Be-itotejnu – in unserer Zeit

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Foto: Adriana Debi Rozen

Festvortrag von Prof. Dr. Jascha Nemtsov (Lehrstuhl für die Geschichte der jüdischen Musik / Weimar-Jena) bei der festlichen Eröffnungsveranstaltung der Themenwoche der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit München e.V.

Be-itotejnu – in unserer Zeit

Von Jascha Nemtsov, Berlin

Als ich vor etwa sieben Monaten im Sommer die höchst ehrenvolle Anfrage zu der heutigen Veranstaltung erhielt, sagte ich zwar gleich zu, machte mir aber über den Inhalt meiner Rede zunächst keine Gedanken. Bis März wird noch viel Wasser die Isar und den Jordan hinunterfließen, dachte ich, und Einiges wird gewiss passieren, was ich dann berücksichtigen sollte. Man kann sich darauf verlassen, dass es regelmäßig Nachrichten zu Juden gibt, gemäß dem Motto: „no Jews no news“. Und das sind in der Regel „bad news“. Als ich diese Anfrage bekam, konnte ich mir – wie wir alle – natürlich nicht im Alptraum vorstellen, was am 7. Oktober geschehen würde. Ich hatte am 7. Oktober gerade meinen 60. Geburtstag, es gab bei uns zu Hause eine Feier, und erst als die letzten Gäste spätabends weggingen, habe ich die Nachrichten angeschaut und realisiert, was dieser Tag für mein jüdisches Volk bedeutete.

Seitdem hat sich tatsächlich mehr als genug Stoff angesammelt, der in der heutigen Rede verwendet werden könnte. Sollte ich über die antisemitischen Demos weltweit sprechen? Über Universitäten, die für jüdische Studenten zu no-go-areas geworden sind? Oder doch wieder über die deutschen staatlichen Fördergelder, die jahrzehntelang auf Umwegen in die Hamas-Strukturen flossen? Vielleicht lieber über die letzte Berlinale, nur ein paar Tage her, als Künstler mit Palästinenser-Tüchern von der Bühne israelfeindliche Äußerungen abgaben – und als Reaktion einen tosenden Applaus des Publikums bekamen? Oder über antisemitische Parolen wie „Free Palestine. From the river to the sea“, die im Namen der Berlinale – wohlgemerkt aus Steuermitteln finanziert – verbreitet wurden? Ich könnte auch über die vielen Musiker und andere Künstler sprechen, die ihrem Israel-Hass in sozialen Netzwerken und bei öffentlichen Aktivitäten in den letzten Monaten freien Lauf ließen. Oder über den löblichen, aber erfolglosen Versuch des Berliner Kultursenators, die künftige Vergabe von Fördermitteln an ein Bekenntnis gegen den Antisemitismus zu koppeln. Bekanntlich gab es danach u.a. einen Protestbrief von fast 6000 Kulturschaffenden und Kunstmachenden; noch bevor ihr Recht auf Judenhass und somit ihre künstlerische Freiheit eingeschränkt werden konnten, wurde die Antisemitismusklausel gekippt.

Ja, auch aktuelle musikalische Themen gäbe es in diesem Kontext genügend wie etwa die Absage des Oratoriums „Israel in Ägypten“ von Georg Friedrich Händel, ein Werk aus dem 18. Jahrhundert, das in einem Neujahrskonzert des RIAS-Kammerchors Berlin erklingen sollte. In der Presseerklärung dieses renommierten Ensembles, das vom Deutschlandradio, der Bundesrepublik Deutschland, dem Land Berlin und dem Rundfunk Berlin-Brandenburg getragen wird, hieß es dazu: „Im Oratorium Israel in Egypt gibt es eine einseitige und alles erobernde Macht, die vor allem durch den Chor repräsentiert wird. Diese Darstellung, auch wenn sie dem Alten Testament entstammt, halten wir angesichts der aktuellen Situation nicht für angemessen“. Danach werden pflichtgemäß „Fanatismus, Antisemitismus und Hass“ verurteilt und die üblichen abgenutzten Floskeln von „Respekt, Toleranz und gegenseitiger Achtung“ beschworen. Wer wird aber hier als „einseitige und alles erobernde Macht“ vorgeführt?

