„Wir müssen daran arbeiten, dass dieser Hass verschwindet“

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Palästinensische Jugendliche in der Nähe von Nablus, Foto: Almonroth / CC BY-SA 3.0

Der palästinensische Sozialwissenschaftler Dr. Ahmed Albaba über die Demokratisierung der palästinensischen Gesellschaft und die Bedeutung des Kampfes gegen Antisemitismus und Antizionismus

Das Interview führte die Historikerin Dr. Verena Buser im Sommer 2025 in Berlin.

Verena Buser: Lieber Ahmed, ich freue mich sehr, dass Du hier bist. Kannst Du Dich bitte vorstellen?

Ahmed Albaba: Ja. Mein Name ist Ahmad Albaba. Ich bin geboren und aufgewachsen in einem sogenannten Flüchtlingslager im Westjordanland, aber ich bevorzuge die Bezeichnung Judäa und Samaria aus einem guten Grund. Darauf kann ich eingehen, wenn gewünscht ist. Und ich habe dort studiert, Psychologie, und dann bin ich nach Deutschland gekommen. In Deutschland habe ich meinen Magister gemacht und habe promoviert in Sozialwissenschaften. Schwerpunkte meiner Forschung sind das Kollektivgedächtnis palästinensischer Familien in den Flüchtlingslagern im Westjordanland. Aber ich war auch aktiv in mehreren Forschungsprojekten in Israel und im Westjordanland und auch in Jordanien.

Durch meine Forschungsarbeit fand bei mir ein Perspektivwechsel statt. Ich habe über meine Biografie reflektiert, über meine Geschichte und mir die Frage gestellt: Was hindert uns Palästinenser, eine Demokratie zu haben? Und ich kam zum Ergebnis, dass es zwei Denkweise gibt in den palästinensischen Communities. Oder besser gesagt zwei Projekte. Das erste Projekt ist ein Entwicklungsprojekt, d. h. man kümmert sich um das Alltagsleben. Man will normale Dinge wie einen guten Beruf und eine gute Familie, ein gutes Haus und so weiter. Man will die Gesellschaft entwickeln und ein normales Leben führen.

Andererseits gibt es aber auch ein anderes Projekt. Ich nenne das das Widerstandsprojekt bzw. diese Bezeichnung ist bekannt, und das basiert auf der „palästinensischen Sache“. Ziel ist es, Palästinenser zu befreien von den Juden. Mit anderen Worten: Es zielt auf Kampf und beruht auf einer Hassideologie, auch gegen den Westen, vor allem aber gegen Israel, gegen Juden und gegen den Zionismus.

Durch meine Forschung, aber auch durch meine Reflexion über meine Geschichte, Biografie und die Geschichte meiner Familie, bin ich überzeugt, dass das zweite Projekt ein großes Hindernis für eine Demokratisierung der palästinensischen Gesellschaft im Westjordanland und im Gazastreifen ist. Und ebenfalls ein großes Hindernis für die Säkularisierung und Modernisierung der palästinensischen Gesellschaft. Wichtig ist mir zu betonen, dass ich niemanden verletzen möchte, wenn ich sage, die „palästinensische Sache“ ist ein Hindernis für uns Palästinenser. Eigentlich möchte ich damit sagen, dass wir Palästinenser jetzt eine große Chance haben, uns zu befreien von diesen Ideologien und auch unsere Gesellschaft zu modernisieren, zu säkularisieren und zu demokratisieren. Aber dafür müssen wir auf diesen Kampf verzichten, auf dieses Widerstandsprojekt, was auch ein Terrorprojekt ist.

