„Das Bedürfnis, davon zu erzählen. Zeuge sein.“

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Grete auf einem Berggipfel der Bayerischen Alpen, ca. 1932.

Heute vor 25 Jahren starb die Schriftstellerin Grete Weil

Ein Beitrag von Bavaria-Judaica.de

Grete Weil wurde am 18. Juli 1906 in Egern am Tegernsee als Margarete Elisabeth Dispeker geboren. Die Eltern, Geheimer Justizrat Siegfried Dispeker und seine Ehefrau Isabella (Bella), lebten in München und besaßen ein Landhaus am Tegernsee. Grete hatte einen elf Jahre älteren Bruder, Friedrich „Fritz“ Dispeker, der im Ersten Weltkrieg diente und mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet wurde. Mit dem Bruder verband Grete ihre Leidenschaft für die Berge, die der Vater in ihr geweckt hatte, als er mit ihr als Fünfjähriger auf den Wallberg stieg.

Gretes Umfeld war großbürgerlich-liberal und stark akkulturiert. Sie sei ein verwöhntes Kind gewesen und fühlte sich als Münchnerin und Bayerin, nicht als Jüdin. Die Familie feierte Weihnachten und Ostern, der Bruder war nicht beschnitten und die Familie besuchte auch nie die Synagoge. Der Vater war viele Jahre zweiter Vorsitzender der Münchner Anwaltskammer und auch im Vorstand der jüdischen Gemeinde in München, für die er als juristischer Berater fungierte. Über die Eltern, deren Haus regelmäßig Treffpunkt für Intellektuelle und Künstler der Stadt war, kam Grete früh mit der literarischen Szene vor Ort in Kontakt. Ihre ersten Schreibversuche unternahm sie schon als Zwölfjährige. Eine enge Freundschaft verband sie mit ihren Großcousins Edgar und Hans Joseph Weil und deren Freund Walter Jokisch, die in Frankfurt lebten und am Tegernsee ihre Sommer verbrachten. Egern beschreibt Grete Weil in ihrer Autobiografie liebevoll als „Ort, in dem man zu Hause ist, wirklich zu Hause, auch dann noch, als über dem Ortsschild ein Transparent mit der Aufschrift hängt: ‚Juden betreten den Ort auf eigene Gefahr.‘ Das Transparent macht die Menschen hässlicher, nicht den Ort“.

Grete besuchte eine Höhere Töchterschule in München. Das Abitur bestand sie ausgerechnet im Fach Deutsch nicht. Sie wiederholte den Abschluss 1929 in Frankfurt und studierte im Anschluss Germanistik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, wechselte später nach München und Berlin. 1932 heirateten Grete und Edgar Weil, der als Dramaturg an den Münchner Kammerspielen arbeitete. Kurz darauf schrieb Grete ihre erste Erzählung „Erlebnis einer Reise“. Ihre Promotion musste sie wegen der politischen Umstände abbrechen.

In ihrer Autobiografie beschreibt Grete Weil immer wieder die Tatsache, dass sie sich lange der Gefahr nicht bewusst war, erst viel zu spät das Ausmaß der nationalsozialistischen Judenverfolgung verstand. „Hat die kleine, glückliche Grete irgendwann begriffen, dass sie nicht nur mit dem silbernen Löffel im Mund geboren wurde, sondern dass sie durch ihre Geburt in eine tödliche Falle gelaufen war? Es hat sehr lange Zeit gedauert, bis sie es begriff.“

Edgar Weil wurde im März 1933 verhaftet. Nach seiner Freilassung emigrierte er in die Niederlande und versuchte dort, die pharmazeutische Firma seines Vaters zu halten. Die Chance, in ihren Berufen unterzukommen, waren für das Ehepaar sehr schlecht. Die Firma des Schwiegervaters, deren Fortbestand gesichert werden konnte, ermöglichte den Weils ein Auskommen und sollte auch nach 1945 Grete Weil absichern. Holland schien eine sichere Zuflucht zu bieten.

Noch in München absolvierte Grete Weil eine Fotografenlehre, während der sie an der Dokumentation des Baus der Reichsautobahn zwischen München und Salzburg beteiligt war. 1937 folgte sie ihrem Mann nach Amsterdam: „Ich weine jeden Tag. Die andere Sprache, die fremden Menschen, das flache Land. Sogar die Kühe haben eine andere Farbe als in Bayern.“ Sie übernahm ein Fotoatelier in der Beethovenstraat, über dem das Ehepaar eine kleine Wohnung bezog. Im Sommer 1938 traf sie in Südfrankreich auf Franz Werfel, Alma Mahler-Werfel und Lion Feuchtwanger und konnte sie fotografieren. Frank Werfel zählte die Bilder als „weitaus zu den besten, die je von mir gemacht worden sind“.

