Ein kabbalistisch-chassidischer Impuls zu Chanukka 5786
Von Thomas Tews
Die aus alten mystischen Überlieferungen und gnostischen Quellen hervorgegangene, sich „schließlich in ihrer Berührung mit mittelalterlicher Philosophie zur mystischen Theologie des Judentums entfaltet und die Geschlossenheit eines die Welt von der Überwelt her deutenden Systems angestrebt“ habende Kabbala, insbesondere ihre nach dem sagenumwobenen Hauptmeister Isaak Lurja benannte lurjanische Spätform, lieferte der unter dem Namen „Chassidismus“ bekanntgewordenen, im 18. Jahrhundert ihren Ausgang nehmenden religiösen Bewegung im osteuropäischen Judentum weitgehend die theoretische Grundlage.[1]
Chassidim (Einzahl: Chassid) sind ihrem Namen nach „Holdsinnige“, denen es, wie es im Erklärungsteil zu Martin Bubers chassidischer Schrift „Die Legende des Baalschem“ heißt, gemeinsam ist, „daß sie mit ihrer Frömmigkeit, mit ihrer Beziehung zum Göttlichen, im irdischen Leben Ernst machen wollen; daß sie sich nicht mit gepredigter Gotteslehre und geübtem Gottesdienst begnügen, sondern das Miteinanderleben der Menschen auf der Grundlage der göttlichen Wahrheit aufzurichten versuchen.“[2]
Buber übersetzte die von ihm in fast ausschließlich jiddischem Quellenmaterial gefundenen, von gelebter Weisheit und existentieller Religiosität zeugenden chassidischen Anekdoten, Legenden und kurzen Geschichten in ein sprachgewaltiges Deutsch. So wurde sein sprachlich geformter, künstlerischer Kanon des Chassidismus zu einem Stück Weltliteratur.[3]
In Bubers Anthologie „Die Erzählungen der Chassidim“ findet sich folgende Interpretation des Lichtwunders von Chanukka durch Rabbi Pinchas von Korez:
„Rabbi Pinchas sprach: ‚Wisset, was der Sinn des Lichtwunders von Chanukka ist. Das von der Schöpfung her verborgene Licht hat sich da offenbart. Und in jedem Jahr, da man zu Chanukka die Lichter entzündet, offenbart sich neu das verborgene Licht. Und dies ist das Licht des Messias.‘“[4]
Mit „Licht“ ist einer Anmerkung Bubers zufolge „das die Welt von einem zum andern Ende wahrnehmbar machende Urlicht, das nach der Sünde der ersten Menschen Gott ihnen entzog und für die Zukunft barg“, gemeint[5] und der Messias (griechische Form des hebräischen Wortes „Maschiach“) ist nach Buber „der von Gott durch Salbung zum König der Endzeit eingesetzte Mann, der die Verbannung Israels aufhebt und die erfüllte Königsherrschaft Gottes über die ganze Welt verwaltet.“[6]
Zum „Urlicht“ gibt Buber in seinen „Erzählungen der Chassidim“ Rabbi Elimelech von Lisensks Weisheit wieder:
„Rabbi Elimelech sprach: ‚Ehe die Seele in die Luft dieser Welt tritt, führt man sie durch alle Welten. Zuletzt zeigt man ihr das Urlicht, das einst, als die Welt erschaffen wurde, alles erleuchtete, und das Gott dann, als der Mensch verdarb, geborgen hat. Warum zeigt man der Seele dieses Licht? Damit sie von Stund an Verlangen trage, es zu erreichen und sich ihm im irdischen Leben Stufe um Stufe nähere. Und die es erreichen, die Zaddikim, in sie geht das Licht ein, aus ihnen hervor leuchtet es wieder in die Welt. Dazu ist es einst geborgen worden.‘“[7]
Der Zaddik („Bewährter“, „Vollkommener“) ist in der Bibel der vollkommene Fromme, in der Kabbala in Auslegung von Spr. 10,25 („Der Bewährte ist der Grund der Welt“) der Mittler zwischen Gott und Mensch und im Chassidismus der Mensch, in dessen Leben und Sein die Tora sich verkörpert.[8]
Eine weitere von Buber zum Thema „Urlicht“ wiedergegebene Erzählung handelt von Rabbi Jaakob Jizchak von Lublin, welcher „Der Seher“ genannt wurde:
„Es wird erzählt: ‚In Lublin pflegte man das Nachmittagsgebet, auch am Sabbat, zu verzögern. Vor diesem Gebet saß der Rabbi jeden Sabbat allein in seiner Stube, und niemand durfte sie damals betreten. Einmal versteckte sich dort ein Chassid, um zu erspähen, was vorging. Erst sah er nichts weiter, als daß der Rabbi sich an den Tisch setzte und ein Buch aufschlug. Da aber schien in dem engen Raum ein ungeheures Licht auf, dessen Anblick den Chassid des Bewußtseins beraubte. Er kam erst zu sich, als der Rabbi aus der Stube ging, und auch er verließ sie, sobald er vollends aus der Betäubung erwacht war. Draußen sah er nichts, hörte aber, daß man schon das Abendgebet sprach, und entsetzt verstand er, daß schon die Kerzen angesteckt waren und er doch von Dunkel umgeben war. Entsetzt flehte er den Rabbi an, ihm zu helfen, und wurde an einen wundertätigen Mann in einer andern Stadt verwiesen. Der fragte ihn nach den Umständen seiner Erblindung, und er erzählte sie. „Es gibt für dich keine Heilung“, sagte jener. „Du hast das Urlicht der Schöpfungstage gesehn, in dem einst die ersten Menschen von einem Ende der Welt zum andern schauten, das nach ihrer Sünde verborgen worden ist und sich nur den Zaddikim in der Thora kundtut. Wer es unbefugt schaut, dessen Augen verfinstern sich auf immer.“‘“[9]