Meine Erfahrung zeigt mir, dass solche Aussagen viele Palästinenser verletzen. Sie fühlen sich angegriffen, wenn man das sagt. Aber es ist eigentlich im Grunde genommen nicht gegen Palästinenser oder gegen jemanden. Es ist ganz zum Gegenteil. Es ist für Palästinenser, für die palästinensische Gesellschaft. Ich wünsche dieser Gesellschaft das Beste und möchte dafür etwas tun. Meine Worte und mein Handeln sind mein Beitrag dazu. Man ist so gefangen in dieser Tradition der „palästinensischen Sache“. Es ist wie eine Religion. Man handelt nicht immer zweckrational, sondern wertrational. Und wenn man wertrational handelt, besteht die Gefahr, dass das Auskommen, also die Ergebnisse nicht im Sinne des Eigeninteressens sind. Aber mein Ansatz ist, dass wir zweckrational denken, pragmatisch denken und dadurch können wir unsere Gesellschaft modernisieren und demokratisieren.

Verena Buser: Kannst du mir erklären, inwiefern die „palästinensische Sache“ die Demokratisierungs- oder Säkularisierungsprozesse behindert?

Ahmed Albaba: Die „palästinensische Sache“ entsteht durch die arabische Welt. Und die Vertreter dieser „palästinischen Sache“ sind palästinensische Organisationen, die ursprünglich von Arabern gegründet wurden. Also ich meine hier konkret die palästinensische Befreiungsorganisation (PLO). Die wurde 1964 von Gamal Abdel Nasser ins Leben gerufen. Zu diesem Zeitpunkt gab es keine israelische Besatzung. Man wollte gegen das „zionistische Projekt“ kämpfen und vernichten. Das war in den 1960er Jahren; jetzt sind wir im Jahr 2025. Die Sprache hat sich aber nicht geändert. Wir können nicht immer noch so denken, als wären wir in den 1960er Jahren oder in den 1970er Jahren. Wir brauchen eine neue Sprache. Man kann nicht immer wieder vom „Kampf gegen Zionismus“ und „Kampf gegen Israel“, „Kampf gegen Juden“ sprechen, so wie die viele Fraktionen der von PLO aber auch des politischem Islam. Das ist ein großes Hindernis, weil die junge Generation strebt nicht nach Wohlstand, Fortschritt, nicht nach wirtschaftlichen Zielen, nicht nach Karriere, nicht nach Sachen, die in der westlichen Welt normale Sachen sind, sondern die neuen Generation strebt als Folge nach Kampf gegen Zionismus, Kampf gegen Israel, Kampf gegen die Juden.

Dieser Kampf findet auf verschiedenen Ebenen statt, auch durch intellektuelle Palästinenser. Akademiker, Künstler, alle beteiligen sich. Man kümmert sich nicht um die realen Probleme der Gesellschaft, sondern man kreiert ein Feindbild und kämpft gegen das Feindbild. Und dieser Kampf kostet uns sehr viel. Im Prinzip bewegt sich die „palästinensische Sache“ auf drei Ebenen. Auf physischer Ebene ist es das Ziel, Juden physisch zu eliminieren. Man hat diese Fantasie, wenn man Juden eliminiert, dann befreit man sich. Auf der nächsten, der Narrativebene stehen die Beiträge von Akademikern und Künstlern oder Historikern. Man versucht ein Narrativ zu etablieren, in dem Juden nicht vorkommen, d. h. Juden auf Narrativebene zu eliminieren. Deswegen sage ich, ich komme aus Judäa und Samaria, weil dadurch erkenne ich an, dass dieses Gebiet eine Geschichte hat, und zwar eine jüdische Geschichte. Westjordanland ist ein Begriff, der durch die britische Mandatsadministration etabliert wurde. Also die Briten haben das Ostjordanland kreiert, und dadurch auch diesen Begriff Westjordanland, und die Jordanier haben das übernommen und die Palästinenser haben das dann ebenfalls übernommen. Aber wenn man dann genau hinguckt, dieser Begriff Westjordanland ist erstmal neu. Die zweite Sache ist, es ist kein Name. Westjordanland ist eine Bezeichnung, es ist kein Name. Und Judäa und Samaria, das ist ein Begriff, der eine Geschichte hat und das zeigt auch, dass wir eine sehr lange Geschichte haben. Und wenn wir darauf verzichten, dann verzichten wir auf einen ganz wichtigen Bestandteil unserer Identität. Und um Identität zu entwickeln, müssen wir meiner Meinung nach diesen jüdischen Bestandteil unserer Geschichte anerkennen und nicht nur anerkennen, sondern auch adaptieren in unsere kulturelle und humanistische Identität. Wir sind Araber, wir sind Muslim, wir sind Christen. Ja, aber wir haben diese jüdische Tradition, jüdisches Erbe und müssen es auch adaptieren in unsere Identität.

