Shitstorm – Meinungsstreit im Museum

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Der gefillte Fisch, Feinkost Adam©, Anna Adam, 2002 ©Jüdisches Museum Franken | Fotografin Annette Kradisch

Das Jüdische Museum Franken in Fürth zieht im 25. Jahr seines Bestehens Bilanz und blickt zurück auf die Causa „Feinkost Adam©“ – was war passiert, was hat die Ausstellung bewirkt und wo stehen wir heute?

11. Juni 2024 bis 27. April 2025

Wer sich mit jüdischen Themen nach der Schoa öffentlich auseinandersetzt, bewegt sich auf emotionalem Terrain. Allein um die Errichtung Jüdischer Museen im deutschsprachigen Raum gab es große Konflikte um konzeptionelle Inhalte, Deutungshoheiten, Egos und Emotionen. Mit manchen Themen und mancher Wechselausstellung verhält es sich seitdem nicht anders. Denn Jüdische Museen der Nachkriegszeit dienen mehr als jedes andere Museum als Projektionsflächen für jüdische wie nichtjüdische Wünsche, Romantisierungen, Normierungen und relativierende Geschichtsdeutungen.

Anlässlich „25 Jahre Jüdisches Museum Franken in Fürth“ zieht das Jüdische Museum Franken Bilanz und beleuchtet drei Themen, die für viel Wirbel gesorgt hatten: Deutungshoheiten, Raub und Restitution, Mythen der Toleranz. Was war passiert, was haben die Auseinandersetzungen bewirkt und wo stehen wir heute? Das sind die Fragen, mit denen sich die Ausstellungsreihe „Shitstorm – Meinungsstreit im Museum“ befasst.

Die Reihe beginnt mit einer Retrospektive von der umstrittenen satirischen Schau „Feinkost Adam©“ der Künstlerin Anna Adam. Für einige Wochen im Jahr 2002 verwandelte die Berliner Künstlerin das Jüdische Museum in einen Feinkostladen, um die hinter Klischees stehenden unterschwelligen Ängste vor dem vermeintlich Fremden offenzulegen und die Neugier auf andere Kulturen zu wecken. Die Ausstellung wurde als Skandal empfunden und führte beinahe zur Entlassung des damaligen Museumsleiters Bernhard Purin.

Anna Adam im Schutzanzug.
©Anna Adam

Anna Adam

Anna Adam, 1963 in Siegen als Kind von Holocaust-Überlebenden geboren, ist eine deutsche Malerin, Bühnenbildnerin, Diplompädagogin und Ausstellungsgestalterin. Sie wuchs in der BRD zu einer Zeit auf, in der die deutsch-jüdischen Beziehungen überwiegend von Befangenheit, Verkrampftheit sowie Philo- und Antisemitismus geprägt waren.
Adam umschrieb ihr satirisches Schaffen als Notwehr. Satire hat nach Adam einen ernsten Boden. „Feinkost Adam©“ war für sie der Versuch, mit jüdischem Humor die Highlights der „deutschjüdischen Krankheit“ herauszustellen und Klischees vom Judentum aufzubrechen. Während die Ausstellungskritiker:innen ein Ende der Schau sowie Purins Entlassung forderten, bezichtigten sie Anna Adam perfider Weise des Antisemitismus und der Volksverhetzung im Stürmer-Stil. Letztendlich erwirkte Adam gerichtlich, dass die Kritiker sich entschuldigten und die Beschuldigungen zurücknahmen.

Der Zeitgeist im Spiegel der Medien

Viele von Anna Adams Objekten aus der satirischen Schau „Feinkost Adam©“ wurden bereits im November 2000 im Rahmen der Jüdischen Berliner Kulturtage in der Gruppenausstellung „paradiso©diaspora“ der jüdischen Künstlergruppe MESHULASH (hebr. Dreieck) einem breiten Publikum gezeigt. Adams‘ Arbeiten wurden in Berlin als gelungene künstlerische Umsetzung verstanden.

Der Koscherwichtel von Anna Adam. ©Anna Adam

In Franken empfanden die Ausstellungskritiker:innen „Feinkost Adam©“ als Skandal, die Künstlerin als Antisemitin und die künstlerischen Arbeiten als geschmacklose Provokation.
Die satirischen und zum Teil provokanten Installationen von Anna Adam erfuhren über mehrere Wochen hinweg eine große Resonanz in der regionalen und überregionalen Presse- und Medienwelt. Die Ausstellung zog zwischen dem 6.3. und dem 16.6.2002 7.000 Besucher:innen an. 150 Berichte für und wider „Feinkost Adam©“ erschienen in den Printmedien und Onlinezeitungen. Sie reflektieren eindrucksvoll den Zeitgeist an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert.

Jüdische Museen der Nachkriegszeit dienen mehr als jedes andere Museum als Projektionsflächen für jüdische wie nichtjüdische Wünsche, Romantisierungen, Normierungen und relativierende Geschichtsdeutungen. Projekte wie „Feinkost Adam©“ machen Jüdische Museen zu Orten, an denen Identitäten produktiv in Frage gestellt werden können.

Workshop und Führungen

Am Sonntag, den 16. Juni um 14 Uhr, gibt es eine Führung durch die Ausstellung mit Museumsdirektorin Daniela F. Eisenstein. An den beiden Donnerstagen, 17. Oktober und 14. November, jeweils um 17.30 Uhr findet die After-Work-Führung „Feierabend im Museum“ zu den Highlights der Dauerausstellung und der Wechselausstellung „Shitstorm“ mit anschließender Weinverkostung statt. Die Anmeldung zu den Führungen erfolgt über besucherservice@juedisches-museum.org.

Auf den Unterschied zwischen Shitstorm und Satire geht die Künstlerin Anna Adam in ihrem Workshop „Ohren auf im Straßenverkehr“ am 20. Oktober um 14 Uhr ein. Anmeldung: event@juedisches-museum.org.

Weitere Informationen unter https://www.juedisches-museum.org/