Spott-Light: Maximilian Krah (AfD)

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Maximilian Krah auf einer Wahlkampfveranstaltung 2023, Foto: Vincent Eisfeld / CC BY-SA 4.0

Wo bleibt eigentlich Ihr Brief zum Massaker von Re’im am 7. Oktober 2023? Eine recht insistierend gehaltene Anfrage zu den Europawahlen 2024

Von Christian Niemeyer

Werter Herr Krah,

wegen Ihrer vielen Aussetzer, sorry, ich wollte schreiben: wegen Ihres aktuellen Aussetzens als AfD-Spitzenkandidat beim Europawahlkampf haben Sie ja vielleicht Zeit, meine kleine bescheidende Frage zu beantworten, warum Sie m.W. bis heute keine einzige Zeile vom Typ „Selber schuld!“ an die Eltern der am 7. Oktober ermordeten oder entführten Opfer des o.a. Massakers gerichtet haben, vielleicht in erweiterter Form: „Selber schuld, die eigenen Kinder weltoffen zu erziehen und auf ein Festival unter dem Motto ‚Freunde, Liebe und unendliche Freiheit‘ zu schicken, um dann zu erleben, dass im Zuge eines koordinierten Hamas-Überfalls 364 Festivalteilnehmer*innen getötet wurden, etliche darunter nach zuvor stattgehabter Vergewaltigung, und insgesamt 40 Menschen vom Festivalgelände in den Gazastreifen verschleppt wurden!“ Wie, werter Herr Krah aus Räckelwitz, Sie verstehen diese Frage eines Westdeutschen nicht? Schlimmer: Sie wüssten nichts von mir? Da muss ich Ihnen leider antworten: Sorry, Dummstellen hat noch nie geholfen, sowie, ad 2: Unwissenheit, dies wissen Sie als Jurist, schützt nicht vor Strafe, insonderheit nicht vor diesem offenen Brief.

  1.  

Einverstanden: Es hieße, die Leser*innen zu bestrafen, wenn ich unter Hinweis auf längst Vorliegendes nicht nochmals öffentlich machte, was ich über Sie herausbekommen habe – bis zurück zu dem Punkt, der meine Frage zu einer folgerichtigen macht; ebenso, wie ich am Ende dieses Textes doch hoffen will: Ihren Rücktritt als AfD-Kandidat für den 9. Juni 2024. Deswegen, frisch ans Werk: Zum letzten Mal auf meiner nun beginnenden Reise zurück zum Ursprung meiner hier in Rede stehenden Frage an Sie, werter Herr Krah, begegnete ich Ihnen im Kap. Rechte Medien lügen (wie gedruckt) meines Buches Die AfD und ihr Think Tank im Sog von Trumps und Putins Untergang (Weinheim Basel: Beltz Juventa 2023, S. 151 ff.). Einzelheiten hierzu sind auf hagalil.com unter der Headline „Oh BamS, gib mir Deine sonntägliche Hate Speech auch heute!“[1] nachlesbar, so dass ich mich hier auf die Pointe beschränken kann: Die von mir erfolgreich beim Deutschen Presserat zur Anzeige gebrachte BamS-Story vom 18. September 2022 ob eines verpixelten „Mannes aus Togo“ mit seinen angeblich 91 Straftaten, begangen unter angeblich 12 Alias-Namen, seit 1999 als Asylbewerber in Deutschland und trotz abgelehnten Asylantrags (2006) noch immer nicht abgeschoben, ging „viral“ (wobei ich einräumen muss, dass ich noch keine Zeit fand, die wirklich Bedeutung dieser Vokabel nachzuschlagen, ebenso wie jene vielgehörten Modeworte wie „erratisch“ oder „klandestin“). Fakt (und keineswegs Fiktion) war jedenfalls das Folgende:

„Na ja, geht nur im Dummland“,

meldete beispielsweise ein gewisser Blaumann10 am 18.9. um 5:36 nachm. per Twitter, damit nur den Auftakt gebend für Headlines wie: „… bissiger Afrikaner noch immer da“ (Unser Mitteleuropa v. 19.9.). Derlei als Kommentar zu einem den BamS-Artikel paraphrasierenden Text, insonderheit jenes Schreckensfoto, was den lustigen Lesern dieses neu-rechten Internet-Periodikums zu Danksagungen veranlasste wie:

„Danke, daß das Bild verpixelt wurde – ich hatte noch nicht gefrühstückt“ (aculeus, 19.9., 13:20)

– mit der Folge von weiteren Witzeleien wie.

„Wenn der Papst beim Ölwechsel ungünstig gelegen hat, sieht er genau aus wie Koffi G.“ (Meines Erachtens, 19.9, 15: 15)

sowie:

„Bei der Kappe fehlt aber noch der Docht“ (aculeus, 19.9., 16: 58)

– eine kaum verhüllte Aufforderung, diesen „Neger“, der halt „negert“ (Himmel, 20.9., 15:21), bei nächster Gelegenheit abzufackeln. So also, derart volksverhetzend, sieht es aus, jenes vom Ur-Hetzer Udo Ulfkotte herbeigeschriebene, der schweigenden Mehrheit gänzlich unbekannte Paralleluniversum namens (mein Vorschlag!) „Schwarzbraun-Deutschland-plus-Österreich“ mit inzwischen gut fünfzig „Alternativen Medien“ dieser (braunen) Couleur, in denen unbeschwert der Mist als Kompost für Anschläge aller Art gedeihen kann.

Nicht absehen – und damit kommen endlich Sie, werter Herr Krah, ins Spiel – kann man in diesem Zusammenhang vom nur unwesentlich gesitteterem Deutschland-Kurier: „Unfassbar: Krimineller Schwarzafrikaner immer noch in Haft!“, bekam man hier am nämlichen Tag, dargeboten für 137.274 Abonnenten, zu lesen, selbstredend mit jenem grimmigen Foto des Koffi G. Mit dabei, als Gast-Kolumnist dieses Periodikums: der frühere CDU- und jetzige AfD-Politiker Maximilian Krah, der damals mit dem Spruch Werbung macht:

„Sie haben die Nase voll vom Einheitsbrei, der Ihnen von den Mainstream-Medien vorgesetzt wird?“

– und, wie anhand dieses Artikel aufweisbar, aber auch am vorgenannten aus Unser Mitteleuropa, nichts weiter ist als eine in zwei Minuten erstellte Terrine, will sagen: Paraphrase jenes Artikels der BamS, der im Übrigen auch schon die zentrale Parole aller nachfolgenden Hetzer*innen bis hin zu „aculeus“ in Umlauf brachte:

„Solche gemeingefährlichen Straftäter gehören sofort aus dem Verkehr gezogen.“ (BamS v. 18.9.2022; S. 30)

Aber es kommt noch schlimmer, so man den Namen ins Spiel bringt, den BamS, offenbar inzwischen die Mutter aller Schlachten, welche die alternativen Medien brauner Couleur auszufechten anregen, als Urheberin dieses Zitats anführt: Andrea Lindholz (CSU), stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, die mir auf meine erstaunte Nachfrage vom 19.09.2022 drei Tage später mitteilte, das Zitat sei korrekt und sie stehe uneingeschränkt dazu.

