Jüdische Stimmen hörbar machen

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Für die Dokumentation von Antisemitismus seit dem 7. Oktober 2023 aus jüdischer Perspektive in Deutschland werden Interviewpartner:innen gesucht

Der 7. Oktober 2023 markiert eine Zäsur innerhalb der jüdischen Geschichtsschreibung. Seit die Terrororganisation Hamas an jenem Tag mehr als 1.200 Menschen ermordete, über 240 weitere als Geiseln nahm und nach Gaza verschleppte und mehrere Tausend Raketen auf Israel abfeuerte, ist für Jüdinnen und Juden weltweit eine neue Qualität von Bedrohung spürbar. Obgleich sich unter den Opfern unter anderem auch arabische Israelis, Arbeitsmigrant:innen und Tourist:innen befanden, handelte es sich bei der übergroßen Mehrzahl der Opfer des von der Hamas und ihren Verbündeten durchgeführten Massakers um jüdische Israelis. Seit dem Holocaust hatte keine antisemitische Gewalttat, kein primär gegen Jüdinnen und Juden gerichteter Akt des Terrors, mehr Opfer gefordert. Während in den internationalen Medien in den ersten Tagen nach dem 7. Oktober das Massaker und das Leid der Opfer dominierten, verschob sich die mediale Aufmerksamkeit schon bald Richtung Gaza und auf die Situation der dortigen palästinensischen Zivilbevölkerung, die durch die anhaltenden israelischen Angriffe erhebliches Leid erfahren hat und noch immer erfährt. Während für Jüdinnen und Juden innerhalb wie außerhalb Israels in den Wochen und Monaten seit dem 7. Oktober das gesamte Ausmaß des Massakers überhaupt erst ersichtlich wurde, haben weite Teile der internationalen Öffentlichkeit bereits weitgehend das Interesse verloren. Je länger der 7. Oktober zurücklag, desto mehr wurden die Geschehnisse dieses Tages durch jüngere Kriegsereignisse in Gaza in den Hintergrund gedrängt.

Während- und infolgedessen kam es in der gesamten westlichen Welt zu einem sprunghaften Anstieg antisemitischer Gewalttaten. Dies gilt auch und insbesondere für Deutschland. Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS e.V.) sprach in einer ersten Erhebung vom 9. November 2023 von einem Anstieg von über 320 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In absoluten Zahlen ausgedrückt, entspricht das einem Anstieg von rund sieben auf 29 antisemitische Vorfälle pro Tag. Antisemitismus tritt dabei in verschiedenen Formen zutage und reicht von Sachbeschädigungen über verbale Bedrohungen bis hin zu körperlicher Gewalt und (versuchten) Brandanschlägen. Dass sich Jüdinnen und Juden durch antisemitische Angriffe bedroht fühlen und sich ihr Alltag seit dem 7. Oktober massiv verändert hat, belegen ferner die ebenfalls sprunghaft angestiegene Zahl der Anfragen, die die Beratungsstelle OFEK e.V., die von Antisemitismus Betroffenen psychologische Beratung bietet, erreichen. Auch in zahlreichen Zeitungsartikeln und Dokumentationen berichten die primär in der Öffentlichkeit stehenden Jüdinnen und Juden stellvertretend für die jüdische Community von ihrem veränderten Alltag in Deutschland. Während es mit RIAS e.V. eine Dokumentationsstelle für Antisemitismus in Deutschland gibt, fehlt es bisher an einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit jüdischen Stimmen und ihrer Perspektive auf und das Erleben von Antisemitismus seit dem 07. Oktober 2023 in Deutschland. Ähnlich zu Dokumentations- und Oral History Projekten in Israel und den USA, die damit begonnen haben, das Massaker vom 07. Oktober systematisch zu dokumentieren und die Stimmen der Opfer zu sammeln, geht es uns um die systematische Sammlung, Dokumentation und Auswertung der Erfahrungen von Jüdinnen und Juden auf den sich seit dem 07. Oktober ausbreitenden Antisemitismus in Deutschland.

Das Sammeln und Dokumentieren antisemitischer Gewalt durch eine explizit jüdische Perspektive weist bereits auf eine lange Tradition zurück. Schon während des Pogroms von Kishinev im Jahr 1903 machte es sich eine Gruppe jüdischer Schriftsteller:innen, Journalist:innenen und Wissenschaftler:innen zur Aufgabe, Dokumente, die den Antisemitismus belegen, zu sammeln. Auch die Opfer der antisemitischen Gewalt selbst, also Jüdinnen und Juden, wurden interviewt und dazu ermutigt, ihre Erfahrungen zu protokollieren. Das gesammelte Material sollte später der eigenen Geschichtsschreibung dienen, aber auch im Rahmen von Gerichtsprozessen verwendet werden können.

