„Ich fühle mich zum ersten Mal seit meiner Befreiung aus dem Konzentrationslager vor 78 Jahren als Jude“

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Ivan Ivanji (2018), Foto: Medija centar Beograd / CC BY-SA 3.0

Zum Tod des jüdischen Schriftstellers Ivan Ivanji (24.1.1929 – 9.5.2024)

Von Roland Kaufhold

Am 8. Mai, dem Tag der Niederlage von Nazi-Deutschlands, reiste der 95-jährige serbische Schriftsteller und Schoah-Überlebende Ivan Ivanji, wie schon so oft bei Gedenktagen, nach Deutschland. Genauer: Nach Weimar. Er hatte auch Buchenwald überlebt. Im Nationaltheater las er, wie Doris Akrap berichtet, aus seinem Buch Buchstaben aus Feuer. Danach legte er sich in Weimar schlafen – und wachte nicht mehr auf.

Aufgewachsen als Sohn einer jüdisch-säkularen Ärztefamilie – diese hatten in Deutschland ihre medizinische Ausbildung gemacht und sprach mit ihm sowohl deutsch als auch serbisch; untereinander sprachen sie Latein – wurde Ivan Ivanji 1929 im serbischen Banat geboren. 1941 wurden seine Eltern von den Nazis ermordet.

1944, da war er 15, wurde er nach Auschwitz, dann nach Buchenwald verschleppt. In Buchenwalder Außenlagern wie Niederorschel musste er Zwangsarbeit leisten. Zwangsarbeit war eine Methode, um die Häftlinge auch körperlich schrittweise zu zerbrechen. Der berühmte spätere Buchenwald-Dokumentarist H. G. Adler wurde sein Freund, gemeinsam gelang ihnen, sich vor dem Todesmarsch zu retten.

Nach seiner Befreiung ging er zurück nach Serbien und studierte in Belgrad Architektur und Germanistik. Dank seiner sprachlichen Talente arbeitete er als Theaterintendant, als Lehrer, als Dolmetscher, danach als jugoslawischer Kulturattaché in Bonn.

Seine Tätigkeit als Dolmetscher vom jugoslawischen Staatschef Tito in den Jahren von 1974 bis 1978 empfand er als herausfordernde Zeit. Von Tito war er begeistert und erlebte dessen Regentschaft als eine glückliche Zeit für Jugoslawien.

Dann vertiefte der außergewöhnlich produktive Schriftsteller – er schrieb sowohl auf serbokroatisch wie auch auf deutsch – seine literarische Karriere und war von 1982 bis 1988 Generalsekretär des jugoslawischen Schriftstellerverbandes.

Er schrieb auch, mit sehr eigener, kritischer Stimme, für große deutsche Zeitungen und Magazine sowohl über literarische wie auch über politische Themen. Immer wieder schrieb Ivan Ivanji, der sich nicht gerne als Holocaust-Zeitzeuge titulieren ließ, über die Shoah, über Auschwitz und Buchenwald, so in seinem Erfolgswerk Mein schönes Leben in der Hölle.

Er übersetzte auch zahlreiche literarische Werke von Kollegen, so auch, wie Doris Akrap bemerkt, Werke von Grass, Böll und Brecht ins Serbische. Es folgten Lebensstationen in Wien sowie erneut in Belgrad.

Auch aufgrund seiner Verbundenheit mit Deutschland wie insbesondere auch mit Weimar, dem Ort seines Leidens, wurde ihm 2019 der Thüringer Verdienstorden überreicht.

Ivan Ivanji veröffentlichte mehr als 20 Romane, so auf Deutsch Ein ungarischer Herbst, Der Aschenmensch von BuchenwaldStalins Säbel, Corona in Buchenwald, Der alte Jude und das Meer, aber auch das Kinderbuch Der gutherzige Hai.

In einem sehr berührenden Nachruf hat die taz-Redakteurin Doris Akrap in persönlicher Weise Ivanjis Lebensspuren und dessen inneren Kämpfe nachgezeichnet. 

Über Ivanjis Tito-Buch führt Doris Akrap aus: „Selbst in diesem nichtliterarischen Werk erkennt man die große Beobachtungsgabe, das detailgenaue Interesse und das feine politische und menschliche Gespür eines großen europäischen Bürgers des 20. Jahrhunderts. Dazu gehörte auch, dass er der serbischen Regierung des rechtspopulistischen Präsidenten Aleksandar Vučić verweigerte, ihm persönlich zum 90. Geburtstag zu gratulieren.“

Sie hebt sein „überragendes Erzähltalent“, seine „Fülle an historischer Erfahrung“ hervor, aber auch sein Talent als „überaus höflicher, immer wacher und inspirierender Gesprächspartner“ sowie dessen „feinen, immer präsenten Humor.“

Auch wenn Ivan Ivanji über die Shoah sprach, was seine eigenen Jugendlichen Erfahrungen in der Shoah berührte, so wusste er doch selbst hierbei lebensbejahende und somit versöhnende ironische Geschehnisse zu berichten.

