkulturelles Ereignis“ überschrieben.

Die beiden Autoren legen keine systematische Studie zum Thema vor. Eher machen sie an einzelnen Beispielen, die dann eine genauere Deutung erfahren, den gemeinten Trend deutlich. Dabei wirkt die Darstellung etwas fragmentarisch und unstrukturiert, überzeugt aber gleichwohl mit den präsentierten Fallbeispielen. Ihr Ergebnis lautet in eigenen Worten formuliert: „Hat die Popmusikwelt ein Antisemitismus-Problem? In der Vergangenheit kam es zu so vielen antisemitischen Vorfällen, dass man diese Frage mit Ja beantworten muss. Sei es in Songtexten, auf der Bühne, abseits der Bühne in den sozialen Meiden, durch das Unterschreiben von Boykottbriefen, Konzertabsagen, das unter Druck setzen von Festivalmacher:innen – die Facetten, wie einzelne Popmusiker:innen ihren als Gesellschaftskritik getarnten Antisemitismus zelebrieren, sind manigfaltig“ (S. 117). Das damit konkret Gemeinte wird dann anhand von vielen Fallbeispielen in den einzelnen Kapiteln auch anhand durchaus prominenter Musiker aufgezeigt.

Bekannt wurde in Deutschland etwa der Fall des Gangsta-Rappers Kollegah, auch ein Rapper war es in den USA mit Kanye West. Doch diese Beispiele stehen als antisemitischer Eisberg allenfalls für die Spitze, denn unterhalb dieser Ebene gibt es noch viel mehr Fälle. Die Autoren veranschaulichen dies anhand vieler Fälle, wobei die Kapitel durch die jeweiligen Orte strukturiert sind. Zunächst geht es um Boykottforderungen gegen Israel, wobei der BDS-Einfluss auf den Musikbereich erkennbar ist. Danach stehen einschlägige Codes in den Liedtexten im Zentrum. Dem folgen „antisemitische Erlösungserlebnisse“ bei Konzerten. Und schließlich fällt der Blick auf die Darbietungen in sozialen Medien. Indessen darf man wohl nicht von einer antisemitischen Einstellung bei allen genannten Fällen sprechen, kann es doch unabhängig davon schlichte Konspirationsvorstellungen zum Weltverständnis geben. Auch diese legen angesichts der latenten Existenz einschlägiger Verschwörungsideologien indessen nahe, dass damit traditionelle Formen judenfeindlicher Stereotype gemeint sind.

Die Autoren differenzieren auch bei ihren Deutung, wofür folgende Aussagen als Beispiel stehen: Sie wollen „betonen, dass Musiker:innen nicht automatisch Antisemit:innen sind, wenn sie Briefe unterzeichnen oder rote Pins bei Oscar-Verleihungen tragen. Es besteht nach wie vor die Möglichkeit, dass sie Solidarität für eine Bevölkerungsgruppe bekunden möchten, deren Situation ohne Frage unerträglich ist … Solange die Hass nicht explizit adressiert wird müssen sich Musiker:innen, die Initiativen wie ‚Musicians for Palestine‘ oder ‚Artists for Ceasefire‘ unterstützen, den Vorwurf gefallen lassen, dass sie die Ideologie oder die Taten von Terrorgruppen unterstützen“ (S. 123). Den Autoren kommt das Verdienst zu, auf derartige Entwicklungen mit kritischer Note aufmerksam gemacht zu haben. Am Ende nennen sie auch kurz einige Musiker, die gegen diese Entwicklungen mit öffentlichen Statements vorgegangen sind. Gleichwohl fehlt immer noch die breitere kritische Aufmerksamkeit für dieses problematische Phänomen. Diesbezügliche Aufklärung fördert das Buch.

Maria Kanitz/Lukas Geck, Lauter Hass. Antisemitismus als popkulturelles Ereignis, Berlin 2025 (Verbrecher-Verlag), 160 S., Euro 20,00, Bestellen?

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