Vierkantige Lettern

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Abraham Sutzkever als Zeuge vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg. (Repro: US National Archives and Records Administration).

Der jiddische Poet Abraham Sutzkever wurde 97 Jahre alt. Er verstarb 2010 in Tel Aviv, war Ehrenbürger der Stadt, Träger des Israel-Preises. Sein Werk umfasst Dutzende Gedichtbände, von denen auch einige ins Deutsche übertragen wurden. Trotzdem ist Sutzkever nur wenig bekannt. Seine Lyrik kann man nun in einem neuen zweisprachigen Band erlesen.

Die Gedichte, Jiddisch in deutscher Umschrift mit der deutschen Übertragung von Kurt Keiler, stammen aus den Jahren 1935 bis 1995 und geben einen guten Überblick zu Sutzkevers Werk. In Litauen geboren und Sibirien aufgewachsen, wohin die Familie deportiert worden war, kehrte er 1920 nach Wilna zurück, wo er später der Avantgarde Gruppe Jung Wilne angehörte. Im Ghetto schloss er sich einer Partisanen-Vereinigung an und konnte mit seiner Frau 1943 aus dem Ghetto fliehen. Um die Verbrechen der Nationalsozialisten zu dokumentieren war er an der Herausgabe des „Schwarzbuchs“ über den Genozid an den sowjetischen Juden beteiligt. Sutzkever war 1946 der erste jüdische Zeuge vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg. 1947 emigrierte er nach Palästina und ließ sich in Tel Aviv nieder, wo er auch eine Zeitschrift für jiddische Literatur unter dem Titel „Di goldene kejt“ herausgab.

Sutzkevers Gedichte erzählen von Liebe und Tod, von der Zeit der Verfolgung, von Widerstand und Rettung. Sie erzählen von seinem eigenen Leben, von der Universalität des Grauens. Vom Schicksal des jüdischen Volkes:

Übermalst du das Bild der jüdischen Gasse
mit Farben deiner neuen, sonnigen Palette,
so wisse: abschälen werden sich die Farben
und wie eine Axt fällt auf dich das gewesene Bild,
und kein neues heilt deine Wunde.

Ein großer Dank an Kurt Kreiler, dass er diese Welt auch einem nicht-jiddischsprechenden Publikum in Deutschland zugänglich gemacht hat.

Abraham Sutzkever: Vierkantige Lettern. Gedichte 1935–1995. Übertragen aus dem Jiddischen von Kurt Kreiler, Königshausen u. Neumann 2024, 318 S., Euro 30,00, Bestellen?