Deutlicher, werter Herr Krah: Wollen Sie Ihr Scheffel etwa unter das Licht einer CSU-Blondine stellen? Machen Sie es also wie sie, ignorieren Sie, dass Sätze wie der zitierte von Lindholz  Tat nah gebaute Hetzer wie den oben angeführten „aculeus“ zu animieren in der Lage sind; ignorieren auch Sie, wie Lindholz, dass in ihnen ein unausgesprochener Tadel der am Fall „Koffi G.“ beteiligten Justizbehörden angelegt ist, der einer derart ranghohen Politikerin und damit einer führenden Repräsentantin des Parlamentarismus qua Amt eigentlich, wie sich im Interesse der Gewaltenteilung von selbst versteht, untersagt sein sollte. Wie eigentlich auch das andere, in der mir am 23.12.2022 zugestellten Entscheidung des Beschwerdeausschusses des Deutschen Presserates wie folgt auf den Punkt gebracht:

„Der Beschwerdeführer sieht […] den neu-rechten Stammtisch zu Ehren gebracht und bittet dabei zu beachten, dass am Folgetag der BamS-Beitrag in Alternativen Medien (etwa Deutschland Kurier) zustimmend paraphrasiert wurde, mit teils volksverhetzenden Pointen, etwa auf Twitter, inklusive kaum verhüllter Aufrufe, Koffi G. abzufackeln. Die Redaktion habe sich damit ein weiteres Mal in der Hoffnung auf Auflagensteigerung zum Steigbügelhalter neu-rechter Hetze gemacht.“

Ich bestreite nicht, dass Springer genug Geld hat, um seine Juristen wider Sätze wie diese und daran geknüpfte „Mißbilligungen“ zu streiten – jedes Mal vergebens, wie ich betonen möchte. Allerdings scheint mir die jeweils im Zentrum stehende Ziffer 8 des Pressekodex nicht gar so kompliziert, als dass es unmöglich sei zu verstehen, was dazugehört, „das Privatleben des Menschen und seine informationelle Selbstbestimmung“ zu achten. Ergo: Man stellt sich bei Springer offenbar bewusst dümmer als man ist, um auf diese Weise das Niveau des „Journalismus von unten“ noch zu unterschreiten. Und zwar im Bemühen, die stetig steigenden Zahl der sich in Follower (von „alternativen Medien“) verwandelnden Abonnenten zurückzuholen. Aus diesem Grund also, liebe Leute von Bild und Bild am Sonntag, schreibt derart rechts, dass jene Follower mit einer Verspätung von maximal einem Tag die von euch dargebotene Hate Speech in Internetmagazinen ihrer Wahl nachlesen können. Au weia, liebe Leute, da kann ich als euer Kollege[2] nur hoffen, dass ihr rechtzeitig diese Büchse der Pandora wieder geschlossen kriegt – bevor ihr und vermutlich wir alle in Björn Höckes Viertem Reich, an der Seite Russlands und gegen die „fremde Raummacht“ USA stehend, wieder aufwachen. Wo zwar Juristen aller Couleur massenhaft benötig werden dürften, aber niemand mehr die dazu erforderliche Lizenz bekommen wird.

II.