Es ist niemand anderer als Gott. Es ist wohl zum ersten Mal, dass Gott persönlich gecancelt wurde. Die gewohnte Täter-Opfer-Umkehr, die aus der sogenannten Israel-Kritik bestens bekannt ist, wird hier auf die legendäre Geschichte vom Exodus projiziert: Nicht die biblischen Ägypter mit ihrem Pharao sind die Täter, die das israelitische Volk lange Zeit versklavten, ausbeuteten und auszurotten versuchten, sondern Gott, der nach vielen Mahnungen und Bitten, sein Volk in Frieden ziehen zu lassen, es schließlich gewaltsam befreite.

Ich möchte heute dennoch nicht eine Rede halten, in der ein jüdischer Vertreter schon wieder den Antisemitismus beklagt und sich bei den Politikern für ihre Unterstützung bedankt. Solche Reden gab es viele, weil es genügend Anlässe dafür gab. Der Judenhass begleitet praktisch die gesamte jüdische Geschichte. Wir Juden haben gelernt, damit zu leben, sonst wären wir ja heute nicht da. Und wenn einige von uns vergessen, wie es sich anfühlt, werden sie ab und zu daran erinnert. Solange der Antisemitismus nicht zu staatlicher Politik wird – davon sind wir Gott sei Dank sehr weit entfernt –, droht uns aber keine allzu ernste Gefahr.

Deswegen wollte ich heute eigentlich über etwas Anderes sprechen. Ich habe diese Rede „Be-itotejnu – in unserer Zeit“ betitelt und manche hatten vielleicht schon Assoziationen mit den lateinischen Worten Nostra aetate, die nicht nur ähnlich klingen, sondern auch das Gleiche bedeuten. Nostra aetate war der Titel der berühmten Erklärung über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen von 1965, ein Dokument, das für das jüdisch-christliche Verhältnis eine enorme Bedeutung hatte. Zum ersten Mal wurde damals, vor fast 60 Jahren, der Anspruch der katholischen Kirche auf das Wahrheitsmonopol offiziell aufgegeben und anderen Religionen, darunter auch der jüdischen, eine wahre Gottesverehrung zugebilligt. Theologisch gesehen war es das Ende der Substitutions- oder Enterbungslehre, mit der die Kirche fast zwei Tausend Jahre lang sich selbst zum „Neuen Israel“ und das Judentum zu einem Auslaufmodell erklärte.

Natürlich gibt es auch heute noch Antisemitismus in der Kirche – wie überall in der Gesellschaft. Theologisch gesehen gibt es aber im Christentum seit der Erklärung Nostra aetate keine Gründe mehr für die Ablehnung der jüdischen Existenz.

Selbstverständlich könnte man noch weiter gehen und sich nicht nur kritisch mit der eigenen Kirchengeschichte, sondern auch mit den judenfeindlichen Darstellungen im Neuen Testament auseinandersetzen. Wenn man heute zum Beispiel Bedenken wegen derartiger Darstellungen in den Passionswerken von Johann Sebastian Bach hat, so muss man klar sagen: Bach konnte nichts dafür, er hat nur die entsprechenden Texte des Neuen Testaments genial vertont. Um das Problem zu lösen, muss man diese Texte endlich so bewerten, wie sie sind, nämlich als tendenziöse, größtenteils frei erfundene judenfeindliche Geschichten, die mit tatsächlichen historischen Begebenheiten und dem zeitgeschichtlichen Kontext nur wenig zu tun haben. Ich bin sicher, dass auch diese Einsicht sich mit der Zeit durchsetzt. Man kann heute ein religiöser Mensch sein, ohne jedes Wort im Alten und Neuen Testament, im Koran und in anderen Heiligen Schriften blind glauben zu müssen. In unserer Zeit – nostra aetate – be-itotejnu – sitzen wir in Deutschland und Europa als Religionsgemeinschaften in einem Boot. Wir sind nun zusammen auf der Reise. Es ist eine schöne, erfreuliche Vorstellung, insbesondere angesichts der langen, größtenteils unerfreulichen Geschichte der jüdisch-christlichen Beziehungen.

