Der neue Nahe Osten

0
294
Abschuss einer iranischen Drohne durch die israelische Luftwaffe, Foto: Screenshot IDF Spokesperson

Der Angriff des Iran auf Israel ist glimpflich verlaufen. Doch die Spannungen sind damit keinesfalls vom Tisch. Viel wird nun über mögliche israelische Reaktionen spekuliert. Dabei hat die Nacht vom 13. auf den 14. April auch neue Chancen eröffnet.

Von Ralf Balke

Die Israelis atmen auf. Als am späten Samstagabend bekannt wurde, dass der Iran gleich mehrere hundert sogenannte Kamikaze-Drohnen, Marschflugkörper sowie ballistische Raketen Richtung Israel abgefeuert hatte, sah das Ganze noch anders aus. Viele befürchteten das Schlimmste. Doch wenige Stunden später kam die große Erleichterung. Fast alle Geschosse und unbemannten Flugobjekte konnten rechtzeitig vom Himmel geholt werden. Zwar ertönten in Jerusalem sowie anderen Teilen des Landes die Sirenen, in den Ballungszentren an der Küste blieb es aber weitestgehend ruhig. Sehr wohl aber wurde ein 7-jähriges Beduinenmädchen im Negev durch herabfallende Raketenteile schwer verletzt.

Dabei konnte man seit Tagen ahnen, dass der Iran zuschlagen würde. Es ging nicht mehr um ein „ob“, sondern das „wann“ und „wie“. Denn Teheran wollte Rache nehmen, und zwar für die am 1. April in Damaskus erfolgte gezielte Tötung von Mohammad Reza Zahedi. Der Brigadegeneral der iranischen Revolutionsgarden war nicht irgendein ranghoher Militärangehöriger, sondern verantwortlich für den Nachschub von Waffen aus dem Iran in den Libanon. Des Weiteren saß er als einziges nichtlibanesisches Mitglied im sogenannten Schura-Rat, quasi das Politbüro der schiitischen Terrormiliz und wichtigstes Entscheidungsgremium. „Sein Tod hat eine einzigartige Lücke hinterlassen, die die iranische Führung nicht so leicht füllen kann, zumal bei dem israelischen Luftangriff auch seine ranghohen Stellvertreter getötet wurden“, so Nicholas Carl, Iran-Kenner beim Thinktank American Enterprise Institute in Washington. Für das Regime in Teheran sei das ein ähnlich herber Schlag gewesen wie die gezielte Tötung von Qassem Suleimani durch die Vereinigten Staaten im Januar 2020. Beide waren jahrzehntelang die Organisatoren des Terrors im Auftrag der Mullahs, weshalb Fachleute mit ihrer Expertise nur schwer zu ersetzen sind.

Der Iran behauptete daraufhin, dass die gezielte Tötung vom 1. April auf seinem Botschaftsgelände stattgefunden habe, also quasi auf iranischem Territorium, was Teheran wiederum das Recht auf Vergeltung geben würde. Oder wie es der greise Ayatollah Khamenei am 10. April formulierte: „Unser Konsulat zu attackieren war wie unser Land anzugreifen.“ Die Tatsache, dass sich Zahedi in einem Gebäude neben der diplomatischen Vertretung aufgehalten hatte und es die Iraner waren, die sich um solche Feinheiten in der Vergangenheit wenig geschert hatten und beispielsweise – wie vor wenigen Tagen ein argentinisches Gericht noch einmal ausdrücklich feststellte – hinter dem verheerenden Anschlag auf die israelische Botschaft in Buenos Aires von 1992 standen, spielte für sie dabei keine Rolle.

Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten? Diese am Vorabend des baldigen Pessachfests gestellte erste von vier Fragen ließe sich auch im Kontext der Ereignisse der Nacht von Samstag auf Sonntag fragen. Denn eines war nun definitiv anders geworden: Teheran ist ganz offen als Akteur und Aggressor in Erscheinung getreten. „Der Iran ist in eine neue Phase getreten“, lautet dazu die Einschätzung von Nadav Pollak von der Reichman Universität, dem früheren IDC, in Herzliya. „Man hat aufgehört, sich hinter seinen Proxies zu verstecken und ist jetzt selbst damit einem direkten Angriff ausgesetzt. Denn Israel kann es sich auf Dauer kaum leisten, still dazusitzen und einfach nur Raketen abzufangen.“ Konkret bedeutet dies, dass der Schattenkrieg der vergangenen Jahrzehnte vorbei ist, aber noch niemand konkret vorhersagen kann, wie die neue Eskalationsstufe langfristig aussieht.

Doch die Nacht vom 13. auf den 14. war etwas Weiteres. „Der Iran stellte das Raketenabwehrsystem sowie die Handlungsbereitschaft der Länder in der Region und der Vereinigten Staaten auf die Probe“, glaubt Jonathan Schanzer, Analyst bei der Foundation for Defense of Democracies in Washington. „Das alles bringt ein großes Risiko mit sich. Wenn zwei so mächtige Parteien in direkte Feindseligkeiten verwickelt werden, weiß niemand, wohin die Sache letztendlich führt.“ Dieser Testfall hat nun stattgefunden. Die Unfähigkeit der Iraner, Israel ernsthaften Schaden zuzufügen, mag nur auf den ersten Blick beruhigend wirken. Zwar zeigte sich, dass der Iran über die militärischen Möglichkeiten verfügt, über große Distanzen hinweg Ziele anzugreifen, was ebenfalls die Europäer beunruhigen sollte, weil auch sie damit in den Aktionsradius iranischer Raketen geraten. Auf der anderen Seite aber könnte die gerade offenbar gewordene technische Unterlegenheit der Mullahs dazu führen, dass sie nun erst recht mit aller Kraft ihr Atomwaffenprogramm voranbringen werden, um so unangreifbar zu werden. Das sei ohnehin nur eine Frage der Zeit, wobei es laut Expertenmeinungen nur noch Monate dauern könnte, bis der Iran die langersehnte Bombe auch hat. Und da ist noch das Problem mit den Trägersystemen. Eine nukleare Waffe zu haben, ist eine Sache. Sie auch an ein Ziel befördern zu können, eine andere – genau da scheint es offensichtlich zu hapern, wie die Nacht von Samstag auf Sonntag zeigte.

