Die Herrlichkeit des Lebens

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© Majestic/Christian Schulz

Einen unendlich schönen Film habe ich gesehen. Skeptisch war ich. Einen Film über Franz Kafka, einen Spielfilm? Sicherlich hat jeder Leser, der Kafkas Bücher kennt und sich mit seinem Leben befasst hat, eine andere Meinung über den weltberühmten Schriftsteller Franz Kafka aus Prag. Ich hatte meine eigene, eine undurchsichtige zusammengereimte Meinung, deshalb die Skepsis.

Von Christel Wollmann-Fiedler

Dora Diamant lernt Kafka 1923 an der Ostsee in Graal-Müritz kennen. Dora verliebt sich in ihn, auch seine Gedanken sind nur noch bei ihr, möchte Spaziergänge in die Unendlichkeit mit ihr unternehmen und Stunden mit ihr verbringen. Er klammert sich an diese starke, selbstbewusste Frau, die mit Kindern aus dem Berliner jüdischen Volksheim die Ferien an der See verbringt. Dora bringt ihm ein wenig die jüdische Religion am Schabbat näher. Ihm sind die Rituale recht unbekannt, doch gefallen sie ihm von Mal zu Mal mehr. In seinem Prager Elternhaus spielt das jüdische Leben kaum eine Rolle. Doch Kafkas Familie spielt eine erhebliche Rolle, sie lassen ihn nicht los. Sicherlich ist er auch auf ihre finanzielle Zuwendung angewiesen, um seinen Alltag leben zu können. Der Vater schwirrt im Hinterkopf, ist ein Despot, wohl ein Choleriker.

Nun kommt Dora in sein Leben. Seine persönlichen Eigenarten, seine Schwächen, seine Krankheit, die Tuberkulose, verschweigt er nicht, Dora lässt sich nicht abschrecken, glaubt an ihn. Ohne Familie und finanzielle Unterstützung geht Franz Kafka 1923 nach Berlin, um Dora näher zu sein. Sie sorgt regelrecht für ihn, wo sie kann, liebt ihn, er sie. Max Brod, sein Freund, besucht ihn in Berlin, vermittelt einen Verlag für Kafkas Geschichten, die angenommen werden. Die Tuberkulose gibt keine Ruhe, doch Dora steht zu ihm. Heftiger wird die Krankheit, Kafkas Familie bringt ihn, den Sohn Franz, in eine Lungenheilstätte, weit weg von Berlin und Prag. Dora besucht ihn in der Heilstätte, bleibt bei ihm, pflegt ihn aufopfernd bis er stirbt im Juni 1924.

„Die Herrlichkeit des Lebens“ sollte man ansehen. Nicht dramatisch, nicht sentimental, traurig schön. Eine wunderbare Inszenierung nach dem Buch von Michael Kumpfmüller aus dem Jahr 2013, großartige schauspielerische Leistung von Henriette Confurius als Dora und Sabin Tambrea als Franz.

Nach der Filmpremiere im Delphi Filmpalast in Berlin Charlottenburg werden alle Beteiligten des Films, die Schauspieler und sogar die Kinder, die seinerzeit mit Dora im Film an der Ostsee Ferien verbringen, auf der Bühne vorgestellt. Unendlich viel Applaus bekommen alle.

Die Nachfahren von Dora Diamant sind aus Tel Aviv nach Berlin gekommen. Eine große Ehre für Berlin, eine große Ehre für den Film.

Franz Kafka, geb. 1883 in Prag – gest. 1924 in Kierling-Klosterneuburg, beerdigt in Prag

Dora Diamant, geb. 1898 in Pabianice/Zentralpolen – gest. 1952 in London
1936 geht sie in die Sowjetunion, von dort 1940 nach Großbritannien

Max Brod, geb. 1884 in Prag – gest. 1968 in Tel Aviv
1938 flieht er mit seiner Frau nach Palästina

Die drei Schwestern von Franz, Valli, Elli und Ottla werden in der berüchtigten Nazizeit in Konzentrationslagern ermordet.