Ähnliche Dokumentationsprojekte gab es später anlässlich weiterer Pogrome in der Zeit während und nach dem Ersten Weltkrieg sowie insbesondere während und nach der Shoah. Neben dem bekannten Ringelblum-Archiv im Untergrund des Warschauer Ghettos, zählen dazu auch die zahlreichen jüdischen Historikerkommissionen, die sich gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in ganz Europa gründeten und systematisch jüdische Erlebnis- und Augenzeugenberichte protokollierten und schließlich auch wissenschaftlich auswerteten. Nicht selten wurden diese schließlich auch zur Beweisführung in den verschiedenen Gerichtsprozessen der Nachkriegszeit herangezogen. Das heute wohl größte Dokumentationsprojekt jüdischer Stimmen stellt die 1994 von Steven Spielberg gegründete Survivors of the Shoah Visual History Foundation (Shoah Foundation) dar, die weltweit die Erlebnisse von Holocaustüberlebenden in Form von Videointerviews sammelt, um sie nachfolgenden Generationen im Rahmen von Bildungs- und Forschungsprojekten zugänglich zu machen.

Ziel der Studie:

Das Forschungsprojekt möchte an diese Tradition der Zeug:innenschaft anknüpfen. Unser interdisziplinäres Forschungsteam besteht aus Dr. Anne-Christin Klotz, Historikerin und Kulturwissenschaftlerin mit Schwerpunkt auf der Geschichte der Shoah in Osteuropa und jiddischer Kultur und Dr. Jasmin Spiegel, Psychologin und Psychoanalytikerin mit klinischem Schwerpunkt auf Traumafolgestörungen. Wir bewegen uns an der Schnittstelle zwischen Psychologie, Geschichts- und Kulturwissenschaften, und haben es uns zum Ziel gesetzt, innerhalb des deutschen Kontextes jüdische Perspektiven auf und Erfahrungen mit Antisemitismus nach dem Massaker vom 7. Oktober zu sammeln, zu erfassen und zu bezeugen. Die Interviews sollen leitfadengestützt geführt und wissenschaftlich inhaltsanalytisch ausgewertet werden. Die Fragestellungen beziehen sich hierbei unter anderen auf das Erleben verschiedener Formen von Antisemitismus, die gefühlte Sicherheit als Jüdinnen und Juden in Deutschland sowie die Beziehungen zum jeweiligen nichtjüdischen Umfeld. Ferner sollen auch eine mögliche Tradierung familiärer Traumata, Einflüsse und Veränderungen auf die jeweils eigene jüdische Identität sowie etwaige Coping-Strategien beleuchtet werden.

Ablauf der Studie:

Die Interviews sind auf eine Dauer von etwa 60 Minuten angelegt. Sie sollen via Zoom stattfinden, zwecks Auswertung aufgezeichnet und – die Zustimmung der Interviewten vorausgesetzt – anonymisiert archiviert werden. Wir wenden uns explizit an alle Menschen, die sich entweder von Antisemitismus betroffen fühlen oder ihre Perspektiven zu diesem Thema teilen möchten. Die Interviews werden in der Regel auf Deutsch, Englisch oder Hebräisch stattfinden und unterliegen der Schweigepflicht. Sollte es nicht möglich sein, das Interview in einer der genannten Sprachen durchzuführen, können auf Nachfrage die Interviews auch auf anderen relevanten Sprachen wie Russisch, Ukrainisch, Jiddisch, Polnisch, Spanisch oder Französisch durchgeführt werden.

Vertraulichkeit der Daten:

Ausschließlich die an der Studie beteiligten Mitarbeiter:innen haben Zugriff auf das erhobene Material und unterliegen strikt und ausnahmslos der Schweigepflicht. Ihre Daten werden verschlüsselt, d.h., dass Bezugsdaten wie Name und Geburtsdatum gelöscht und durch einen Schlüssel (Code) ersetzt werden (Pseudonymisierung). Die Schlüssel-Liste verbleibt ausschließlich bei den an der Studie beteiligten Mitarbeiter:innen. Sie haben jederzeit das Recht auf Einsicht in Ihre Daten. Die Daten werden anonymisiert archiviert. Wir halten alle Vorgaben des Datenschutzes ein und werden Ihren Namen nirgends, weder in einer Publikation noch im Internet öffentlich machen. Sie können jederzeit Ihre Teilnahme am Projekt beenden, wenn Sie das wünschen. Hierdurch entsteht für Sie kein Nachteil. Leider können die Interviews nicht vergütet werden.

Kontaktaufnahme:

Falls Sie Interesse haben, an dem Projekt mitzuwirken und sich interviewen zu lassen, wenden Sie sich bitte an: interviewproject@savion.huji.ac.il. Wir bemühen uns dann, schnellstmöglich Kontakt zu Ihnen aufzunehmen und einen Interviewtermin per Zoom zu vereinbaren.

Durchführendes Forschungsteam:

Dr. Anne-Christin Klotz, Hebrew University of Jerusalem (annechristin.klotz@mail.huji.ac.il)
Dr. Jasmin Spiegel, Hebrew University of Jerusalem (jasmin.spiegel@mail.huji.ac.il)