Doch angesichts der aktuellen Ereignisse ist nun Israel gezwungen zu reagieren. Doch offen bleibt, was die Ziele eines Vergeltungsschlags sein könnten und welche Risiken dieser mit sich bringt. Die technisch und logistisch anspruchsvollste Antwort wäre ein direkter Angriff auf die Anlagen im Iran, die im Zusammenhang mit dem Atomprogramm stehen. Zugleich wäre das auch die risikoreichste Option, weil sich diese viele Meter unterhalb der Erde befinden, bestens gesichert sind und man erst die iranische Luftabwehr in die Knie zwingen müsste. Und die Gefahr eines daraus resultierenden Krieges in der Region ist ebenfalls nicht zu unterschätzen. Wahrscheinlicher sind deshalb Cyberattacken auf die Atomanlagen und iranische Versorgungseinrichtungen – vorausgesetzt man will Ziele im Iran selbst angreifen. Ein anderes Ziel wären Irans Marionetten im Libanon oder anderswo, auch ließen sich Kommandeure der Revolutionsgarden verstärkt ins Visier nehmen. Dass einiges davon geschehen wird, sollte Teheran ebenfalls klar sein. Auch hier geht es nicht mehr um ein „ob“, sondern das „wann“ und „wie“.

Nur wird Israel sehr wahrscheinlich allein handeln müssen. US-Präsident Joe Biden hat deutlich gemacht, Jerusalem bei einer militärischen Antwort auf den iranischen Angriff nicht helfen zu wollen – sehr wohl aber betonte er den Beistand, den Washington leisten würde, sollte der Iran erneut auf die Idee kommen, Israel anzugreifen. Das sollte Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, der unter dem Druck seiner rechtsextremen Koalitionspartner steht, die am liebsten sofort zuschlagen würden, zu denken geben. Und nicht nur das. Jede Form von militärischer Reaktion ist ebenfalls eine Belastungsprobe für die informelle Koalition recht ungleicher Partner, die sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag zeigte. Denn die 99-prozentige Abschussquote der iranischen Raketen und Drohnen kam nur deshalb zustande, weil nicht nur die Vereinigten Staaten und Großbritannien daran beteiligt waren, sondern ebenfalls Jordanien und Saudi Arabien, die sich bisher sehr kritisch zu Israels Kriegsführung im Gazastreifen geäußert hatten. Die jordanische Luftwaffe hatte ebenfalls großen Anteil daran, dass keine iranischen Geschosse Israel erreichten. Und Riad kümmerte sich um die Raketen, die die Huthis aus dem Jemen abgefeuert hatten, aus anderen Ländern kamen wichtige Geheimdienstinformationen.

Dass die sunnitischen Staaten sich so eindeutig positioniert hatten und bei dem Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern Fünfe haben gerade sein lassen, war keine Selbstverständlichkeit, verweist aber auf die eigentlichen Gräben im Nahen und Mittleren Osten: Sie alle fürchten den Iran noch mehr, wissen um seine Ambitionen, die schiitische Einflusssphäre zu vergrößern und kennen das Potenzial der Mullahs, die Region weiter zu destabilisieren. „Diese arabischen Länder befinden sich in einer sehr kritischen Situation“, bringt es Oraib Al Rantawi, Direktor des Al Quds Center for Political Studies, einer Denkfabrik mit Sitz in Amman auf den Punkt. „Für sie alle ist es nicht unbedingt einfach, eine solche Position einzunehmen, insbesondere für Jordanien, das aus seiner Perspektive geopolitisch zwischen gleich zwei Unruhestiftern gefangen ist, und zwar Iran und Israel.“ Oder anders formuliert: Diese sunnitischen Staaten können sich nur begrenzt aus dem Fenster lehnen, wenn es um eine Zusammenarbeit mit Israel geht.

Umgekehrt aber öffnen sich Israel gerade Chancen einer sicherheitspolitischen Zusammenarbeit, die man auf jeden Fall nutzen sollte, weil die iranische Bedrohung keine ist, die Morgen wieder verschwunden sein wird. Langfristig bedeutet dies, dass Israel in seiner Auseinandersetzung mit dem Iran nicht allein in der Region ist, sondern im Notfall auf Partner mit sehr ähnlichen Interessen setzen kann. Das haben die Ereignisse in der Nacht vom Samstag auf Sonntag sehr deutlich bewiesen. Aber eine weitere Perspektive eröffnet sich dadurch, und zwar für Zeit nach dem Gazakrieg. Funktioniert die militärische Zusammenarbeit, dann hat man womöglich auch Partner für die Schaffung einer neuen Ordnung im Gazastreifen ohne die Hamas. All das sollte in den Überlegungen Israels, wie man auf den Angriff des Iran reagiert, nicht vergessen werden. Ob die aktuelle Regierung dazu willens und in der Lage ist, scheint nun die große Frage.