Ivan Ivanji war oft äußerst kritisch gegenüber dem israelischen Staat und bezeichnete sich selbst verschiedentlich als einen besonderen Freund der Palästinenser.

Nach dem Pogrom der Hamas vom 7.10.2023 war er zutiefst erschüttert. Am 14.10 schrieb er in der taz den Beitrag „Wieso ich mich wieder als Jude fühle„. Hierin führt er aus: Soweit mir bekannt ist, waren alle meine Vorfahren sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits Juden. Doch meine Familie war nicht gläubig, hielt sich nie strikt an die jüdischen Vorschriften. Wir haben Weihnachten und Ostern gefeiert und serbische Freunde zum orthodoxen Familienfest besucht, jüdische Feiertage und Bräuche aber kannte ich als Kind überhaupt nicht. Ich habe mich nicht mal in eine Jüdin verliebt und immer gesagt: Für Hitler bin ich Jude, aber auch sonst bin ich mit ihm nicht einer Meinung. Doch jetzt, nach der blutrünstigen Orgie, die die Mörderbande der Hamas am 7. Oktober begangen hat, ist es anders: Ich fühle mich zum ersten Mal seit meiner Befreiung aus dem Konzentrationslager vor 78 Jahren als Jude.“

Ivanji versteht als gottloser, kritischer Jude sehr präzise die Zäsur, den abgrundtiefen, nach militärischen und entschlossenen politischen Handlungen drängenden Schock dieses präzedenzlosen Pogroms: „Ich verstehe, wenn die Israelis sagen, dass der Angriff für sie das Gleiche ist wie für die Amerikaner der 11. September. Aber es war schlimmer. Viel schlimmer.“

Und, weiter: „Die Anführer der Hamas sind geschickte Propagandisten. Israel in seiner gerechtfertigten Verzweiflung und Wut interessiert sich gerade nicht dafür, welches Bild sich die Welt von ihm macht.“ 

Und Ivan Ivanji schließt seinen zuerst in einer serbischen Zeitung erschienenen, von Doris Akrap übersetzten Essay mit: „Mir bleibt nur der Sarkasmus des Alters: Fragen wir Elon Musk, ob es noch einen freien Platz in seinen Raketen zum Mars gibt.“

Am 13.12.2023 folgte in der taz ein weiterer Beitrag Ivan Ivanjis über das Hamas-Pogrom, den die taz mit „Jüdischsein in Deutschland: Hat es sich geändert? Der Literat und KZ-Überlebende Ivanji hat sich nach dem Ende des Nationalsozialismus nie gefragt, wie es ist, als Jude nach Deutschland zu reisen. Nun schon“ betitelt. 

Diesen beginnt Ivan Ivanji mit einer Erinnerung an seine Zeit kurz nach seiner Befreiung:

„Sieben Jahre nach meiner Befreiung aus dem KZ kehrte ich nach Deutschland zurück. Am 11. April 1945 wurde ich von Amerikanern aus dem Konzentrationslager „Magda“, einem Außenlager von Buchenwald nahe dem Dorf Langenstein-Zwieberge, gerettet. 1952 reiste ich als junger Journalist nach Deutschland. Man fragte mich, wieso ich nach allem, was ich in Konzentrationslagern als Jude erlebt hatte, überhaupt wieder in dieses Land fahre. Wieso ich so gerne Deutsch spreche und nicht die Sprache der Nazis meide.“


Im Jahr 2008 erschien von Ivan Ivanji sein Erzählung Geister aus einer kleinen Stadt (Wien, Picus. Diese besprach ich in der Zeitschrift TRIBÜNE. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums

Aus Anlass des Todes von Ivan Ivanji veröffentlichen wir diese Buchbesprechung erstmals, in der Originalversion (2008), auf haGalil:

Von Roland Kaufhold

Der serbisch-jüdische Schriftsteller Ivan Ivanji hat eine Vielzahl von autobiographisch getönten literarischen Werken vorgelegt. Diese kreisen um seine Jugenderfahrungen wie auch um sein Überleben der Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald.

