Eine Fellow Travelerin des israelfeindlichen Islamismus

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Judith Butler an der Universität Hamburg, 2007, Foto: Jreberlein / CC BY 2.5

Für Judith Butler ist das Hamas-Massaker ein „bewaffneter Widerstand“ gewesen. Die bekannte Feministin relativiert damit brutale Frauenmorde. Sie darf daher auch als Fellow Travellerin des israelfeindlichen Islamismus gelten.

Ein Kommentar von Armin Pfahl-Traughber

Judith Butler gilt als eine der einflussreichsten Intellektuellen weltweit. Große Bedeutung erlangte sie als feministische Philosophin, aber auch als Queer-Theoretikerin. Darüber hinaus positionierte sich Butler immer wieder zum Nahost-Konflikt, meist in einem Israel gegenüber feindlichen und nicht nur kritischen Sinne. Antisemitismusvorwürfe, etwa auch angesichts ihrer BDS-Unterstützung, wies sie von sich, meist mit dem Hinweis auf ihre jüdische Sozialisation, aber auch ihre Kehillah Community Synagogue-Zugehörigkeit. Angesichts dieser Hintergründe erstaunt immer wieder ihre öffentliche Positionierung. Dazu gehört eine 2006 erfolgte Einschätzung zweier islamistischer Organisationen: „Ja, es ist äußert wichtig, die Hamas und die Hisbollah als soziale Bewegungen zu verstehen, die fortschrittlich sind, die zur Linken gehören, die Teil einer globalen Linken sind.“ Kann eine Demokratin so etwas angesichts von deren Fundamentalismus so meinen? Oder: Kann eine Feministin so etwas angesichts deren Frauenbild so meinen?

Derart offensiv bejubelte Butler die Hamas fortan zwar nicht mehr, eine Relativierung ihrer brutalen Taten nahm sie gleichwohl vor. Diese macht jüngst folgende Aussage deutlich: „Wir können unterschiedliche Positionen zur Hamas als politischer Organisation haben und auch zum bewaffneten Widerstand. Aber ich denke, es ist ehrlicher und historisch korrekter, zu sagen, dass der Aufstand vom 7. Oktober ein Akt des bewaffneten Widerstands war. Es war kein Terroranschlag, es war kein antisemitischer Angriff. Es war ein Angriff auf die Israelis. Und Sie wissen, dass mir dieser Angriff nicht gefallen hat, das habe ich öffentlich gesagt. … Allerdings wäre ich wirklich dumm, wenn ich beschließen würde, dass die einzige Gewalt in dieser Region gegen das israelische Volk gerichtet ist.“ Immerhin gab es keine Bejubelung des Massakers, das Butler „nicht gefallen hat“. Diese Formulierung klingt aber mehr nach einer ästhetischen Kritik, welche bezogen auf das Ausmaß der Gewalttaten wohl schwerlich angemessen ist.

Angesichts der zitierten Aussagen darf noch an andere Fakten erinnert werden: Die Charta der Hamas dokumentiert ihr antisemitisches Selbstverständnis, insofern sind ihre Gewalthandlungen gegen Israelis auch als antisemitisch zu werten. Betroffen von dem Massaker waren nicht primär israelische Soldaten, sondern wehrlose Zivilpersonen. Das Ausmaß der Gewalt lässt sich dabei kaum in Worte fassen, muss doch „sexualisierte Gewalt“ angesichts der praktizierten Grausamkeiten verharmlosend wirken. Diese Dimension wurde von der Hamas gar nicht verschwiegen, schließlich stellte sie selbst entsprechende Filmaufnahmen auf Internetseiten. Deren Abgleich mit den von Butler vorgetragenen Deutungen veranschaulicht: Die bekannte Feministin relativiert und verharmlost schreckliche Frauenmorde, sie erscheinen ihr als Handlungen eines „bewaffneten Widerstands“. Selbst das Abschlachten von Babys und Kleinkindern wird darunter objektiv subsummiert. Es ging um ein schreckliches Blutbad, nicht um militärisches Vorgehen.

Butler, die sich ansonsten gern gegen Hassreden engagiert, verharmlost hier offenkundig Hasstaten. Bekundete Ambivalenzen zur Deutung der Hamas können da nur als rhetorischer Trick wahrgenommen werden. Angesichts deren früheren Einordnung auf der „globalen Linken“ darf hier eine latente Zustimmung unterstellt werden. Dagegen sprechen auch nicht zaghafte Andeutungen, welche auf ein gewisses Missfallen verweisen. Eine klare Distanzierung gegenüber den Grausamkeiten fehlt, relativierende Statements als Widerstandsakte sind vorhanden. Mit all dem ist Butler zu einer Fellow Travelerin des israelfeindlichen Islamismus geworden. Damit bezeichnete man ganz allgemein Intellektuelle, die zwar keine direkten Anhänger totalitärer Regime waren, ihnen aber immer wieder geistige Schützenhilfe gaben. Dass ausgerecht eine Feministin damit Frauenfeinden beipflichtet, lässt sich kaum noch mit differenzierten Formulierungen in Worte kleiden. Man darf auf die Butler gegenüber hier eingenommene Haltung anderer Linksintellektueller gespannt sein.

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