Kinder der Shoah

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»Die Überlebenden der Shoah tun sich wie alle Opfer gesellschaftlicher Gewalt schwer, über das Erlebte zu sprechen. Zeugnis abzulegen und vor allem gehört zu werden, ist ihnen jedoch zugleich höchstes Bedürfnis. Wer indes von Unrecht, gebrochenen Menschen, von Chaos, Grausamkeiten und Verbrechen berichten hört, muss bereit sein, auf feste Beweise zu verzichten« (S. 6). 

Von Roland Kaufhold

Mit dieser zur Zurückhaltung mahnenden Bemerkung wird diese zahlreiche klinische Studien dokumentierende psychoanalytische Studie eingeleitet. Die Autorin, Yolanda Gampel, ist eine in Buenos Aires geborene israelische Psychoanalytikerin. Sie arbeitete mit argentinischen Psychotherapeuten zusammen und ging 1963 nach Israel. 1973 promovierte sie bei Didier Anzieu in Paris und wurde in Israel eine angesehene Lehranalytikerin.

Yolanda Gampel arbeitet seit mehr als 30 Jahren psychotherapeutisch mit Überlebenden der Shoah sowie mit deren Kindern und Enkeln. Parallel dazu hatte sie seit Ausbruch der Ersten Intifada in einer israelisch-palästinensischen Initiative für geistige Gesundheit gearbeitet. Hierdurch sollen Angehörige psychotherapeutischer Berufe beider Seiten im Wege einer professionellen Kooperation mehr Verständnis füreinander entwickeln. 

Yolanda Gampels gut lesbares Werk ist 2005 in Frankreich erschienen und nun erstmals – Dank der Unterstützung einiger deutscher Kolleginnen – auch auf deutsch zugänglich. In ihrem Anfang 2009 verfassten Vorwort zur deutschen Ausgabe betont Yolanda Gampel die individuelle und historische Bedeutsamkeit ihrer Versuche, klinisch genauer zu verstehen, wie schwere traumatische Erlebnisse auch in der zweiten und dritten Generation seelisch in einer häufig destruktiven Weise fortwirken. Ein gleichermaßen aktuelles wie bedrückendes Thema. Auch wenn die Kinder und Enkel der Überlebenden keine bewussten Erinnerungen an die Shoah haben können, »so wurden sie ihnen doch als innere Realität vermittelt – sei es als familiengeschichtlicher Verlust, als von den Opfern durchlebte Leiden und Demütigungen« (S. 10), so die Beobachtung der Autorin. Viele der von ihr behandelten Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen hätten Symptome entwickelt, die scheinbar nichts mit der von der Shoah geprägten Familiengeschichte zu tun haben, die ohne diese jedoch auch nicht verstehbar sind. Gampel versteht ihre nun vorliegende klinisch-psychotherapeutische Studie als eine Form der Erinnerungsarbeit, um die überwältigend traumatischen Auswirkungen der Shoah zu lindern – sofern dies überhaupt möglich ist. Dies empfindet sie als jüdische Psychotherapeutin als eine seelische und historische Verpflichtung:

»Viele Geschichten sind niemals gehört, aufgeschrieben oder überliefert worden. Orte und Gegenstände können sich zweifellos nicht erinnern, nur Menschen können sich mitteilen. Das die Shoah umgebende Dunkel erhellt sich nicht mit den Jahren, es wird im Gegenteil von Mal zu Mal dunkler. Und es leuchtet ein, wie viel mit den wegsterbenden Überlebenden in Vergessenheit gerät« (S. 15).

Als psychotherapeutische Grundhaltung hebt sie »Augenmaß, Intuition und Mitgefühl« hervor, um diese »sehr schwierige Aufgabe, bei der ich mich oft machtlos und entmutigt gefühlt habe« (S. 15), durchführen zu können.

In zehn Kapiteln – überschrieben etwa mit »Michals ›Geistesabwesenheit‹ und das Ungesagte des Vaters«, »›Großvater, Großmutter, wie war das damals eigentlich?‹« oder »›Papa, hörst du mich‹« – entfaltet die Autorin in verständlicher, deutender Weise die Verwobenheit des familiären Leidens mit der Traumatisierung der Eltern bzw. Großeltern während der Shoah. In einigen Kapiteln publiziert sie, zur Dokumentation ihrer klinischen Arbeit, Zeichnungen ihrer Patienten. Ihre Interpretationen beruhen auf den von Donald W. Winnicott entwickelten Squiggle-Zeichnungen, die Gampel als eine sehr hilfreiche therapeutische Technik erfahren hat.