Um das konkreter zu machen: Es gibt in Jericho die Ruine des Hisham-Palastes. Man sollte die Schüler und Schülerinnen dort hinbringen, um zu zeigen, dass wir eine islamische Geschichte haben. Aber ungefähr fünf Kilometer davon entfernt liegt der Herodes-Palast, und zu diesem Palast geht keiner. Und das finde ich ein Armutszeugnis. Du hast eine tolle Geschichte, du hast eine tolle Tradition, du hast eine sehr, sehr alte Geschichte. Warum sollen wir das verleugnen? Das ist für unsere Kultur und für unsere Identität und für unsere humanistische Identität nicht gut. Also es ist nicht gegen jemanden, sondern es ist eine Bereicherung für uns Palästinenser.

Verena Buser: Geht es also auch um eine fehlende Ideologiekritik in diesem Widerstandsprojekt?

Ahmed Albaba: Das Widerstandsprojekt ist eigentlich ein Terrorprojekt. Man versucht, diesen Terror zu legitimieren, indem man ein schönes Wort benutzt, „Widerstandsprojekt“, aber es ist in der Realität eine Rechtfertigung und Legitimierung von Terror. Aber es ist eigentlich nicht im Interesse der Palästinenser. Das lenkt uns von unseren realen Problemen ab. Wir haben viele Probleme in der palästinensischen Gesellschaft, aber weil dieses Projekt da ist, also dieses sogenannte Widerstandsprojekt, gibt es keine Kapazität mehr, die realen Probleme ins Visier zu nehmen und sich mit Lösungen zu beschäftigen. Wir haben ökonomische Probleme. Wir haben auch patriarchalische Strukturen. Es gibt immer noch Ehrenmorde. Wir brauchen eine Lösung. Und die Akademiker und die Künstler und so weiter, sie kümmern sich nicht um diese Probleme. Wenn es ein Kunstprojekt gibt, dann geht es um Besatzung und wie man ein Narrativ entwickelt gegen das zionistische Narrativ. Aber brauchen wir das wirklich? Es ist für mich eine Pseudobeschäftigung. Wir brauchen Lösungen für die realen echten Probleme in der Gesellschaft.

Verena Buser: Das Bild von Palästinensern ist derzeit stark geprägt durch sogenannte pro-palästinensischen Demonstrationen. Deine Ausführungen sind im Unterschied dazu ja sehr differenziert. Was glaubst du, woran liegt es, dass man Dich als „ungehörte palästinensische Stimme“ bezeichnen könnte?

Ahmed Albaba: Also ich glaube erst mal, ich bin selber schuld daran, dass meine Stimme nicht laut ist. Aber ich habe auch gute Gründe, warum meine Stimme leiser ist. Wegen dieser „palästinensischen Sache“, wegen des Widerstandsprojekts, weil die Leute glauben, vor allem junge Leute glauben, wenn sie jetzt kämpfen gegen Zionismus oder gegen Israel auf den genannten drei Ebenen – also auf diese physischer, narrativer und moralischer Ebene – dann sind sie auf der richtigen Seite der Geschichte. Und das gibt ihnen die Rechtfertigung, die Legitimation für Terroranschläge, für Verleugnung und auch für Beleidigungen. Die Palästinenser wissen das, weil wir mit dieser Sache groß geworden sind. Ich war auch so. Ich erinnere mich, ich war ganz jung, 18 oder 19 Jahre alt vielleicht. Und jemand sprach über einen Journalisten, den er als palästinensischen Kollaborator bezeichnete, d.h. er arbeite „mit den Juden oder mit Israel“ und ist deswegen ein „Verräter“. Und der Kollege hat mich beauftragt, die Kamera des Journalisten wegzunehmen. Ich bin zu ihm gegangen und habe seine Kamera weggenommen. Der Mann hatte so viel Angst vor mir. Das war unglaublich, denn er wusste ganz genau, dass ich nicht allein bin und wenn es zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung kommt, dann kommen andere Leute und schlagen ihn.