Allerdings fährt dieses Boot durch unruhige, zum Teil auch stürmische Fahrwasser. Die Probleme, mit denen wir konfrontiert werden, sind sehr ähnlich. Etwa der Mitgliederschwund. Die Zahl der Kirchenaustritte, schon lange besorgniserregend, ist zuletzt rapide gestiegen, 900 000 wurden es in Deutschland in nur einem Jahr. Aber auch die Zahl der jüdischen Gemeinden und ihrer Mitglieder ist hierzulande seit 2005 stark rückläufig. Zur Zeit existieren in Deutschland 105 jüdische Gemeinden, also dreizehn weniger als noch vor einigen Jahren. Sie zählen insgesamt etwa 90.000 Mitglieder oder 18.000 weniger als 2005. Das ist in der Öffentlichkeit etwas weniger bekannt, vielleicht weil die sinkenden Mitgliederzahlen in einer gewissen Diskrepanz mit der steigenden staatlichen Förderung stehen, – aber auch mit den schönen Phrasen vom blühenden jüdischen Leben im besten Deutschland aller Zeiten…

Es gibt aber noch andere, existentielle Probleme, die unsere gemeinsame Reise so unsicher machen und das Boot – um bei dem Bild zu bleiben – eines Tages möglicherweise zum Kentern bringen könnten. „Die Kirche macht sich überflüssig“, so wurde vor einigen Tagen ein diskussionswürdiger Beitrag des Historikers Michael Wolffsohn in der Neuen Zürcher Zeitung betitelt. „Die größte Dummheit der Kirche ist, zu politisieren, statt sich mit dem Thema Gott-Mensch zu befassen“, heißt es dort gleich zu Beginn. Das gelte besonders für die deutschen Protestanten: „Mehr als andere betätigt sich die EKD als NGO, als austauschbarer Verband in der Verbandsdemokratie,“ so Wolffsohn. Die Kirche verzichte „als eine von vielen NGOs“ auf ihr „Alleinstellungsmerkmal Gottesbotschaft“ und mache sich so „selbst überflüssig“.

Diese Entwicklungen, das macht Wolffsohn mehrfach deutlich, gelten nicht nur für die Kirchen, sondern gleichermaßen auch für das Diaspora-Judentum. Menschen, die spirituelle Bedürfnisse haben und sich Sinnesfragen stellen, gehen nicht an einen Ort, der zwar Kirche oder Synagoge heißt, der aber alles Mögliche anbietet, nur keine Spiritualität, schon gar nicht an individuelle Bedürfnisse angepasste Spiritualität. Bestenfalls findet man dort trockene, für viele nur noch wenig verständliche Rituale, dazu wenig glaubwürdiges Personal und vor allem ganz viel Zeitgeist.

Trotz aller Krisen der vergangenen Zeiten, so Wolffsohn, bestand noch nie eine Auflösungsgefahr der Institution Kirche. In der jetzigen Krise schon. Wird aber nicht auch der Zentralrat der Juden, wenn es so weitergeht, irgendwann nur noch eine Handvoll älterer Menschen repräsentieren?

Friedrich Nietzsche sah bekanntlich im Christentum seiner Zeit, des ausgehenden 19. Jahrhunderts, bereits eine sinnentleerte, entkernte Religion. Sein häufig missverstandenes Apodiktum „Gott ist tot“ meint nämlich den institutionalisierten Gott, den Gott der Kirche. „Wohin ist Gott?“ schreibt Nietzsche in seiner berühmten Parabel vom „tollen Menschen“. „Ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder!“ Die Menschen hätten Gott durch ihren Lebenswandel getötet und das Schlimmste sei, dass niemand es bemerkt hat, Gott sei also entbehrlich, gar überflüssig geworden. Weiter heißt es in der Parabel: „Man erzählt noch, dass der tolle Mensch des selbigen Tages in verschiedene Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo [Die ewige Ruhe für Gott] angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: ‚Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?‘“

In der gegenwärtigen Sinneskrise steht aber nicht mehr nur Gottes Existenz und die Rolle der Kirche und der Synagoge zur Disposition. Auch die künftige Existenz von Mensch selbst erscheint nicht mehr als sicher.