Ivanji wurde 1929 im Banat – einer zwischen Ungarn, Serbien und Rumänien gelegenen Region – geboren und erlernte in seiner Jugend serbisch, ungarisch und deutsch. Er überlebte 15-jährig die nationalsozialistische Verfolgung und war später als Lehrer sowie als Kulturattaché in Bonn tätig.

In seinem neuesten, von ihm auf deutsch geschriebenen Werk beschreibt der Autor aus der distanzierten Position eines Beobachters das multikulturelle Leben einer im Banat gelegenen Kleinstadt.

In einem Prolog berichtet Ivanji, wie ein Besuch in der Bibliothek seiner Heimatstadt in ihm alte Erinnerungen wachrief: „Jahrelang plante ich, wieder einmal einen ganzen Tag dort zu verbringen, um mich umzusehen und, wie ich nicht laut sagen wollte, um nicht pathetisch zu werden, die Pfade meiner Kindheit zu begehen. Es kam aber lange nicht dazu.“ (S. 9) Eine Anknüpfung an seine Jugend vor der Shoah, so der Leseeindruck bis zur Hälfte des Buches, ist dem jüdischen Autor möglich.

Im Banat lebten Serben, Ungarn, Deutschen, Juden und Roma weitgehend friedlich zusammen. Das geordnete kleinstädtische Milieu bildet den Rahmen, um in einer lakonischen, geruhsamen Erzählweise das Schicksal einiger Familien zu entfalten. Diese verschiedenen Bevölkerungsgruppen pflegen berufliche und soziale Kontakte, wissen von ihrer Verschiedenheit. Gelegentlich kommt es zu ethnienüberschreitenden Heiraten, was nicht gerne gesehen, aber toleriert wird.

In der Mitte des Romans öffnet sich scheinbar unerwartet ein verstörender Bruch: Alle Jahrhunderte lang gewachsenen Traditionen und Selbstverständlichkeiten gelten nun für Juden und Roma nicht mehr, das dörfliche Zusammenleben wird gewaltsam zerstört. Die Deutschen besetzen auch diese Kleinstadt, die furchtbare Zeit der Verfolgung, Entrechtlichung und Ermordung beginnt. Der Autor behält seinen nüchtern-distanzierten Ton bei. In dem Kapitel „Die Deutschen kommen“ konstatiert Ivanji die Veränderungen: „Die einheimischen Deutschen haben schon alles vorbereitet und legen Namenslisten vor. Die ersten Serben werden erschossen, die ersten Juden gehenkt. Die Bevölkerung wird davon durch Plakate benachrichtigt. Es wird nicht einmal für notwendig gehalten, für die Hinrichtung eine Begründung anzuführen. In der Konditorei nehmen deutsche Offiziere den Platz an den besten Tischen ein und lassen sich Kaffee und Kuchen schmecken.“ (S. 105)

Der Tod eines der Protagonisten – eines Buchhändlers – wird beschrieben, aber auch eine Widerstandsaktion gegen SS-Männer wie auch eine glückliche Flucht nach Palästina. Am Ende des Kapitels „Die Donau“ fügt Ivanji hinzu: „Tatsache ist, dass in meiner Heimatstadt eintausendzweihundertachtundsiebzig Juden interniert worden sind und achtunddreißig überlebt haben. Achtunddreißig.“ (S. 145) In dem Abschnitt „Gas“ beschreibt Ivanji das verbrecherische Handeln einiger SS-Männer in seinem Dorf. Eine Verfolgung und Verurteilung der Täter durch deutsche bzw. österreichische Gerichte erfolgte nach dem Krieg nicht. „Solche Einzelheiten aus dem Leben würde kaum ein Romancier zu erfinden wagen.“ (S. 165)

Das Buch klingt mit dem Kapitel „Frieden nach dem Krieg“ aus. Einige wenige Protagonisten haben überlebt, es kommt nicht zu Racheaktionen gegen die Mörder. Am Ende des Romans steht eine Spurensuche eines Überlebenden in seiner früheren Heimat. Kann es eine Anknüpfung an seine Jugend vor der Shoah geben? Der 80-jährige begegnet einer völlig veränderten Stadt, seine Erinnerungen finden keine Anknüpfung in der Gegenwart: „Das ist ein See. Ein Teich. Stilles Wasser. Alle Versuche sind vergeblich, sein Pfad aus der Zeit der Kindheit existiert nicht mehr. Das ist normal. Machen wir uns nichts vor. Es ist unmöglich, in seine Kindheit zurückzukehren. “ (S. 198f.)