Pech für Sie, werter Herr Krah. Wenig Trost – eher im Gegenteil – bietet hier der Endpunkt unserer Reise zurück, erneut, zu einem Festival fast exakt fünf Jahre vor jenem vom 7. Oktober 2023 in Israel. Sie ahnen, was jetzt kommt, gell? Richtig: Wir schreiben den 4. September 2018, einen Tag nach dem unter dem Motto Wir sind mehr stehenden, von rund 65.000 Zuschauern besuchten kostenlosen Konzert gegen Rechtsextremismus (u.a. mit Die Toten Hosen), das ein wenig Vernunft zurückbringen sollte nach der Aufregung rund um das Chemnitzer Stadtfest (24. bis 26. August), bei dem der Deutsch-Kubaner Daniel Hillig durch Messerstiche tödlich verletzt wurde, mit der Folge von gewalttätigen Ausschreitungen am 26. und 27. August sowie einen Schweigemarsch am 1. September unter Beteiligung u.a. von Martin Sellner, Andreas Kalbitz, Götz Kubitschek, Björn Höcke sowie Lutz Bachmann und Siegfried Däbritz. Damit geriet die Veranstaltung zu einem demonstrativen Schulterschluss zwischen PEGIDA und AfD. (vgl. Weiland 2018)  Hinzugerechnet die Neonazi-Szene in Gestalt etwa von Stephan Ernst und Markus Hartmann (vgl. Steinhagen 2021: 265 f.), die sich 2020, aufgehetzt vom im März 2021 wg. Geldwäscheverdacht festgenommenen Szene-Anwalt Dirk Waldschmidt, darüber zerstritten, wer denn nun Walter Lübcke ermordet habe. Kaum weniger erinnernswert: Das sog. Hasi-Video vom Nachmittag des 26. August, welches den kurzzeitig vom Chemnitzer AfD-Kandidaten Michael Klonovsky für seinen 2021er Wahlkampf in Betracht gezogenen Spruch „Hase, Du bleibst hier!“ dokumentiert und zum Streit darüber führte, ob auf dem 19 Sekunden langen Video Szenen zu sehen seien, die an Hetzjagden auf Andersfarbige denken lassen. Was wiederum zu Debatten über die Echtheit dieser Videos führte, in deren Verlauf Hans-Georg Maaßen als Verfassungsschutzpräsident wg. vehementen Bestreitens eben dieser Echtheit seinen Hut nehmen musste. Insgesamt also hinreichende Gründe von verantwortungsvoller Seite, die Gemüter ein wenig zu beruhigen.

Doch was, werter Herr Krah, taten Sie an jenem 4. September? In Ihrer damaligen Funktion als stellvertretender AfD-Vorsitzender Sachsens? Richtig: Sie löschten im rechtspopulistischen, AfD-nahen Deutschland-Kurier mit Benzin, indem Sie die denkwürdigen Sätze niederlegten:

„Seit dem 1.1.2018 wurden in Chemnitz 60 Frauen vergewaltigt. Die Polizei sagt, 56 von Migranten, 4 von unbekannt.“ (zit. n. Gensing 2019: 66)

Die Polizei sagte zu dieser Zeit – und darum hätten Sie als verantwortungsvoller Politiker wissen müssen, womit diese Notiz etwas Hetzendes gewinnt – nichts dergleichen, im Gegenteil, und dies im Nachgang zu ihrem Dementi einer Fake News von Vera Lengsfeld. Die hatte Ende August 2018, gleichsam als Krahs Vorrednerin, die Zahlen 60/56 erstmals ins Spiel gebracht. Das dahinter verborgene Kalkül, man könne die mit ihrer Hilfe aufgestachelte Empörung der Wutbürger in Wahlstimmen pro AfD ummünzen, war offenbar auch für Klonovsky Ex-Focus– Buddy Aleander Wendt das bestimmende: In seinem neu-rechten Blog Publico zeigte dieser hochbegabte Demagoge am 3. September 2018 unter „Betr. Chemnitz“ das Plakat zum Wir-sind-Mehr-Konzert mit dem von ihm eingefügten, wie offiziell wirkenden Aufkleber:

„Das Konzert ist nicht kostenlos. Daniel Hillig hat bezahlt.“

Die Wirkung war, wie erwünscht. Ein gewisser Grand Nix beispielsweise schleuderte am nämlichen Tag per Kommentarfunktion auf Publico den auf dem Plakat angekündigten Künstlern ein deftiges „Verpisst euch aus Chemnitz, wenn ihr nicht trauern wollt für Daniel und seine Hinterbliebenen“ entgegen. Und Burkhard Minack fragte einen Tag darauf mit diabolischem Grinsen:

„Bekommt jetzt jeder Ort, an dem ein Migrant einen Menschen ersticht, ein Gratiskonzert mit Campino und den Toten Hosen? / War das also gestern der Auftakt zu einer langen Tour?“