In letzter Zeit verbreiten sich rationalistische Ideen, die eine radikale Umgestaltung der biologischen Natur des Menschen anstreben. Solche Ideen sind eine Weiterentwicklung der heute allgemein geächteten Eugenik unter den Bedingungen des digitalen Zeitalters. Wichtige Repräsentanten dieser Ideologie sind unter anderem der Chefentwickler von Google Ray Kurzweil oder der Historiker Yuval Harari, deren Konzepte mit Begriffen wie Transhumanismus oder auch Posthumanismus bezeichnet werden.

Worum geht es dabei? Der Transhumanismus sieht keinen qualitativen Unterschied zwischen Tier, Mensch und Computer, sondern nur einen quantitativen – deren Rechenleistung ist nämlich unterschiedlich. Die ist bei Mensch größer als bei Tier, bei Computer größer als bei Mensch. Demnach habe der Homo Sapiens als biologische Spezies in seiner jetzigen Gestalt keine Zukunft, er sei unvollkommen und könne mit der Maschine, mit der Künstlichen Intelligenz auf Dauer nicht mithalten. Er müsse daher durch sie ergänzt und zu einem Mischwesen, eine Art Cyborg, umgestaltet werden, und zwar möglichst schnell. Wenn die Menschen ihre eigene bio-technologische Nachrüstung nicht schnell genug vollziehen sollten, würde die KI die Macht über uns erobern.

Der deutsche Kulturwissenschaftler Roberto Simanowski nennt diese geistigen Protagonisten des Silicon Valley „die Geschäftsführer von Hegels Weltgeist“, weil sie die Abschaffung des Menschen als etwas Objektives, Positives und Fortschrittliches vermitteln. Zugleich stehen handfeste wirtschaftliche Interessen dahinter.

Dieses Denken ist keineswegs neu, wie es auf den ersten Blick vielleicht erscheinen mag. Derartige Ideen waren schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts stark verbreitet. Ein Beispiel ist die Lehre des großen russisch-jüdischen Biologen Ilja Metschnikow, der einer der ersten Nobelpreisträger für Medizin war. Nach Metschnikow leide der Mensch unter verschiedenen „Disharmonien“, wie er sie nannte, dazu gehörten Altern, Krankheiten, Sexualität und Todesangst. Er müsse daher „umgeformt“ werden. Diese „Umformung“ wäre mit rein medizinischen Mitteln zu erzielen: durch Operationen, Impfungen und neuartige Ernährung. Wenn der Mensch nicht mehr leiden muss, brauche er keine religiöse Tröstung mehr. Statt Todesangst bekomme er einen „Todesinstinkt“, ein Bedürfnis der Nichtexistenz, wenn er von seinem so perfekt optimierten Leben genug hat. Seine Lehre nannte Metschnikow „optimistische Philosophie“. Neben anderen Ideen aus dem Umfeld der damaligen Eugenik, wird auch diese „optimistische Philosophie“ in der angelsächsischen Welt noch heute intensiv rezipiert, es gibt sogar jährlich einen Metchnikoff-Day. Metschnikow war ein radikaler Atheist und legte im Übrigen eine nicht weniger radikale Menschenverachtung an den Tag.

Aber auch dieser neuzeitliche Rationalismus, der vollkommen ohne Gott auskommt und den Menschen verachtet, ist ideengeschichtlich gesehen eine Wiederbelebung des antiken hellenistischen Weltbildes. Denken wir etwa an den berühmten Dialog „Politeia“ – „Der Staat“ von Plato mit seinem Entwurf einer idealen, gänzlich auf Prinzipien der Vernunft und der „Idee des Guten“ begründeten Gesellschaft. Es ist eine Kastengesellschaft, in der die obere Kaste der Philosophen regiert. Alles ist von ihnen genau geregelt und alles (auch die Musik!) hat nach diesen Regeln zu funktionieren. Für Empathie, Spontaneität, Freiheit, Liebe und andere unvernünftige Dinge gibt es keinen Platz. Es gibt eigentlich gar keine Menschlichkeit. Sogar die Familie ist zum großen Teil aufgelöst und Menschen werden wie Nutztiere nach eugenischen Grundsätzen gezüchtet. Es wird auch für gute Gesundheit gesorgt – wer dennoch krank wird, soll am Sterben „nicht gehindert werden“…