In dem Kapitel »Wir haben die Shoah überlebt«, in dem sie sich an Sandlers Konzept der »grundlegenden Sicherheit« sowie Freuds (1919) Konzept des »Unheimlichen« orientiert, interpretiert sie auf der Grundlage mehrerer Fallgeschichten die Gefühle des Unheimlichen bzw. der Dissoziation bei Shoah-Überlebenden sowie deren Nachfahren im Kontext des ewigen, unlösbaren Konflikts zwischen Erinnerung und Vergessen. Eine gewisse seelische Spaltung erscheint ihr als Überlebensversuch unvermeidbar. Die Erinnerung an die durch die Shoah hervorgerufenen Verluste ist zu schmerzhaft, kann nicht verbalisiert werden. Für diese Erfahrungen gebe es eigentlich gar keine Sprache.

Anrührend ist das mit »Von der Unmöglichkeit, das Grauen der Shoah auszudrücken und der Notwendigkeit, es zu bezeugen« überschriebene Unterkapitel, in dem von der Unmöglichkeit gesprochen wird, von der Shoah zu erzählen. Gampel fügt hinzu: »Für die Überlebenden würde eine Beschreibung der unvorstellbaren, grenzenlosen Verbrechen der Nazis letzten Endes bedeuten, ihnen einen vorstellbaren, begreiflichen und begrenzten Stellenwert zuzuerkennen« (S. 47).

Die Autorin spricht auch über die außergewöhnliche Belastung, die viele Überlebende der Shoah – aus sehr verständlichen Gründen! – ihren Kindern übertrugen, wenn sie diesen beispielsweise die Namen ihrer eigenen ermordeten Eltern gaben. So formuliert Gampel: »Als lebender Beweis des Fortbestands erscheint jedes Kind eines Überlebenden als Wunderkind, das den Schmerz des Verlusts mildert, zeigt es doch das Scheitern derjenigen, die sich die Vernichtung der Juden auf ihre Fahne geschrieben hatten« (S. 23).

In dem abschließenden Kapitel »Der Schatten der verlorenen Objekte fällt auf das ›Uns‹« überträgt Yolanda Gampel – »als in Israel lebende Israelin« (S. 137) – ihre psychoanalytischen Beobachtungen auf den Nahostkonflikt, welcher ebenfalls durch eine scheinbar unauflösbare, unheilvolle Verknüpfung destruktiver Affekte geprägt sei. Grundlage ihrer Ausführungen sind ihre Erfahrungen in der 1988 gegründeten »Israelisch-palästinensische Friedensinitiative für geistige Gesundheit« (IMUT), in der die Autorin mitwirkt. Die Initiative besteht heute noch; nach dem Ausbruch der 2. Intifada im September 2000 musste die konkrete therapeutische Ausbildungstätigkeit im Gazastreifen jedoch eingestellt werden. Die vielfältigen Schwierigkeiten eines solchen dialogischen Unternehmens werden in unverschleierter Deutlichkeit beschrieben:

»In diesem Dialog stellte sich nach und nach heraus, dass das, was für die Palästinenser der Hintergrund der grundlegenden Sicherheit war, für die Israelis zum Hintergrund von Unheimlichkeit wurde, und umgekehrt. Eine ähnliche Polarisierung war innerhalb der beiden Völker festzustellen« (S. 140).

Eine innere Zerrissenheit tauchte gerade bei denjenigen Israelis und Palästinensern auf, die sich um einen Ausgleich zwischen beiden Völkern bemühten.

Yolanda Gampels Buch ist einfühlsam und allgemeinverständlich formuliert und wird von einem optimistischen Gestus getragen. Es ist erfreulich, dass es nun auch auf Deutsch gelesen werden kann.

Yolanda Gampel (2009): Kinder der Shoah. Die transgenerationelle Weitergabe seelischer Zerstörung. Gießen (Psychosozial-Verlag), 159 Seiten, 22,90 €, Bestellen?

Eine gekürzte Version dieser Rezension ist zuvor in der Zeitschrift TRIBÜNE. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums, 46. Jahrgang, Heft 196 (Nr. 4/2010), S.196 publiziert worden.