„Nach dem 7. Oktober“

0
549

Tania Martini und Klaus Bittermann haben den Sammelband „Nach dem 7. Oktober. Essays über das genozidale Massaker und seine Folgen“ herausgegeben. Die Autoren sprechen die unterschiedlichsten Gesichtspunkte an: die fehlende Empathie in der Linken, aber auch der Mehrheitsgesellschaft, die „Kontextualisierung“-Narrative und die Täter-Opfer-Umkehr oder antisemitisch geprägte Unruhen an US-Universitäten. Ein ebenso beachtenswerter wie beklemmender Sammelband liegt vor.

Von Armin Pfahl-Traughber

Nach dem antisemitischen Massaker am 7.Oktober 2023 ließ sich relativ schnell eine Täter-Opfer-Umkehr ausmachen. Während die damit einhergehenden Grausamkeiten zunächst noch ein mediales Thema waren, schwenkte die Stimmung nach nur wenigen Tagen danach wieder um. Da sollten die Ereignisse „kontextualisiert“ werden, was eine sozialwissenschaftliche Selbstverständlichkeit ist. Hier ging es aber um eine ganz andere Blickrichtung auf Israel, wonach die Hamas einen berechtigten Widerstandsakt vollzog. Derartige Auffassungen teilten nicht nur einschlägige Sympathisanten, auch formal höher gebildete Intellektuelle und Studierende gehörten dazu. Daran erinnern die „Essays über das genozidale Massaker und seine Folgen“, so der zum Haupttitel des zum Sammelband „Nach dem 7. Oktober“ gehörenden Untertitel. Editiert haben ihn Klaus Bittermann, Edition Tiamat-Herausgeber, und Tania Martini, Redakteurin bei der taz. Darin finden sich meist Artikel, die bereits im letzten Herbst erschienen waren. Man merkt den Autoren auch noch ihre Betroffenheit an.

Gleiches gilt für die beiden Herausgeber, welche begründet von der genozidalen Dimension der Ereignisse sprechen und dabei die relative Gleichgültigkeit in der Öffentlichkeit thematisieren. „Allzu viele brachten nicht einmal den Hauch eines Mitgefühls auf“ (S. 10), heißt es etwa bei Bittermann und Martini mit nachvollziehbarer Zuspitzung. Diesen Eindruck teilten auch viele der Mitautoren, wobei sie insbesondere auf die Ignoranz der Linken verwiesen. Indessen ist die Blickrichtung in dem Sammelband viel weiter orientiert. Die einzelnen Beiträge haben dabei unterschiedliche Schwerpunkte, etwa wenn Jeffrey Herf die historische Kontinuität antisemitischer Tendenzen in der arabischen Welt thematisiert oder Claudius Seidl die US-amerikanischen Universitäten ins Zentrum stellt. Eva Illonz urteilt: „Wir, die Linken? Nicht mehr!“. Sie betont einen persönlichen Bruch mit diesem politischen Lager: „Ein großer Teil der Linken … begrüßte entweder die Nachrichten von den Massakern, oder sie hat sie mit intellektuellen Vernebelungsstrategien abgetan“ (S. 47).

Andere Beiträge wie die von Deborah Hartmann und Tobias Ebbrecht-Hartmann kritisieren das „Kontextualisierung“-Narrativ, das „zum glatten Gegenteil eines universellen Humanismus“ führe und nicht mehr in der Lage ist, „die spezifische Qualität von Unmenschlichkeit zu unterscheiden“ (S. 69). Gerade Judith Butler, immerhin eine international einflussreiche Intellektuelle, stehe für eine solche Perspektive. Andere Beiträge gehen auf die zahlreichen offenen Briefe ein, worin sich bekannte Personen per Unterschrift verewigt hatten. Seyla Benhabib nimmt etwa eine solche Kritik vor, durchgängig mit guten Argumenten, aber auch mitunter mit einem zornigen Unterton. Beachtenswert ist außerdem das Interview mit einem Protestforscher, worin Wolfgang Kraushaar ideengeschichtliche Zusammenhänge veranschaulicht. Insbesondere in linker „Identitätspolitik“ und „Post-Kolonialismus“ werden die ideologischen Wurzeln gesehen. Mitunter offenbart sich auch der Antisemitismus als Einstellung und damit als Ursache.

Und immer wieder sind die Campuse von US-Eliteuniverstäten ein Thema, wo es gar körperlich Angriffe auf jüdische Studierende gab. Günther Jikeli und Kira Kramer äußern sich dazu, wobei sie anhand von konkreten Fällen das Gemeinte thematisieren. Meist entstammen die Beiträge der „Frankfurter Allgemeinen“ oder „Süddeutschen Zeitung“, gelegentlich auch der „Jungle World“ oder der „taz“. Anders ausgerichtete Beiträge wie etwa aus der „Jungen Welt“ kommen nicht vor, wobei deren Dokumentation das Kritisierte wohlmöglich besser veranschaulicht hätte. Der ideologiekritische Blick, der viele der Autoren auszeichnet, stünde hier für eine interessante Perspektive. Auch wenn die meisten Beiträge schon veraltet sind, so präsentieren sie doch wichtige Momentaufnahmen. Dazu gehört die für viele Juden bittere Lehre, wonach sie sich bezogen auf die Linken nicht auf deren Solidarität verlassen können. Bilanzierend handelt es sich um einen bedeutsamen und lesenswerten Sammelband. Fern jeder Apologie kritisieren viele Autoren auch die Netanjahu-Regierung.

Tania Martini/Klaus Bittermann (Hrsg.), Nach dem 7. Oktober. Essays über das genozidale Massaker und seine Folgen, Berlin 2024 (Edition Tiamat), 231 S., 24 Euro, Bestellen?

LESEPROBE