Der antike und der neuzeitliche Rationalismus brauchen keinen Gott, weil sie stattdessen die Zahl als universelle, objektive und absolute Instanz haben. Die Besessenheit der heutigen Gesellschaft mit Zahl ist daher kein neues Phänomen. „Der Vermessungswahn der Gegenwart ist die Fortführung eines alten Erkenntnisdranges mit neuesten technischen Mitteln“, schreibt Roberto Simanowski. Der wesentliche Unterschied ist allerdings, dass die Menschheit heute zum ersten Mal in ihrer Geschichte technische Mittel, wirtschaftliche Interessen und politischen Willen besitzt, um die dystopischen Projekte – von denen frühere Denker wie Plato oder Metschnikow nur träumen konnten – tatsächlich umzusetzen und nicht nur Gott, sondern auch sich selbst abzuschaffen.

Nach der jüdisch-christlichen Vorstellung ist der Mensch kein perfektes Wesen. Vielmehr wurde er mit einem freien Willen gesegnet und muss ständig um das Gute und um den richtigen Weg ringen, ohne je Vollkommenheit erreichen zu können. Einen solchen unvollkommenen, leidenden, suchenden und Fehler machenden Menschen wollte die hellenistische Philosophie nicht haben. Auch in der „Schönen neuen Welt“ der heutigen Transhumanisten gibt es für ihn keinen Platz mehr.

Yuval Harari etwa erklärt den freien Willen – den Kern des jüdisch-christlichen Menschenbildes – für eine bloße Einbildung, eine Illusion. Es seien ausschließlich Rechenprozesse im menschlichen Hirn, die unser Verhalten bestimmen. Diese werden künftig mithilfe neuer Technologien erkannt, gemessen und simuliert, bzw. gesteuert, um das menschliche Verhalten zu optimieren.

Auch die menschliche Musik ist in dieser herrlichen Zukunft nicht vorgesehen, sie wird durch die „perfekte“ Computermusik ersetzt. In einem Fernsehinterview schwärmte Yuval Harari von den Fähigkeiten der Künstlichen Intelligenz: Diese sei angeblich imstande, „an einem Tag 5000 Choräle im Stil Johann Sebastian Bachs“ zu komponieren, die man von der Musik Bachs „nicht unterscheiden“ könne. Harari zufolge werden Künstler künftig nicht mehr gebraucht, denn die KI würde diese Aufgabe am besten erfüllen.

Die transhumanistische Ideologie, die pseudo-religiöse Züge aufweist, suggeriert unbegrenzte Möglichkeiten und verspricht eine bessere Welt, indem sie nicht nur Gott als Schöpfer, sondern auch den Menschen mit seiner natürlichen Unvollkommenheit und seinen schöpferischen Fähigkeiten abschaffen will. Diese Ansichten – das möchte ich ausdrücklich betonen – widersprechen fundamental allen jüdischen, christlichen und muslimischen Wertvorstellungen. Auch in dieser Hinsicht sitzen wir heute in einem Boot.

Die Künstliche Intelligenz kann wie jede neue Technologie in verschiedenen Bereichen dem Wohle des Menschen dienen. Sobald es aber darum geht, das Menschliche im Menschen durch die KI zu ersetzen, wird es problematisch. Das Beispiel mit Musik zeigt das anschaulich. Die bislang von der KI produzierte Musik ist in der Tat nicht nur von der Kunst eines Bachs meilenweit entfernt, das ist eigentlich gar keine Musik, sondern lediglich eine sinn- und geistlose Kombination von bereits bestehenden, von Menschen zuvor erzeugten Klängen – erinnern wir uns etwa an die breit beworbene Vorführung der sogenannten „10. Symphonie von Beethoven“, die 2021 stattfand. Die Musik als Kunst beginnt erst da, wo etwas Neues, Abweichendes, Unvorhersehbares entsteht, was keinem Algorithmus folgt, sondern den Bewegungen einer lebendigen Seele. Musik kann daher nur menschlich sein.

