Judaica und Israelia

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Biographisches, Feste, Interviews, Kunst, Reiseberichte und Rezensionen, über 100 Beiträge der Fotografin und Publizistin Christel Wollmann-Fiedler, die auch regelmäßig bei haGalil veröffentlicht, sind in diesem neuen Band beim Hartung-Gorre Verlag enthalten. 

„Ihre Interessen sind klar zentriert und gebündelt unter den Begriffen Israelia & Juadaica, von denen sie angtrieben und umgetrieben erscheint – gewissermassen in Liebe eingehüllt“, merkt Herausgeber Erhard Roy Wiehn an. Es ist bereits das fünfte Buch, das er in Zusammenarbeit mit Christel Wollmann-Fiedler herausgibt. Bisher erschienen bereits drei Werke über Schoah-Überlebende zwischen Czernowitz und Israel, sowie der Band über Hedwig Brenner und ihre Künstlerinnen jüdischer Herkunft.

Ein schöner Band, vor allem die Reiseberichte von Christel Wollmann-Fiedler sind die (erneute) Lektüre wert, nehmen sie den Leser doch mit in vergangene, jüdische Welten.

Christel Wollmann-Fiedler, Judaica und Israelia. Biographisches, Dichtung, Feste, Interviews, Kunst, Reiseberichte, Rezensionen, Hartung-Gorre Verlag 2024, 366 S., € 39,80, Bestellen?

LESEPROBE – VORWORT

„Schreib doch endlich!“

Christel Wollmann-Fiedler

Vor Jahrzehnten bemerkte ich, keine jüdischen Nachbarn zu haben. Früher gehörten sie in unser Land, waren Nachbarn der Eltern. Das Töten von Millionen jüdischen Bürgern hatte sich in meinen Kopf eingebrannt. Namen haben die Konzentrationslager bis heute, Auschwitz hängt für immer in der Seele.

In meiner damaligen Umgebung auf dem Gäu, im Schwarzwald, in Oberschwaben und in Franken entdeckte ich die jüdischen Friedhöfe und begann diese Grabsteine zu fotografieren. Verborgen liegen diese Friedhöfe, im Wald sind sie versteckt. Hebräische Inschriften und deutsche Familiennamen von Region zu Region anders, Sprüche der Liebe, Zuneigung und auch Trauer sind zu lesen. Für mich mit Okular wuchs das Interesse mehr und mehr an der großartigen Handwerkskunst der Steinmetze. Liebevoll gestaltete, reich verzierte Grabsteine gibt es, an denen man nicht so einfach vorbeigehen kann.

Mit Kameras im Gepäck reiste ich weiter durch Deutschland, durch Österreich, Tschechien, Ungarn und Polen, fuhr ins Elsass und in die Schweiz, nach Italien und Portugal, nach Paris und in die Niederlande, nach London, nach Siebenbürgen und Bukarest, später in die Ukraine ins alte Buchenland, die Bukowina, nach Czernowitz. Steine verwittern, Inschriften sind oft nicht mehr zu entziffern, müssten restauriert werden, um diese Reste vergangenen jüdischen Lebens als Kultur- und Erinnerungsgeschichte eines Dorfes, einer Stadt, einer Landschaft festzuhalten und mit in die Zukunft nehmen zu können. In New York ist der Mount Zion Cemetery in Parzellen eingeteilt. Die Gräber aus der Bukowina oder aus deutschen Städten oder anderen Landschaften Europas sind korrekt aufgeteilt. Große alte Bücher mit Eintragungen der Toten von Anfang an bis in die Neuzeit legte man mir dort auf den Tisch.

Nach dem Fall der Mauer in Berlin, in Deutschland, in Europa entdeckte ich im Ostteil der Stadt Berlin die beiden großen alten Jüdischen Friedhöfe und begeisterte mich daran, sah vergangene Stadtgeschichte und nicht wiederkehrende, fast vergessene Kultur.
Hedwig Brenner, die Lexikographin und Schriftstellerin aus Czernowitz, lernte ich vor langen Jahren kennen. Alljährlich reiste ich seitdem für viele Wochen nach Haifa, nach Israel, zu ihr. Zeitzeugengespräche mit deutschsprachigen Juden erweiterten mein Wissen über die jüdische Religion, über die Familientraditionen. Über Deportationen, Verschleppungen und Ermordungen der Familienangehörigen erzählten sie und das Ankommen in Palästina oder Israel. Endlich durften sie ihr Judentum leben. Ein großes Vertrauen hatten diese Menschen, unter die Haut ging mir so manche Familien- und Lebensgeschichte und zusammen weinten wir.

Mein Interesse wuchs und wächst täglich. Historische Vorträge, Veranstaltungen hier und dort zu Feiertagen und Daten der Erinnerung und Literatur mit jüdischen Geschichten sind inzwischen in Berlin und anderswo meine Themen. Das Schreiben darüber ist eine regelrechte Leidenschaft und Selbstverständlichkeit geworden. Ich denke an Hedwig Brenner, meine mütterliche Freundin, die zu mir sagte „Schreib doch endlich!“ Und ich tat es.

Berlin, 1. März 2024 – 21. Mai 2024