Auch Klonovsky ließ seinen Buddy nicht im Regen stehen, lobte vielmehr Wendts „verlässlich sachliche Weise“ – und kritisierte ersatzweise Merkels „an Volksverhetzung grenzende, frei erfundene Story, die rassistischen Eingeborenen hätten Ausländer durch die Straßen gejagt.“ (Klonovsky 2019: 430 f.) Ansonsten marschierte er im Gleichschritt mit seinem anderen Buddy – Maximilian Krah – zurück auf Los, also bis ins Frühjahr 2018, als in Chemnitz, so der ARD-Journalist Patrick Gensing, „zwei vermeintliche Vergewaltigungen für Empörung“ sorgten:

„Ein junger Syrer saß 15 Tage in Untersuchungshaft, in den sozialen Netzwerken tobte der Hass. Die Ermittlungen zeigen später, dass es die Taten nicht gab.“ (Gensing 2019: 66)

Aber Sie, werter Herr Krah, trieb es noch weiter zurück, bis zum 16. Januar 2018. Damals, so Klonovsky in seinen Acta diurna, haben Sie, Krah, bei einer Rede in Chemnitz das Publikum aufgefordert, „nicht immer nur über die Motive zu rätseln, die hinter dem willkommenskulturellen Amoklauf der Kanzlerin stehen mögen, sondern einmal diejenigen in den Blick zu nehmen, die beim Götzendienst um den bon sauvage ihre eigenen Kinder zum Opfer bringen.“ (Klonovsky 2019: 47) Lassen wir einmal dahingestellt sein, ob der Journalist den Rechtsanwalt hier wörtlich zitiert oder dessen Gedanken nur in seine Sprachwelt herüberholt. Der übrigens gleich nachfolgend insgesamt drei[3] Beispiele nennt zwecks Illustration der von ihm angeregten Inblicknahme, nämlich „die Eltern der in Kandel erdolchten Mia“ als auch die Eltern „der in Freiburg ermordeten Maria L.“ (ebd.) Da anzunehmen ist, dass nun, fünf Jahre später, nicht jeder um diese beiden Fälle weiß, hier dasjenige, was in meinem Schwarzbuch Neue/Alte Rechte (Weinheim Basel: Beltz Juventa 2021) – dort auch alle im Vorhergehenden benutzten Quellen – nachlesbar ist, im letztgenannten Fall unter Verwendung des in der Presse vielfach verwendeten Klarnamens des Opfers:

Freiburg i. Br. Am 16. Oktober 2016 vergewaltigte und ermordete Hussein Khavari, ein Ende 2015 als unbegleitet aus Afghanistan gekommener Flüchtling in Freiburg die Studentin Maria Ladenburger. Der Täter, der gar nicht minderjährig war, wurde wg. Mordes und besonders schwerer Vergewaltigung nach Erwachsenenstrafrecht zu lebenslanger Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Die Eltern Marias sahen sich wg. ihrer Bitte, aus dem schrecklichen Tod ihrer Tochter kein politisches Kapital zu schlagen, heftiger Kritiker aus AfD-nahen Kreisen ausgesetzt. Der Fall wurde insbesondere 2018 von AfD-Politikern und -Sympathisanten, darunter Maximilian Krah sowie Michael Klonovsky, zwecks Skandalisierung der Flüchtlingspolitik Merkels aufgegriffen.

Wir nun langsam klar, werter Herr Krah, worauf ich hinauswill? Richtig, dies gehört bei Ihnen, einem Juristen, ja hoffentlich noch zum A&O: Die Herkunft des Täters aus Afghanistan erlaubt Rückschlüsse auf Kriegstraumata, sein Status als „unbegleitet“ (ob nun zurecht „minderjährig“ oder nicht, macht sozialpädagogisch gesehen keinen Unterschied) lässt auf einen erheblichen Betreuungs- und Integrationsbedarf schließen, der, so er, wie in diesem Fall, nicht durch entsprechende Angebote abgedeckt wird, es wahrscheinlich macht, dass jene, die Probleme haben, am Ende auch welche machen. Dass dies nicht verantwortungs- und schuldentlastend geltend gemacht werden kann resp. konnte, zeigt der Prozess bzw. die der Tatschwere angemessene Strafe.

