Ein „Segen zu werden für die Menschheit“

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1901 formulierte die Frankfurt-Loge des Ordens B’nai B’rith ihren universellen Leitgedanken: „… ein Segen zu werden für die Menschheit, das ist’s was die Vereinigung der Bne Briss erstrebt“. Gegründet 1888 (im gleichen Jahr wie die Jerusalem-Loge des B’nai B’rith Israel), war sie die 20. Loge des deutschen Distrikts des Ordens mit zuletzt 103 Logen; letzter Großpräsident war Rabbiner Dr. Leo Baeck.

Von Siegbert Wolf

Den B’nai B’rith („Söhne des Bundes“ mit Gott) – heute eine der größten jüdischen Organisationen – gründeten bereits 1843 zwölf deutsch-jüdische Einwanderer in New York. Unter dem Banner von Wohltätigkeit, Bruderliebe (heute: Bruder-/Schwesterliebe) und Eintracht wuchs er bis nach Europa: In Berlin errichteten vormalige jüdische Freimaurer 1882 die Deutsche Reichsloge, nur drei Jahre später entstand die Großloge des Deutschen Distrikts VIII des B’nai B’rith. Unter ihrem Dach gedieh deutschlandweit ein Netzwerk jüdischer Logen mit geschätzt bis zu 15.000 Logenbrüdern; hinzu kamen die sehr aktiven angeschlossenen Frauenvereinigungen mit einer ähnlichen Anzahl an Logenschwestern. Der verbindliche Rahmen eines bürgerlich-humanistischen Ordens festigte den Zusammenhalt verschiedener jüdischer Richtungen gegen die permanente Judenfeindschaft. Liberale Reformer, gesetzestreue Orthodoxe und Freidenker kämpften Seite an Seite für die Rettung und Heilung des von Antisemitismus, „Assimilation“ und Konversion bedrohten deutschen Judentums. Die Wiederentdeckung und Erneuerung geistig-kultureller und sozialer Überlieferungen paarte sich mit der Verbreitung jüdischen Wissens. Eine vorbildliche Zedaka für Juden wie Nichtjuden sollte die eigene Gemeinschaft stärken, der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft helfen und letztlich in die Genesung der gesamten Menschheit münden.

An dem hohen Ansehen des Ordens hatte die Frankfurt-Loge – gemeinsam mit ihren Tochterlogen, benannt nach dem Mitbegründer Rabbiner Marcus Horovitz und dem Philosophen Hermann Cohen – als die drittgrößte Loge des deutschen Distrikts maßgeblichen Anteil. Über den bislang unerforschten Frankfurter B’nai B’rith mit geschätzt 2.000 Logenbrüdern und -schwestern hat die Historikerin Birgit Seemann im Auftrag der B’nai B’rith Frankfurt Schönstädt Loge erstmals eine 500-seitige Erinnerungsstudie vorgelegt. Den Lesenden eröffnet sich in zehn anschaulichen Kapiteln mit zahlreichen Abbildungen die Lebensgemeinschaft eines jüdischen Ordens: die Persönlichkeiten und Logenfamilien der Gründergeneration, die Sozial-, Arbeits-, Bildungs- und Kulturprojekte, das Logenheim als „Jewish Place“ und als Gesellschaftshaus für alle Frankfurter/innen, die noch weiter zu erforschende beeindruckende Frauengeschichte in ausgewählten Biografien, das patriotische Engagement im Ersten Weltkrieg (von der Organisation eigener Lazarettzüge bis zur Mitbegründung der heutigen Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland), in der Weimarer Zeit die Mitwirkung an Logenbruder Franz Rosenzweigs Freiem Jüdischen Lehrhaus und die Förderung der Kunst, im April 1937 die Zerschlagung des deutschen Distrikts und das Standhalten unter der NS-Verfolgung, Erinnerung an den B’nai B’rith als „Who’s who“ der Frankfurter Stadtgeschichte, im Nachkriegsdeutschland die „Wiedergeburt“ der Frankfurt-Loge mit Persönlichkeiten wie Max Horkheimer – heute die B’nai B’rith Frankfurt Schönstädt Loge.

Seine religiöse und politische Vielfalt schätzte der Frankfurter B’nai B’rith, wie die Autorin hervorhebt, als Bereicherung, ebenso die verschiedenen Berufe, darunter Ärzte, Architekten, Juristen, Kaufleute, Künstler, Pädagogen und Wissenschaftler – bis zur NS-Zäsur innovative und anerkannte Frankfurter Stadtbürger/innen. Bekannte Rabbiner wie Marcus Horovitz, Leopold Neuhaus, Nehemias Anton Nobel, Georg Salzberger oder Max Dienemann (Offenbach a.M.) waren Brüder der Frankfurt-Loge. Als weitere namhafte Persönlichkeiten wirkten, um nur einige zu nennen, die Philosophen Hermann Cohen und Franz Rosenzweig, die Historikerin und erste Bertha Pappenheim-Biografin Dora Edinger (Chefredakteurin der Verbandszeitschrift „Die Logenschwester“ der Frauenvereinigungen des deutschen Distrikts), der Bildhauer und Fußballpionier Bruno Elkan, Naphtali und Rosa Fromm (Eltern des Sozialphilosophen Erich Fromm), der Kinderarzt Professor Paul Grosser (Vater des Publizisten Alfred Grosser), der Gestalter des deutschen Arbeitsrechts Hugo Sinzheimer, das Kaufhauspionier-Ehepaar Hermann und Ida Wronker.

Nach der Shoah waren die allermeisten Logen des deutschen Distrikts vergessen. Auch deshalb erschließt Birgit Seemanns Studie gemeinsam mit den Nachbarstudien zum B’nai B’rith in Mannheim und in Nürnberg – als Gesamtprojekt gefördert durch das Bundesministerium des Innern und für Heimat – wissenschaftliches Neuland. Es gilt, „das Erinnerungswerk für die insgesamt 103 größeren und kleineren B’nai B’rith-Logen in Deutschland sowie darüber hinaus in den damals nationalsozialistisch besetzten Ländern Europas fortzusetzen“ (eBook S. 28).

Birgit Seemann: „… ein Segen zu werden für die Menschheit …“. Der jüdische Orden B’nai B’rith in Frankfurt am Main und seine Logen (1888–1937). Frankfurt a.M. 2023, 508 S. mit zahlr. Abb.

Birgit Seemann:  Jüdische Lebensgemeinschaft und „geistige Hochschule“. Der jüdische Orden B’nai B’rith in Nürnberg und seine Logen (1903–1937). Frankfurt a.M. 2024, 113 S. mit zahlr. Abb.

Edgar Bönisch: „… zum Segen des Judentums und der ganzen Menschheit.“ Die August Lamey-Loge in Mannheim im jüdischen Orden B’nai B’rith (1896–1937). Frankfurt a.M. (erscheint Ende Februar  2024), ca. 250 S. mit zahlr. Abb.

Die Publikationen sind erhältlich über den Selbstverlag der B’nai B’rith Frankfurt Schönstädt Loge e.V.: als Print-Ausgaben (Selbstkostenpreis) und als eBooks: https://bnaibrith-ffm.de/de/history) (kostenfrei).