Hier schließt sich eine von Buber in seine Anthologie aufgenommene Erzählung von Rabbi Abraham Jaakob von Sadagora über „das wandernde Licht“ an:
„Der Sadagorer Rabbi wurde einst von einem Freund gefragt: ‚Wie geht dies zu? Manche heiligen Männer in den Zeiten, die vor uns waren, haben auf die Frist hingedeutet, zu der die Erlösung geschehen soll; das Zeitalter, auf das sie wiesen, ist gekommen und vergangen, aber die Erlösung ist nicht geschehen!‘
Der Zaddik antwortete: ‚Mein Vater, sein Gedächtnis sei uns zum Segen, hat so gesprochen: „Es heißt schon in der Gemara: Alle angesetzten Enden sind vergangen. Aber wie die Schechina in zehn Reisen aus dem Heiligtum in die Verbannung zog, so kehrt sie nicht auf einmal zurück, und das Licht der Erlösung säumt zwischen Himmel und Erde. Zu jeder angesetzten Endzeit ist es um eine Stufe niedergestiegen. Jetzt weilt das Licht der Erlösung in dem untersten Himmel, der Vorhang genannt ist.“ So hat mein Vater gesprochen. Aber ich sage: Das Licht der Erlösung breitet sich um uns in Haupteshöhe. Wir merken es nicht, denn unsere Köpfe sind unter der Last der Verbannung gebeugt. Möchte Gott unsere Köpfe aufrichten!‘“[10]
Zur Schechina, der „Einwohnung“ (vom Verb „schachan“, „wohnen“), d. h. der „Gegenwart Gottes bei den Menschen“[11], erläutert Buber:
„Die Schechina, der der Welt einwohnende, ist auch der die Welt erleidende Gott. Sie erleidet unmittelbar den Abfall der Welt, des Menschen, des Volkes Israel, und sie folgt der Kreatur in den dunkeln Bezirk, den die abgefallene betritt, ins Exil. Zugleich mit Israel erleidet auch sie die Verbannung. Der Mensch, der in sich selber zwischen dem Reich des Gedankens und dem Reich der Tat Einung stiftet, wirkt ein auf die Einung zwischen dem Reich des Gedankens und dem Reich der Tat, das ist zwischen Gott und seiner Schöpfung, der er seine Schechina, seine Herrlichkeit, einwohnen läßt.“[12]
Gemäß der rabbinischen Theologie vertreiben beispielsweise Müßiggang und Hochmut die Schechina, also die Gegenwart Gottes. So lehrte Rabbi Elasar: „Die Schechina weint über den Hochmütigen“ (Babylon. Talmud, Sota 5a).[13]
Als im 16. Jahrhundert in Safed in Galiläa eine Mystikerschule spanischer Verbannter zu einem Mittelpunkt des Judentums wurde, kam es zu einem Anwachsen kabbalistischer Gebetsausdeutungen und es entstanden Meditationen zu jedem religiösen Tun, die aussagen: „Meine Intention ist es, den Heiligen, gelobt sei Er, und Seine Schechina in vollkommener Einheit zusammenzufügen.“ Die*der betende und handelnde Jüdin*Jude wird hier verstanden als Akteur*in im Drama des Exils Gottes in der Welt mit einer für die Erlösung notwendigen Aufgabe.[14]
Literatur:
- Buber 1949: Martin Buber, Die Erzählungen der Chassidim. Manesse Verlag, Zürich 1949.
- Buber 1955: Martin Buber, Die Legende des Baalschem. Umgearbeitete Neuausgabe. Manesse Bibliothek der Weltliteratur. Manesse Verlag, Zürich 1955.
- Navè Levinson 1982: Pnina Navè Levinson, Einführung in die rabbinische Theologie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1982.
- Simon 1978: Akiva Ernst Simon, Chassidismus. In: Martin Buber 1878–1978. Ausstellung. Jüdische National- und Universitätsbibliothek, Berman-Saal, Jerusalem, April 1978. Jüdische National- und Universitätsbibliothek, Jerusalem 1978, S. 26 f.
[1] Buber 1955, S. 308 f.
[2] Buber 1955, S. 304.
[3] Simon 1978, S. 26.
[4] Buber 1949, S. 226.
[5] Buber 1949, S. 226 Anm. 1.
[6] Buber 1955, S. 311.
[7] Buber 1949, S. 397.
[8] Buber 1955, S. 322.
[9] Buber 1949, S. 462.
[10] Buber 1949, S. 516 f.
[11] Navè Levinson, S. 41 f.
[12] Buber 1955, S. 316.
[13] Navè Levinson, S. 44.
[14] Navè Levinson, S. 45.