Wie, werter Herr Krah, nicht Ihr Bier? Ihnen gehe es nun einmal als AfDler grundsätzlich nicht um Ankommen & Bleiben in der Logik das Asylrechts, Ihnen gehe es allein um „Raus!“ unter der Setzung, Flüchtlinge seien in Wahrheit und durch die Bank nichts weiter als „Invasoren“, insonderheit einer Spezies zugehörend, die von Vergewaltigungen nicht lassen könne? Und eben deswegen seien Sie für eine Blickumkehr in Richtung der Eltern der Opfer sowie deren Fürsprecherin, wie damals der Kanzlerin, der anzulasten sei, gefährliche Invasoren als Flüchtlinge zu deklarieren und damit Gutmenschen, wie etwa Maria Ladenburgers Eltern, zu täuschen? Und diese Täuschungshandlung gelange bei Westdeutschen weit leichter als bei Ostdeutschen? Wie am Tatort Freiburg i. Br. Studierbar? Womit sich ganz andere Fragen stellen, etwa:

„Was, fragt er [Krah], ist eigentlich […] im Leben der Eltern […] falsch gelaufen, dass sie ihre Töchter überhaupt einer solchen Situation aussetzten?“ (Klonovsky 2019: 47)

In Übersetzung geredet: Was hat diese westdeutschen Eltern veranlasst, Merkels Wahn (etwa vom Typ „Wir schaffen das!“) zu glauben? Und warum, so habe Krah nach dem Mord an Maria Ladenburg zurecht weiter gefragt, „sind gerade die Menschen in Ostdeutschland anscheinend dagegen immunisiert?“ Klonovskys Antwort ging über jene Krahs hinaus, in Richtung der zeitgleich vom vormaligen Verfassungsschützer Helmut Roewer (2018) bedienten These dass „die Gehirnwäsche im Westen […] viel smarter und tiefgreifender [war]“ (Klonovsky 2019: 48) – eine Vokabel, die aufmerken lässt und klarstellt, wovon Klonovsky hier eigentlich in verhüllter Form redet: nämlich vom Beginn derselben, skizziert im gleichnamigen Buch (Gehirnwäsche [1965]) von der Neu-Rechts-Ikone Caspar von Schrenck-Notzing, der sie der von der Siegermacht USA ins Schuldbuch geschriebenen Reeducation anlastete, die wiederum von den 68er fortgeschrieben wurde mit der Folge von so grünversifften Eltern wie jenen von Maria Ladenburger, die ihre Tochter in den ihnen andressierten Glauben „von der Einen Welt, wo zehn Milliarden Gleiche einander zum energiereduzierten Massenschunkeln unterhaken, sie glauben allen Ernstes, ein Teil der Menschheit denke schon jetzt wie sie, und der große Rest strebe es an.“ Kurz und mit letztem Blick des im Erzgebirge geborenen Klonovsky auf Westdeutsche vom Typ Ladenburger sen.[4]:

„Ihr Erwachen ist blutig und wird noch viel blutiger werden […]. Wie so oft müssen die Kinder für die Torheiten ihrer Eltern, die Völker für jene ihrer Regierungen büßen.“ (ebd.: 48)

Chapeau, möchte man hier am liebsten konzedieren angesichts dies geradezu durchtriebenen Versuchs, das Wahlvolk ob der fürwahr schrecklichen Tat in Freiburg i.Br. in Angst und Schrecken zu versetzen ob der Bestien, die Merkel, in Fortführung der US-Reeducation sowie jener der 68er, hineingelassen habe in unser so schönes und friedliches Deutschland; sowie ob der Verantwortungslosigkeit der Kanzlerin, der man dringend in den Arm fallen müsse bei ihrem Tun, das für ihre Untergebenen, und vor allem für deren Töchter, noch tödlich enden müsse.