Das gilt aber für alles, was lebendig ist. Nicht zufällig nannte der bereits erwähnte Roberto Simanowski sein Buch „Todesalgorithmus: Das Dilemma der künstlichen Intelligenz“. Todesalgorithmus – da, wo die Zahl herrscht, endet das Leben. Es ist dann nur eine Art Pseudo-Leben – die Pseudo-Musik, die von der KI hergestellt wird, die Pseudo-Freundschaften auf Facebook, wo Likes, Klicks und Shares gezählt werden, die Pseudo-Bildung nach der Bologna-Reform, die nur noch in Leistungspunkten gemessen wird, die Pseudo-Politik, die ihre Entscheidungen nach den ausgeklügelten, aber sinnfreien Computer-Modellen ausrichtet, bis hin zur Pseudo-Moral des Social Credit Systems in China, das jede Handlung des Menschen registriert, erfasst und in eine Zahl übersetzt, um einen Ergebnis-Score zu ermitteln, ein soziales Konto, das den Wert eines Individuums und seinen Platz in der Gesellschaft bestimmt.

Ich persönlich bin davon überzeugt, dass der gegenwärtigen transhumanistischen digitalen Revolution künftig eine neue, humanistische und analoge Revolution folgen wird. Die Zahl, die digitalen Technologien werden natürlich nicht verschwinden, sie werden aber gebändigt und in Schranken gewiesen. Das ist die Frage unseres Überlebens.

Ich möchte daher mit einer optimistischen Geschichte enden, die gerade für unsere Zeit – nostra aetate – itotejnu – unsere durch die Gefahr eines globalen Krieges geprägte Zeit besonders bedeutsam ist: Es gibt in der Stadt Oberhausen eine Gedenktafel, die 2019 für einen russischen Offizier, Stanislaw Petrow, aufgestellt wurde. Während des Kalten Krieges diente Petrow in der Kommandozentrale des sowjetischen satellitengesteuerten Frühwarnsystems. Am 26. September 1983 meldete das System einen atomaren Angriff der USA auf die Sowjetunion und es wurden bereits die sowjetischen Interkontinentalraketen entsichert, die zum atomaren Gegenschlag starten sollten. Es war dann die alleinige Entscheidung von Petrow, der diesen Alarm korrekt als technisch bedingten Fehlalarm interpretierte und die Vorbereitung von Raketenstart eigenverantwortlich stoppte. Dadurch verhinderte er sehr wahrscheinlich den Dritten Weltkrieg. Ein Unternehmer aus Oberhausen, ironischerweise ein Bestattungsunternehmer, namens Karl Schumacher, besuchte Petrow in der Nähe von Moskau Ende der 1990er Jahre, erst dann wurde die Geschichte in Deutschland, später auch international bekannt. Petrow bekam mehrere Auszeichnungen, auch von der UNO. Nach seinem Tod wurde in Oberhausen das erwähnte Denkmal für ihn aufgestellt. Die Inschrift darauf ist in drei Sprachen – Russisch, Englisch und Deutsch, sie lautet: „Wäre er den Computermeldungen gefolgt, wäre der sofortige atomare Gegenschlag erfolgt und damit der Tod von Millionen Menschen in den USA, in Europa und Russland die Folge gewesen.“

Bild oben: V.l.n.r. Reiner Schübel, Evangelischer Vorsitzender GcjZ München
Reinhard Marx, Kardinal der römisch-katholischen Kirche und Erzbischof von München und Freising
Dr. Andreas Renz, Katholischer Vorsitzender GcjZ München
Dr. Florian Herrmann, MdL, Staatsminister für Bundesangelegenheiten und Medien
Celeste Schüler, 2. Jüdische Vorsitzende GcjZ München
Prof. Dr. Jascha Nemtsov, Lehrstuhl für die Geschichte der jüdischen Musik, Weimar-Jena
Kasa Bainesay-Harbor, Vize-Generalkonsulin des Generalkonsulats des Staates Israel für Süddeutschland
Barbara Kittelberger, 2. Evangelische Vorsitzende GcjZ München