Im Jahr zuvor, im Sommer 1937 reiste Grete Weil noch einmal nach Deutschland, da ihr Vater im Sterben lag. 1938 kehrte sie mit ihrer Mutter Bella nach Amsterdam zurück. Bruder Fritz konnte nach England emigrieren.

Die Besatzung der Niederlande veranlasste das Ehepaar Weil zu einem Fluchtversuch nach England, der jedoch nicht glückte. Sie konnten die Ausreise nach Kuba organisieren, Edgar wurde jedoch zuvor auf offener Straße verhaftet, zunächst in Holland interniert und dann nach Mauthausen deportiert und schließlich am 17. September 1941 im KZ Mauthausen ermordet. Grete Weil beschreibt die Situation in ihrer Autobiografie: „Einmal habe ich geschrieben, dass ich eine Zeugin des Schmerzes bin. In diesem Augenblick ergreift er von mir Besitz und wird nicht mehr vergehen, mein Leben lang.“

Grete Weil verblieb in Amsterdam und begann für den Jüdischen Rat zu arbeiten. Sie half, wo möglich und schloss sich dem Widerstand an. Von der Deportation bedroht, musste sie untertauchen und blieb bis Kriegsende in der Wohnung eines Freundes versteckt. Erst viel später erfuhr sie, dass sie im Nachbarshaus untergekommen war, in dem sich die Familie Frank verborgen hielt. In dieser Zeit entstand ihr Roman „Der Weg zur Grenze“, der erst posthum 2022 veröffentlicht wurde und der das Erstarken des Nationalsozialismus beschreibt.

Grete Weil überlebte, auch ihre Mutter und der Bruder konnten in den Niederlanden und England überleben. Nach Kriegsende wurde 1949 Weils Novelle „Ans Ende der Welt“ publiziert, eine Liebesgeschichte in Amsterdam vor dem Hintergrund von Verfolgung und Deportation, die sie 1943 schrieb. „Man kann darüber schreiben, aber man kann nicht erzählen, wie es wirklich war“, sagte sie an anderer Stelle. Ihr gesamtes Werk ist autobiografisch geprägt und setzt sich mit der Zeit der Verfolgung und jüdischer Identität auseinander.

Die Entscheidung, nach Deutschland zurückzukehren, reifte bald in ihr, sie wollte schreiben und brauchte „eine Umgebung, in der die Menschen Deutsch sprechen“. 1946 reiste sie erstmals wieder nach Deutschland, in das „Land meiner Mörder, Land meiner Sprache“, und traf in Frankfurt ihren Jugendfreund Walter Jokisch. Grete Weil zog zu Jokisch nach Darmstadt, wo er Intendant des Landestheaters war. Das Paar lebte zusammen, heiratete aber erst 1961.

Später lebte sie in Frankfurt a. M., veröffentlichte weitere Romane und Erzählungen und arbeitete als Übersetzerin. Der literarische Durchbruch gelang ihr erst 1980 mit „Meine Schwester Antigone“. Literatur über die Verfolgung sei unerwünscht gewesen, so Grete Weil. Walter Jokisch verstarb 1970 an den Folgen einer Leukämieerkrankung. Grete Weil zog nach Grünwald bei München. München liebe sie noch immer, schrieb sie, „seine gute Mischung aus nördlicher Rauheit und südlichem Glanz, ich mag die Menschen, ihren oft ins Grobe entgleisenden Charme, ihren Dialekt“.

Grete Weil starb am 14. Mai 1999 in Grünwald im Alter von 92 Jahren.

Quellen:
Elisabeth Tworek, Grete Weil – Jüdin in bayrischer Landschaft, in: Elisabeth Tworek, (Hg.), Trügerische Idylle: Schriftsteller und Künstler am Tegernsee 1900–1945, München 2017.
Grete Weil, Leb ich denn, wenn andere leben, Frankfurt a. M. 2001.
Lisbeth Exner, Land meiner Mörder, Land meiner Sprache: die Schriftstellerin Grete Weil, München 1998.