Und dasselbe erlebe ich heute. Ich bin heute der Journalist, der Angst hat vor 18-Jährigen, 16-jährigen Palästinensern, die glauben, dass sie, wenn sie mich schlagen oder umbringen oder meinen Ruf ruinieren, dass sie was Gutes tun für die „palästinensische Sache“. So denken sie. Ich habe so auch gedacht, als ich in ihrem Alter war und ich glaube, da müssen wir dringend etwas ändern. Das muss sofort aufhören. Denn wenn die nächste Generation auch so denkt, dann haben wir eigentlich gar da keine Chance auf Entwicklung, auf Demokratie, auf Modernisierung. Ich glaube, dass für viele Palästinenser, die jetzt z. B. eine Arbeit in Israel haben, Israel nicht das Problem ist. Ganz im Gegenteil, Israel ist die Lösung für sie, weil sie dadurch ihre wirtschaftliche Lage verbessern und etablieren können.

Verena Buser: Was motiviert Dich, aktiv gegen Antisemitismus anzukämpfen?

Ahmed Albaba: Ich glaube, es ist das Wichtigste überhaupt, dass wir Palästinenser gegen Antisemitismus und gegen Antizionismus kämpfen, weil Antisemitismus der Grund dafür ist, dass diese Hassideologien bei uns weit verbreitet sind und sich etabliert haben. Und ich glaube, wenn wir gegen diesen Hass arbeiten, ich weiß, dass es nicht so einfach ist, aber wir müssen daran arbeiten, dass dieser Hass verschwindet. Und wenn dieser Hass weggeht, dann können wir nicht so einfach manipuliert werden. Heutzutage ist Hass gegen Israel sehr weit verbreitet, sehr verankert in der Gesellschaft. Und wenn man diesen Hass aktiviert, kann man die Leute schnell mobilisieren für Terroranschläge. Daher ist Antisemitismusbekämpfung wichtig nicht nur für Palästinenser, sondern die ganze Welt.

Antisemitismus ist eine Hassideologie, die ganze Gesellschaften spaltet. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann eine Gesellschaft zusammenbricht, wann der Zusammenhalt zwischen Menschen zusammenbricht, wenn Antisemitismus zum Alltagsphänomen geworden ist. Dann bricht der gesellschaftliche Frieden zusammen. Und die Geschichte zeigt das sukzessive und nicht erst seit 1948 in der arabischen Welt, als Antizionismus zur Ideologie geworden ist. In der Konsequenz wurden nahezu alle Juden in der arabischen Welt vertrieben. Und das hatte negative Auswirkungen auf die arabischen Gesellschaften. Es gab tolle Leute, die zu der Gesellschaft viel beigetragen haben, zum Beispiel in Ägypten. Da waren viele Künstler dabei, viele Leute, die ökonomisch wichtige Beiträge geleistet haben. Heute gibt es keine jüdischen Stimmen mehr in Ägypten. Dasselbe gilt für alle arabischen Länder, für Syrien und Jordanien auch. Antisemitismus und Antizionismus sind gefährliche Ideologien, die die Gesellschaft von innen zerfressen.

Verena Buser: Vielen Dank für das Interview.

Die Dissertation von Dr. Albaba, mit der er an der Universität Göttingen promoviert wurde, ist online verfügbar und soll zeitnah als Buch erscheinen: Ahmed Albaba, Palästinensische Familien in den Flüchtlingslagern im Westjordanland, Diss. Phil. Georg-August-Universität Göttingen, Göttingen 2020.