Zur Nebenfrage gerät von hier aus, was aus den Ostdeutschen wird, die sich gebauchpinselt fühlen dürften ob solcher Agitatoren, die ihnen versichern, das Verhärtete an ihnen sei ganz in der Ordnung, zumal es zu hellwachen Töchtern führe voller berechtigter Skepsis gegen die „Invasoren“ zumal männlichen Geschlechts, die immer nur das Eine wollten und es sich, geistig verwüstet durch ihren Glauben (Islam) und den seit Jahrzehnten währenden Terror in ihrer Herkunftsregion, zur Not mit Gewalt nähmen.

Und zur Hauptfrage wird nun meine Ausgangsfrage: Wann, werter Herr Krah, werden Sie endlich den Mut aufbringen, den seit dem 7. Oktober 2023 trauernden Eltern in Israel zu versichern, Sie seien genauso schuld an Tod Ihrer Kinder, wie es die Eltern der Maria Ladenburger waren. Und, zweiter Ratschlag à la Krah: Allen anderen in Israel sei anzuraten, Ihre zukünftige Brut im Zeichen des Hasses und der Versteinung zu erziehen. Nicht zu vergessen, aber nur im Fall Ihres Wahlsieges am 9. Juni vorstellbar: Werden Sie, werter Herr Krah, es wagen, Marias Vater, einem hohen Justizbeamten in Brüssel, bei passender Gelegenheit das zu sagen, was im Vorhergehenden herausgearbeitet wurde: Dass seine Tochter mit Ihrem Tode für seine Torheiten – und die seiner Frau – habe büßen müssen, so wie Opfer des Massakers vom 7. Oktober 2023? Ich hoffe, dass Ihnen dazu der Mut fehlt.

Aber sicher bin ich natürlich nicht! Deswegen, liebe Leute aller Couleur, bitte schützt Herrn Maximilian Krah vor dieser Peinlichkeit, spendiert ihm einen Platz bei einer der besten jüdischen Erfindungen, der Psychoanalyse – aber bitte: Wählt ihn nicht am 9. Juni 2024, nicht da, überhaupt: Nie wieder!

Autor: Prof. Dr. Christian Niemeyer (Berlin/TU Dresden)

[1] Unter diesem Titel erschien die Erfassung dieser Glosse am 29. September 2022, nachlesbar unter dem Link: www.hagalil.com/2022/09/spott-light/. Die Überschrift persifliert Michael Klonovskys völkischen Spott, „in manchen deutschen Redaktions- und Gelehrtenstuben“ werde allmogendlich gebetet: „[U]nsere tägliche Schuld gib uns heute“ (Klonovsky 2015: 163).
[2] Fachjournalist von der Bundesvereinigung der Fachjournalisten e.V. (bdfj)
[3] Das dritte Beispiel handelt von einem, so O-Ton Klonovsky, „schariakonform weichgeklopften Kika-Mädchen“ (Klonovsky 2019: 47) und sei hier nur angeführt als Beispiel für die auf eine Überdosis Ulfkotte hinweisende Sprachverrohung selbst in höheren AfD-Kreisen.
[4] Über ihn teilt Klonovsky am 28.11.2018 u.a. das Folgende mit, nach einer ihm zugegangenen Zuschrift einer Leserin: „Marias Vater ist ein führender Schriftgelehrter der Europäischen Menschenrechtszivilreligion, durch deren Menschenwürde-Prinzipienreiterei in den letzten Jahren alle Völkerwanderungsschranken gefallen sind.“ (Klonovsky 2019: 552 f.) Die Wortwahl – in diesem Fall wohl jener der Leserin – ist grenzwertig, die suggestive Form der Thematisierung dieser Zusammenhänge ist herz-, takt- und geschmacklos.